Ikkyû Sôjun: Der Wind in den Föhren

K
Selbst nach zehn Jahren
Hat sich der Reiz des Freudenhauses
Für mich nicht erschöpft.
Ich zwinge mich
Zur Einsamkeit
Der Berge und Täler.
Von meinen Vorlieben
Scheiden mich Wolken
Über tausende von Meilen.
Hoch über mir
Der Wind in den Föhren
Tönt garstig mir im Ohr.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

UIch höre schon die Erleuchtungsexperten wieder unken: Also wenn irgendwas keine Erleuchtung ist, dann das. Bei einem Erleuchteten sind all diese dualistischen Gefühle für immer verschwunden, wobei auf das „für immer“ ganz besonderen Wert gelegt wird. Für einen erleuchteten Stein mag das ja vielleicht zutreffen, das kann ich nicht beurteilen. Aber für einen Menschen? Von diesem dubiosen Vogel Ikkyû stammen ja auch diese Zeilen:

Essen, Scheißen, Schlafen, Aufstehen
das ist die Welt
und des Weiteren

Sterben.

Und das soll’s nun gewesen sein? Und die Erleuchtung? Geht nicht – gibt’s nicht? Oder doch? Am Ende des berühmten Herzsutras heißt es: „gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā …gegangen, gegangen, ans andere Ufer gegangen, gänzlich hinübergelangt -Erwachen – aaah!“

Klingt doch ganz schön heilig. Von wegen nur Essen, Scheißen, Schlafen, Aufstehen, Sterben! Das kann ja jeder. Dazu brauche ich nun wirklich keinen Buddha, keinen, der hinübergelangt ist! Essen, Scheißen, Schlafen, Aufstehen, Sterben kann doch jeder Hund! Ob diese Spiri-Unken überhaupt noch essen, scheißen, schlafen, aufstehen, sterben?

Na ja gut, das ist ja alles körperlich. Aber wie ist es mit den Gefühlen? Hat ein Erleuchteter noch Gefühle? „Darf“ er sie noch haben? Oder ist er schon so dissoziiert, dass er alle Gefühle erfolgreich abspalten konnte? Nu sitzt er da wie so’n Ölgötze und verzieht keine Miene mehr – wie so’n oller Indianer. Die Japaner waren ja auch so Indianer. Ach, weil’s gerade so gut passt nochmal die Geschichte vom weinenden Meister:

Der Meister des Meisters war gerade gestorben. Der Meister fing an, bitterlich zu weinen. Seine Schüler bedrängten ihn: „Meister, Meister! Warum weinst du? Hast du uns nicht immer wieder gesagt, dass es keinen Tod gibt?“ Schüler sind immer sehr logisch. Der Meister sagte: „Ja, es ist wahr: Es gibt keinen Tod. Aber meine dummen, dummen Augen wissen das nicht. Es war so eine Freude, meinen Meister zu sehen! Seine Anmut, seine Schönheit, seinen Duft, sein spitzbübisches Lächeln …. Meine Augen wissen, sie werden diesen wundervollen Menschen nie wieder sehen. Deshalb sind sie traurig und weinen. Und sie dürfen weinen, natürlich dürfen sie weinen.“

Welche Sanftmut, welche Liebe, welche Menschlichkeit ist in diesen Worten. Sie dürfen weinen. Alles darf sein. Nisargadattas bekannter Satz weist auf dasselbe hin: „Die Liebe sagt, Ich bin alles. Die Weisheit sagt, Ich bin nichts. Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.“ Ich bin alles, bedeutet: Alles darf sein. Aber da ist auch dieses „Nichts von Alles“. Und das schwingt bei „Alles“ immer mit. Ist denn noch mehr „gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā“ möglich? Jesus: Ganz „Mensch und ganz Gott“. Und. Nicht hintereinander: Zuerst ganz Mensch und nur ganz Mensch und dann als höchste Stufe ganz Gott und nur noch ganz Gott. Mich schaudert’s, wenn ich diese unmenschlichen „Leistungsanforderungen“ lese, die sofort daraus gebastelt werden können. Was für eine Karotte!
0Huang-po hat das so wunderschön ausgedrückt: Die Idee, wir müssten uns vom Körper, von der Sinnlichkeit und den Leidenschaften loslösen, beruht auf unserer Furcht vor dem Leben und unserer Unfähigkeit, mit dem Fluss der Welt mitzufließen. Der Buddhismus ist keine Flucht aus der Welt, er ist vielmehr das Leben selbst in all seiner Vielfalt und seiner Pracht.

Deshalb liebe ich den Ikkyû so, weil er immer auch ganz Mensch geblieben ist. Um Gott muss ich mir bei ihm keine Sorgen machen. Der dringt ihm aus jeder Pore heraus. Aber wer begreift das schon?

KraeheNiemand versteht mein Nicht-Zen-Zen
nicht einmal das erschütternd-düstere Krächzen
der Krähe erfasst es

(und das „Flöten“ der Unken schon gleich gar nicht)

 

 

 

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19 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Der Wind in den Föhren

  1. Eno Silla schreibt:

    Das Flöten der Unken ist doch so schön, obwohl ich es nicht verstehe:

    Flöten wir nicht alle den ganzen lieben langen Tag lang so vor uns hin?
    Also ich verstehe den Ikkyu nicht und auch nicht sein Zen,
    aber auch sein Geflöte finde ich wunderschön!

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    • Eno Silla schreibt:

      Gute Gelegenheit hier eine kleine Zen-Geschichte nochmals einzufügen, die ich hier schonmal reingesetzt habe und deren Geflöte mir besonders gut gefällt:

      Verstehst Du?
      Doko, ein buddhistischer Philosoph und Anhänger des Vijnaptimatra (einer Lehrform des absoluten Idealismus), erhob sich aus der Menge der Mönche und fragte den Zen-Meister: „Wie muss mein Ich beschaffen sein, um die Wahrheit zu suchen?“
      Der Meister antwortete: „Es gibt kein Ich, also kannst du es nicht in irgendeinen Zustand bringen. Und es gibt keine Wahrheit die du suchen könntest.“
      Doko sagte: „Wenn es weder ein Ich zu erziehen, noch eine Wahrheit zu suchen gibt, warum versammeln sich dann täglich all diese Mönche um dich, um Zen zu studieren?“
      Der Meister sah sich um und sagte: “ Ich sehe niemanden.“
      Doko ließ sich von dieser Antwort nicht beirren und fragte weiter: „Was lehrst du sie?“
      Der Meister erwiderte: “ Ich habe keine Zunge, wie kann ich da etwas lehren?“
      Daraufhin rief Doko erzürnt: „Wie kannst du mir eine solche Lüge ins Gesicht sagen?“
      „Wenn ich keine Zunge habe, um andere zu unterweisen, wie wäre es mir möglich, eine Lüge auszusprechen?“, erwiderte der Meister sanft.
      Worauf Doko verzweifelt ausrief: „Ich kann deiner Rede nicht folgen.“
      Der Meister sagte ruhig: „Ich verstehe mich selbst ebenso wenig.“
      aus: Marco Aldinger „Geschichten für die kleine Erleuchtung“

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    • nitmoeglich schreibt:

      Lieber Eno,

      wenn du Ikkyûs Geflöte wunderschön findest und das der Rotbauchunken … hast du bereits alles verstanden. Mehr zu verstehen gibt’s gar nicht.

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      • Eno Silla schreibt:

        Einen schönen Sonntag wünsch ich dir, lieber Nitya, mögen dir angenehme Flötentöne den Tag erhellen!

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      • nitmoeglich schreibt:

        Lieber Eno,

        solange mir niemand die Flötentöne beibringen will, liebe ich Flötentöne aller Art. Das Flötentöne-Beibringen-Wollen auch als gar liebliche Flötentöne zu vernehmen muss ich wohl noch lernen. Aber ich arbeite hart an mir.😉

        Oh du fröhliche …

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        bei mir ist da Hopfen und Mals verloren. Will mir jemand die Flötentöne beibringen, dann werde ich einfach nur schräg und ich hab mich damit abgefunden. Schwieriger wird es, mich dessen zu enthalten die Flötentöne jemanden beibringen zu wollen (bei all der haarsträubenden Dummheit, die einem begegnet jeden Tag), aber auch das gelingt meistens schon, jedenfalls arbeite ich daran, aber nicht hart😉 !
        Jetzt gehe ich einen zwitschern!

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      • nitmoeglich schreibt:

        Hopfen und Malz ist bei mir auch verloren. Meine Lehrer und anderen Drangsalierer hatten mit dieser Diagniose und Prognose vollkommen recht.

        Übertreib’s nicht mit dem Zwitschern, lieber Eno. Alles in Maßen – schriebt man mit scharfem s und nicht mit zwei s -, sonst machste lauter Unfug und hast morgen ’n dicken Kopp!

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        ich neige dazu bestimmte geistige Getränke in Massen zu genießen! Heute war es aber in Maßen…
        Der dicke Schädel und ein wenig Unfug bleibt mir oft nicht erspart… Also danke für deinen Rat, auch wenn ich ihn kaum beherzigen kann, der Körper macht einfach was er will!
        Nun beginnen die magischen Rauhnächte. Für mich eine ganz besondere Zeit des Jahres in die ich mich, so gut es gelingt, nun zurückziehe…
        Ich wünsche dir und allen Freundinnen und Freunden deines Blogs eine intensiv, kribblige Zeit, möget ihr alle diese besonderen Tage genießen…
        Bis bald und liebe Grüße
        Eno

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      • nitmoeglich schreibt:

        Frau Holle

        Lieber Eno,

        da bleibt mir nur, dir auf deinem Weg der Inneren Einkehr alles Liebe zu wünschen.

        Herzlichst
        Nitya

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  2. fredo0 schreibt:

    wenn man den berühmten satz des herzsutras mantrisch versteht, also quasi neverending zyklisch , dann … ja … dann ist er halt zu einer schleife geworden . eine schleife die keinen endpunkt deklariert (dies berühmte „erwachen“ ) , sondern ein pänomen beschreibt , dass jeden augenblick ( aufs neue ) zugrundeliegt .

    und dieses „bodhi“ liegt dem essen zugrunde , dem scheißen , dem schlafen , dem aufstehen und dem sterben ….
    nichts was je erschienen ist, gerade erscheint oder jemals erscheinen wird , ist anders gegründet , und genau dieses gate , gate , paragate ……. drückt die allem innewohnende sehnsucht aus …. dieses zurück … zu dem , aus dem erschienen wurde ….

    ( ich bin eigentlich nicht besonders sentimental. aber immer wieder , wenn ich dies so sehen darf , … kommen mir tränen der sehnsucht )

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    • Eno Silla schreibt:

      Lieber Fredo,
      „und dieses “bodhi” liegt dem essen zugrunde , dem scheißen , dem schlafen , dem aufstehen und dem sterben ….
      nichts was je erschienen ist, gerade erscheint oder jemals erscheinen wird , ist anders gegründet , und genau dieses gate , gate , paragate ……. drückt die allem innewohnende sehnsucht aus …. dieses zurück … zu dem , aus dem erschienen wurde …. “
      da werde ich auch gleich ganz sentimental, wenn du es so schön durch die Gegend flötest!!!
      Herzlichen Gruß von
      Eno

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    • nitmoeglich schreibt:

      Die Sehnsucht, lieber Fredo.

      Du schreibst: ein Phänomen beschreibt , dass jeden Augenblick ( aufs Neue ) zugrundeliegt .“

      Wenn es ein Phänomen ist, das das Essen, Scheißen, Schlafen, Aufstehen, Sterben begleitet, kann es nicht sein, was dem Essen, Scheißen, Schlafen, Aufstehen, Sterben zu Grunde liegt. Oder verstehe ich da was falsch? Dann würde für mich auch der Begriff Sehnsucht stimmig sein. Wenn ich „Bodhi“ verstehe als den Durchbruch zum Erfassen der Wirklichkeit, dann kann ich Bodhi nicht als ein Phänomen begreifen. Wenn dieser Durchbruch mmanchmal geschieht und dann wieder nicht geschieht, wäre das keine Endlosschleife. Dann kann natürlich das Phänomen der Sehnsucht auftauchen, die sich nach dieser ewigen Öffnung für das Erfassen der Wirklichkeit sehnt. Oder, wie du gerne sagst: So oder nicht so oder ganz anders ….

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    herzlichen Dank für Deine 4. Adventsgabe . Nach dem lesen hat mich dieser Gedankenfluß bewegt : …. Aber wie ist es mit den Gefühlen? Hat ein Erleuchteter noch Gefühle? “Darf” er sie noch haben? Oder ist er schon so dissoziiert, dass er alle Gefühle erfolgreich abspalten konnte?
    Über Erleuchtete oder Nicht- Erleuchtete mach ich mir kein Kopfzerbrechen .

    Eine Innen – Welt ohne – Gefühle -grausam !
    Mensch-sein ohne Mit-Gefühl – die Hölle !
    Liebe Grüße
    PUNITO

    Alles hat seine Zeit

    31Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

    2geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

    3töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

    4weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

    5Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

    6suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

    7zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

    8lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

    9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

    10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.

    1 1Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

    12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

    13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
    ( KOHELET)

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    • nitmoeglich schreibt:

      Tja, mein lieber Punito,

      die von der Krankheit der Erleuchtung Befallenen brauchen halt irgendwelche Beweise für ihre angebliche Erleuchtung, Und dann neben sie halt, was sie kriegen können, z.B. eben, dass ihnen (angeblich) ihre Gefühle abhanden gekommen sind. Dann können sie schön diese sentimentalen Gefühlsdusler auf natürlich völlig unpersönliche Weise zur Sau machen. Auch diese unpersönliche Nummer ist ein prächtiger Beweis. Und zusätzlich kann man in dieser Rolle wunderbar den anderen fertig machen und gleichzeitig seine Hände in unpersönlicher Unschuld waschen. Ein geiles Spiel, wenn das Ego auf egolos macht.

      Komisch, einfach ein Mensch sein, genügt diesem Ego ums Verrecken nicht. Anstatt dieses Ego zu feiern, müssen sie es unbedingt verleugnen.

      Herzlichst
      Nitya

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      • punitozen schreibt:

        Am Ende gänzlichst durchscheinend – so wie Pete , einfach Mensch !

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Punito,
        einfach Mensch, so einfach und einfach erfüllend!
        Alles Andere, dieses Egoverkrampfte, Erzwungene ist doch dagegen nur anstrengend und quälend… Aber die Erfahrung scheint es zu benötigen, was auch immer dieses ES sein mag.
        Alles Liebe für dich und herzlichen Gruß von
        Eno

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  4. Eno Silla schreibt:

    hin und hergeworfen
    wie ein boot auf rauer see
    enges unendlich weites herz
    ruhe ich aus
    in bedingunslosigkeit
    oder einfach nur
    losigkeit von allem
    unbeständig flüchtig
    erscheinendem

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