Ikkyû Sôjun: Schmerz der Einsamkeit im Barbarenland


IKKYU-SOJUN-01
Einer Shakuhachi
Herzzerreißender Klage
Spricht mir
Vom Schmerz
Der Einsamkeit im Barbarenland.
Wer spielt jenes Lied
An der Straßenecke?
Hinter den Toren des Klosters
Ging doch längst
Alle Freundschaft verloren.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“


.
Wer spielt jenes traurige Lied an der Straßenecke – ein Straßenmusikant vermutlich, der hofft, auf diese Weise ein paar Münzen geschenkt zu bekommen, ein Einsamer im Barbarenland wie Ikkyû Sôjun.

sWie könnte sich Ikkyû auch nicht einsam fühlen in einer Welt, von der er sagt, dass nicht einmal das erschütternd-düstere Krächzen der Krähe sein Nicht-Zen-Zen verstehen konnte? Für ihn war auch das Kloster, dessen Abt er war, Teil des Barbarenlandes. Dort wurde zwar vermutlich auch die drei Gachamis rezitiert, die zwar sicherlich ein gewisses heiliges Gefühl zu schaffen in der Lage waren, aber was sind schon gewisse heilige Gefühle?


.

Innerhalb der Klostermauern fand dasselbe Hauen und Stechen statt wie außerhalb der Klostermauern. Da hielt es Ikkyû sicherlich lieber mit Bodhidharmas offener Weite, in der es so wenig Heiliges wie Unheiliges gibt. Was ist schon so eine sog. Sangha, die keine Ahnung von dem hat, was Ikkyû sein Nicht-Zen-Zen nannte. Ikkyû fragte, wo Rinzais (Lin-chis) wahre Überlieferung geblieben sei. Und er schilderte seinen Schmerz mit den Worten: „Ikkyû aus Japan schlitzt sich in seiner Seelenqual den Bauch auf.“ Das, was die wahre Sangha ausmacht, hat nichts mit irgendeiner Zusammenrottung organisierter Anhänger von was auch immer zu tun, sondern mit einem Verstehen dessen, was nicht einmal das düstere Krächzen der Krähe verstehen konnte. Ikkyûs Sangha umfasste Leute wie Lin-chi oder die anderen frühen Ch’an-Meister, andere Einsame.

Die „richtigen“ Einsamen, sind ja nicht die Alleingelassenen, sondern eher diejenigen, die gar nicht anders können, als sich den Zwängen der Herde zu verweigern. Das macht sie natürlich für die Herde mehr als verdächtig, was auch vollkommen verständlich ist. Wenn ich Ikkyûs Affinität etwa zu Lin-chi wahrnehme, glaube ich seine schmerzliche Sehnsucht nach Verstanden-Werden zu spüren. Auch wenn zwischen Lin-chi und Ikkyû ein paar hundert Jahre liegen, scheint ihm diese rein geistige Verbundenheit mehr bedeutet zu haben als alle Bindungen aus Fleisch und Blut mit Menschen, die nicht sehen konnten, was er sah.s

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2 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Schmerz der Einsamkeit im Barbarenland

  1. fredo0 schreibt:

    Dieses Auftauchen der „absoluten“ Ein-sam-keit , aus dem Eins des ABSOLUT in das persönliche hinein , hat mich auch ergriffen … und tut dies immer wieder aufs neue …

    Es bedurfte durchaus einer gewissen Gewöhnung , dies , ja genau dies , als tiefste Geborgenheit zu erfassen …

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