Ta-hui: das begriffliche Bewusstsein

 ta-huiLänger als die Menschen sich zurückerinnern können,
sind sie schon dem begrifflichen Bewusstsein hörig.
Sie schwimmen dahin in den Wellen von Geburt und Tod,
und es gelingt ihnen nicht, unabhängig zu sein.
Wenn sie Geburt und Tod verlassen wollen,
müssen sie den Lauf des begrifflichen Bewusstseins
entschlossen abschneiden.

Ch’an-Meister Ta-hui

Hörig nennt Ta-hui das Verhältnis der Menschen zum begrifflichen Denken. Eines der Dinge, die sie am meisten fürchten, ist der Verlust des begrifflichen Denkens im Alter. Von Kindesbeinen an werden sie geradezu dressiert, sich sprachlich auszudrücken: “ Mam-ma, sag Mam-ma!“ – „Ma…“ – „Hast du’s gehört, er/sie hat Mama gesagt!“ Sprache ist das, was uns am meisten von den Tieren unterscheidet, wird gesagt. Und dass sie uns zu den Herrschern der Welt macht. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden kriecht!“, hat Gott gesagt. Steht schon sehr begrifflich in der Genesis. Wer sich das wohl ausgedacht hat?

Den Herren der Welt ist es bisher nicht gelungen, sich von ihrer angeblich größten Errungenschaft unabhängig zu machen – dem begrifflichen Bewusstsein. Gleichzeitig haben sie Fähigkeiten eingebüßt, die jedes andere Lebewesen ganz mühelos beherrscht. Gott sei Dank gibt es ja Lehrer, die einem mit vielen Worten das Verlorengegangene wiederzubeschaffen versprechen.

sWie sie’s bloß machen – so ganz ohne Worte?

„Ich fürchte mich so vor des Menschen Wort.“, sagte Rilke, und möglicherweise kennt der eine oder andere diese leise Scheu, Dinge in Worte zu quetschen, die ihn ganz tief in der Seele berühren. Das, worum es eigentlich geht, kann dabei leicht unwiederbringlich verloren gehen. Die Dichter der Liebe sprachen häufig in beredten Worten von etwas, das vielleicht ihrer Vorstellung entsprach, wovon sie aber im Grunde nicht die geringste Ahnung hatten. Ähnliches gilt natürlich auch von dem, was Erleuchtung genannt wird. Wie unendlich erholsam ist es, einfach draußen in der Natur zu sein und mit seinen Mitgeschöpfen zu schweigen. Und wie anstrengend ist es, sich auf Partys oder in irgendwelchen Diskussionsrunden oder auf politischen Veranstaltungen herumzutreiben.

„Wenn sie Geburt und Tod verlassen wollen, müssen sie den Lauf des begrifflichen Bewusstseins entschlossen abschneiden.“, sagt Ta-hui oder wieder und bis zum Erbrechen Seng-ts’an: „Enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Enthalte dich nur deiner ständigen Benennungen, deiner Urteile und deines Glaubens, dass diese irgendeine Bedeutung hätten.

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10 Antworten zu Ta-hui: das begriffliche Bewusstsein

  1. fredo0 schreibt:

    … und wenn es dann noch geschieht, dass du dich des enthalten enthältst ,
    könnte es sein … du bist im leben …eben !
    bzw. ist da ein bemerken, dass dies leben … eben ja nie verlassen wurde .

    und wie überflüssig ist selbst dies bemerken ..

    überflüssig … und … im überflüssigen halt so … leben … eben !

    fein. ( noch ne überflüssige meinung … aber ne feine🙂 )

    o

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  2. Brigitte schreibt:

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  3. Chantal schreibt:

    „Hörig nennt Ta-hui das Verhältnis der Menschen zum begrifflichen Denken. Eines der Dinge, die sie am meisten fürchten, ist der Verlust des begrifflichen Denkens im Alter.“
    Lieber Nitya,
    das trifft genau bei mir zu. Ich bemerke das mit Schrecken. Das Denken lässt nach. Es wird still im Kopf. Manchmal kommt da gar nichts. Das war mir besonders unangenehm, als ich vor Weihnachten gute Wünsche an Bekannte und Verwandte schreiben wollte. Es fielen mir einfach keine guten Wünsche mehr ein. Habe mir dann irgendwelche wo abgeschrieben, dass es nicht ganz so peinlich für meine restlichen Gedanken wurde. Es hat mir eine „gehörige“ Angst eingejagt. …Jetzt ist der Alzheimer doch schon bei mir eingezogen. Bald wird es ganz still da drinnen werden. Und das soll Befreiung sein? Ich empfinde es als echte Bedrohung, wenn da nichts mehr kommt. So wie es im Zitat da oben steht. Es ist ein Verlust!!!!!! Für mich: Null Gefühl von Befreiung.
    Da heisst es oben ganz fett gedruckt:
    „Wenn sie Geburt und Tod verlassen wollen,
    müssen sie den Lauf des begrifflichen Bewusstseins
    entschlossen abschneiden.“
    Das empfinde ich als Beschneidung, Kastrierung: Entweder ich lebe im Hier und Jetzt, und da brauche ich das Denken, um im Austausch mit anderen zu sein. Warum schreiben wir denn hier? Doch nicht, weil wir in einem Geist sein wollen, der vor der Geburt und nach unserem Tod sein wird. Klar, ohne Gedanken sind wir schnell mal dort. Aber der unwiederbringliche Verlust des Denkens ist ein Tod vor dem Tod. Alzheimer als Befreiung???????
    Das kann doch nicht die ersehnte Befreiung sein. Irgendetwas muss ich da missverstehen. Aber immer wieder lese ich bei den alten Zen-Meister von dieser Gedankenstille. Ich denke, die sind nicht so alt geworden, dass Alzheimer sie eingeholt haben könnte. Sie haben ja reichlich Worte für ihre Belehrungen gebraucht. Wenn ich also mal hier ganz still werde, dann nicht, weil ich glücklich und befreit von Gedanken bin, sondern weil keine mehr kommen.
    Lieber Nitya,
    deine Gedanken, deine Fragen sind erfrischend. Ich möchte auch so lebendig bleiben.

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    • Nitya schreibt:

      „Das kann doch nicht die ersehnte Befreiung sein. Irgendetwas muss ich da missverstehen.“

      Liebe Chantal,

      eben erst entdeckte ich deinen Kommentar vom 12.1.

      Ist Gedankenstille ein Zeichen von Alzheimer? Hat ein Baby schon Alzheimer? Wenn Tahui das Wort „hörig“ benützt, will er damit vermutlich sagen, dass die Menschen geradezu alles zwanghaft benennen müssen und dann die Begriffe für die Dinge selbst halten. „Ich bin verheiratet.“ ist einfach nur Blabla. Und die Heiratsurkunde ist auch nur Blabla. Alles ist, wie es ist, und Begriffe sind einfach nur Begriffe. Ich kann sagen „Ich bin ein Eichhörnchen.“, ohne deshalb das zu sein, wofür die Begrifflichkeiten stehen. Wenn ich aber den Begrifflichkeiten mehr glaube als dem, was ist, bin ich von den Begriffen abhängig, bin ich ihnen hörig.

      Mit Alzheimer hat das alles nichts zu tun. Sprache ist einfach ein Werkzeug, um sich verständlich zu machen, um sich begrifflich auszudrücken. Pinsel, Farben, Leinwände sind Werkzeuge, um sich bildnerisch auszudrücken. Eine Flöte ist ein Werkzeug, um sich musikalisch auszudrücken. Alzheimer ist der Verlust von Werkzeugen. Das wiederum hat nichts mit Gedankenstille zu tun. Vielleicht ist auch der Begriff Gedankenstille nicht sehr glücklich. Natürlich gibt es Gedankenstille. Auch ein Dichter legt bisweilen die Feder aus der Hand, ein Maler den Pinsel, ein Musiker seine Flöte. Aber der wesentliche Begriff ist „hörig“. Wenn etwa Juden, Christen, Moslems sich bekämpfen, glauben sie, dass sie Juden, Christen, Moslems sind. Was für ein Wahnsinn! Jiddu Krishnamurti hat das immer wieder gesagt: „Das Wort ist nicht das Ding.“ Es geht also nicht um Alzheimer, sondern darum, dass die Menschen das Wort mit dem Ding gleichsetzen und das dann auch noch glauben.

      Ansonsten – mir fallen oft auch nicht mehr die einfachsten Wörter ein, ich vergesse manchmal, die Herdplatte auszuschalten, ich vergesse, welcher Wochentag heute ist, … Ja, kann sein, dass das auf den Beginn von Alzheimer hindeutet. Oder auf den Beginn des Sterbeprozesses. Wenn ich denke, was bei mir sonst so in Mitleidenschaft gezogen ist. Guck, du machst gerade eine Wanderung. Kann ich mit einer Arthrose im linken Fuß schon gar nicht mehr. Eine Calcaneusfraktur hat eben ihre Folgen. Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose, … hatte ich alles noch nicht in jungen Jahren. Insofern könnte ich sagen: Seit unserer Geburt befinden wir uns im Sterbeprozess. Letztlich ist also die Angst vor Alzheimer die Angst vor dem Tod.

      Sag ich mal so und wünsche dir noch schöne Tage auf La Palma!

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      • Chantal schreibt:

        Lieber Nitya,
        welch Überraschung heute zu lesen, da hast du einen meiner versenkten Kommentare aus deinem Spam Ordner heraus gefischt. Damals dachte ich, gut, hat er den verschluckt hat. Als ich das geschrieben haben hat mich meine Angst, das Gedächtnis zu verlieren, wieder mal eingeholt. Später bin ich ja noch mal mit dem Thema in einer anderen Form gekommen. „Haben Erwachte auch Demenz?“ Jetzt bist du noch mal neu drauf eingegangen, hast von deinen eigenen Einschränkungen geschrieben. Hat mich sehr berührt. Da bist du auch nicht zu beneiden. Zum Glück spürt das der Leser deines Blogs nicht. Da bist du frei und beweglich, messerscharf, klar, spielerisch, witzig, ungebrochen. Und bei mir spüre ich beim Schreiben eine Einschränkung, eine Verlangsamung, eine Verunsicherung. Das plagt mich. Es ist nicht die Angst vor dem Tod, es ist die Angst vor der Würdelosigkeit, die ich nicht ertrage. Das ganze Leben, was nach Befreiung ausgerichtet war, verkehrt sich in sein Gegenteil? Die Würde verlieren. Das kann schon Angst machen, auf jeden Fall depressiv stimmen, wenn man davon die ersten Anzeichen bei sich feststellt.
        Ich will das einfach nicht verdrängen, oder überspielen, mit mir selbst ehrlich sein. In der Selbstbeobachtung bleiben und das auch mitteilen können. Nur so halte ich diese Angst aus.
        Ja, jetzt mal die warmen Tage auf La Palma geniessen. ein bisschen in Stille sein, den Körper bewegen, das einfache Leben. Eben, frei nach Fredo.
        Und abends ein bisschen im MacBook bei Nitya reinschauen. 🙂
        Leuchtende Sternengrüsse aus La Palma von Chantal

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Chantal,

        da haben wir ihn wieder den Ausreißer. Du bist mir ein ewiges Rätsel. Das bist du sowieso, aber was WordPress mit dir laufen hat … ich krieg’s nicht raus.

        Ja, das mit der Würde. Viele Spiris glauben ja da „drüber“ zu stehen. Aber ich halte das für Mindfucking. Alles hat seine natürliche Würde. Diese Lektion hat mir mal vor vielen Jahren mein Kater Gregor erteilt, als er meinem damiligen Schwiegervater die Brille von der Nase schlug und in seinem Gesicht eine blutig Spur hinterließ, als dieser nicht aufhörte, ihn zu piesacken und ihm seine Würde nicht lassen wollte. Er ließ sie sich nicht nehmen.

        Aber was, wenn wir uns nicht mehr wehren können?

        Lieber tot als ohne Würde?

        Oder verlieren wir auch in völliger körperlicher Hilflosigkeit nicht unsere Würde?

        Herzlichst
        Nitya

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  4. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    danke dir für deine einfühlsame Antwort. Um das Thema mal hier abzuschliessen,
    Du schreibst: «Lieber tot als ohne Würde?
    Oder verlieren wir auch in völliger körperlicher Hilflosigkeit nicht unsere Würde?»

    Ja, das ist wohl eine persönliche Sichtweise. In dieser Frage gebe ich meinem Ego den Vortritt. Wie bei einer Abtreibung, wenn ein Kind behindert in die Welt kommen würde. Ist ja heute auch erlaubt. Ein guter Start, wie ein guter Abgang. Wir haben die Möglichkeit, da zu entscheiden.
    Warum bist du eigentlich mit „nit mööglich“ jetzt unterwegs? Da bist du mir auch rätselhaft.
    Du Lieber „alles ist möglich“.
    Grüsse von der Insel.
    Chantal

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      ich persönlich würde für mich jederzeit „lieber tot als ohne Würde!“ In Anspruch nehmen. Hätte mein Kater auch unterschrieben. Aber was weiß ich, wie es kommen wird? Vielleicht werde ich hilflos lallend jede scheinbar rettende Hand krallen? Kein Ahnung. Ich kann#smir zwar nicht vorstellen, aber wie du schreibst: Alles ist möglich.

      Das „nit möglich“ war eine Hommage an Grock. Bei 9:56 kannst du sein Original „nit möööglich“ hören:

      Das bedeutet nicht, dass etwas nicht möglich ist, sondern eher ein Erstaunen darüber, dass es tatsählich möglich ist.

      Alles ist möglich.“ sagt Chantal. Und Nitya antwortet: „Nit möglich.“

      Herzliche Grüße

      Nitya

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  5. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya, wie bei dem Clown Grock, er muss sich auch wiederholen, damit er verstanden wird. Eigentlich habe ich das gleiche gemeint wie du:«ich persönlich würde für mich jederzeit “lieber tot als ohne Würde!” In Anspruch nehmen.»Danke für deine Geduld. Doch noch möglich.
    Hier unten auf der Insel ist es kälter geworden auf. Die Kälte kommt aus dem Norden, die ihr jetzt besonders zu spüren bekommt. Aber hier auf der Insel sind die Wohnungen nicht gut geheizt. Die Pflanzen haben da kein Problem, die Regenbogen am Himmel meinen es gut, bringen Stimmung in die von Wolken verhangenen Berge. Aber ich merke, was für eine degenerierte Pflanze ich inzwischen geworden bin. Ja, da ist Bewegung angesagt und dick einpacken. Und den Humor nicht verlieren. So „Traum-Inseln“ sind auch Lehrmeister…
    Herzlichst Chantal

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