Gustav Landauer: die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen

 

landauer1919
Ich müßte um Entschuldigung bitten, daß ich auf einem neutralen Boden „Propaganda für den Anarchismus“ mache, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß, was ich hier, aber ohne mich irgend an das Wort zu binden, Anarchie nenne, eine Grundstimmung ist, die in jedem über Welt und Seele nachdenkenden Menschen zu finden ist. Ich meine den Drang, sich noch einmal zur Welt zu bringen, sein eigenes Wesen neu zu formen und danach die Umgebung, seine Welt, zu gestalten, soweit man ihrer mächtig ist. Dieser höchste Moment müßte für jeden kommen: wo er, um mit Nietzsche zu sprechen, das ursprüngliche Chaos in sich schafft, wo er wie ein Zuschauer das Drama seiner Triebe und seiner dringendsten Innerlichkeiten vor sich aufführen läßt, um dann festzustellen, welche seiner vielen Personen in ihm herrschen soll, was das Eigene ist, wodurch er sich von den Traditionen und Erbschaften der Vorfahrenwelt unterscheidet, was die Welt ihm, was er der Welt sein soll. Das nenne ich einen Anarchisten, der den Willen hat, nicht doppeltes Spiel vor sich selber aufzuführen, der sich so wie einen frischen Teig in entscheidender Lebenskrise geknetet hat, daß er in sich selber Bescheid weiß und so handeln kann, wie sein geheimstes Wesen ihn heißt. Der ist für mich ein Herrenloser, ein Freier, ein Eigener, ein Anarchist, wer seiner Herr ist, wer den Trieb festgestellt hat, der er sein will und der sein Leben ist. Der Weg zum Himmel ist schmal, der Weg zu einer neueren, höheren Form der Menschengesellschaft führt durch das dunkle, verhangene Thor unserer Instinkte und der terra abscondita unserer Seele, die unsere Welt ist. Nur von innen heraus kann die Welt geformt werden. Dies Land und diese reiche Welt finden wir, wenn wir durch Chaos und Anarchie, durch unerhörtes, stilles und abgründliches Erleben einen neuen Menschen entdecken; jeder in sich selbst. Dann wird es Anarchisten geben und Anarchie, da und dort, Einzelne, Zerstreute; sie werden einander finden; sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tiefste Versunkenheit zur Wiedergeburt führt; sie werden von sich mit Hoffmannsthals Worten sagen können: „So völlig wie den Boden untern Füßen hab‘ ich Gemeines von mir abgethan.“ Wer erst durch seinen eigenen Menschen hindurchgekrochen ist und tief im eigenen lebendigen Blut gewatet hat, der hilft die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen.

aus: Gustav Landauer, „Die Zukunft, 10. Jg. 1901/02, Bd. 37, Nr. 4, 26. 10. 1901, S. 134-140.“

Gestern sagte Tschuang-tse: „Wie sollte der noch überhaupt auf den Gedanken kommen können, die Welt in Ordnung zu bringen?“ Heute sagt Gustav Landauer: „Nur von innen heraus kann die Welt geformt werden.“ Vielleicht hätte er noch besser gesagt: Nur von innen heraus formt sich die Welt. Taoisten und Anarchisten entstammen demselben Geist.
AGustav Landauer wendet sich in diesem Beitrag an die sog. Anarchisten, die glauben, mit Gewalt einen gewaltfreien Zustand schaffen zu können. In Wahrheit sind das natürlich keine Anarchisten, sondern Terroristen. Daran ändern auch ihre besten Absichten nichts – die glaubt auch die Gegenseite für sich reklamieren zu können. Daran glaubten auch die Polizisten, die Gustav Landauer einen Tag nach seiner Verhaftung am 2. Mai 1919 im Zuchthaus Stadelheim ermordeten. Gustav Landauer saß zwischen allen Stühlen. Seine alten Gefährten verstanden ihn nicht und lehnten seine Einstellung ab und die reaktionären Reichswehr- und Freikorpsverbände verstanden ihn genauso wenig und ließen ihn umbringen. Als ich in jungen Jahren bei Ostermarsch-Aktionen mitmachte, erlebte ich dasselbe Desaster. Auf der einen Seite „die bösen Bullen“, auf der anderen Seite „die guten Friedenskämpfer“ – als ob man je für den Frieden kämpfen könnte! Noch kann ein Eugen Drewermann bei uns öffentlich auftreten und seine Sicht darstellen. Wenn ich an Landauer denke, wird mir ganz anders. Wie lange noch darf ein Drewermann noch bei uns unbehelligt öffentlich auftreten?

Hier noch ein Hinweis von Gustav Landauer:

Es gilt jetzt, noch Opfer anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben Beispiel zu geben. Anarchismus ist Ordnung ohne Gewalt. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Anarchie ist nicht eine Sache der Forderungen, sondern des Lebens. Vom Individuum beginnt alles, und am Individuum liegt alles.

Lieber Eno, herzlichen Dank für’s Reinstellen!

 

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3 Antworten zu Gustav Landauer: die neue Welt schaffen, ohne in fremdes Leben einzugreifen

  1. Jens Gantzel schreibt:

    Lieber Nitya,
    Danke für diesen prima Beitrag!
    Du und Landauer sprechen mir aus dem Herzen.
    Ohne ein kritisches in-sich-schauen und Interesse, sich selbst zu entwickeln, ist eine Entwicklung der Gesellschaft nur Phantasie.
    Mit Gewalt einen Zustand der Gewaltlosigkeit erreichen wollen, sei es auch mit den besten Absichten, ist Bullshit.
    Zum Thema Kultivierung von Gewalt und bewusste Entscheidung dagegen hab ich gerade gestern einen Artikel geschrieben:
    http://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/12/17/kultivierung-der-gewalt-das-geschaft-mit-der-angst/
    Schöne Festtage Euch Allen!🙂

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  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya .
    Eenen Steen hab ick och mal jeworfen –
    Da war ick stinkwütend uff dèt “ System “ .
    Eenes Taches stand ick vor´m Bauzaun in Brokdorf ,
    So een Radau , so`ne Randale , so een Hubschrauberlärm
    übern Kopp .
    Und det Gebrülle und Jeklappre von die Knüppeljarde .
    Die hassverzerten Fratzen vom BLUES der Bauzauninreißergruppe .
    Und icke ? Mittendrin im Jeschiebe und Jetobe –
    Janz valassen , muttaseelenalleene meen Jefühl .
    Det war keene Anarchie – det war Vazweiflung – pur .
    Det war der Ausbruch kompremierter Jewaltjehemdheit .
    Det war nischt anderes als Wahnsinn – rundherum .
    Kannste Blut mit Blut abwaschen ?
    Nee – kannste nicht !
    Damals wußte ick nich wat Anarchie is –
    heute lebe ick se , einfach so :
    GATE GATE PARA GATE PARASAMGATE BODHI SVAHA!

    Herzlichen Gruß
    PUNITO

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    • nitmoeglich schreibt:

      „Damals wußte ick nich wat Anarchie is –
      heute lebe ick se , einfach so “

      Lieber Punito,

      die meisten „Anarchisten“ wissen nicht, was Anarchie ist. Sie wissen nur, dass sie dagegen sind. Gegen irgendwas. Völlig wurscht, wogegen. Hauptsache dagegen.

      Ja, Anrchie lebste oder lebste nIch. Die ganzen Theorien sind für den Müll.

      „Und icke ? Mittendrin im Jeschiebe und Jetobe –
      Janz valassen , muttaseelenalleene meen Jefühl“

      Tja, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen – so is det nu ma.

      Herzlichst
      Nitya

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