Tschuang-tse: das Wesen der Natur in Ruhe lassen


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Es ist so nutzlos, die Welt zu bessern durch Lohn für gute Taten, und so erfolglos, die Welt zu bessern durch Strafen für Verbrechen. Denn selbst das Schönste auf der Welt wäre als Lohn, das Schlimmste als Strafe wirkungslos.
Und doch, vom Altertum bis heute erschöpfte man sich ohne Ruhe und Rast im Strafen und Belohnen. Wie hätte man da überhaupt auf den Gedanken kommen können, das Wesen der Natur in Ruhe zu lassen?

Wenn daher nun ein edler Mensch nicht anders kann, als sich mit der Regierung abzugeben, dann ist das Allerbeste, gar nichts unternehmen. Nur wenn man gar nichts unternimmt, gibt man der wirklichen Natur im Menschen Ruhe zur Entwicklung.

Nur dem, dem das Geschenk des Lebens höher gilt, als Herrscher zu sein der Welt, mag man die Herrschaft anvertrauen, nur dem, der das Geschenk des Lebens heißer liebt, als Herrscher sein der Welt, darf man die Herrschaft übergeben! Selbst wenn ein solcher Mensch sein Inneres in sich verschlossen trägt und seine Sinne nicht nach außen kehrt und stumm und reglos wie ein Toter scheint, so ist es doch, als gingen Blitz und Donner von ihm aus, unfassbar wie ein Gott bewegt er sich, und selbst der Himmel scheint ihm untertan. Wenn er auch unbeteiligt scheint und gar nichts unternimmt, so neigen dennoch ihm sich alle Wesen zu. Wie sollte der noch überhaupt auf den Gedanken kommen können, die Welt in Ordnung zu bringen?

aus: Tschuang-tse, „Was du Tao nennst, wo ist es zu finden?“

An dem Text hab ich ganz schön zu knabbern. Wenn ich ihn lese, schwanke ich hin und her. Wenn ich diese Erde betrachte, dann sieht es so aus, als habe der Mensch durch seine Gelüste, sich die Erde untertan zu machen, alles getan, um die Erde zu zerstören. Und dann kann ich Tschuang-tse aus ganzem Herzen zustimmen, wenn er sagt: „Wie hätte man da überhaupt auf den Gedanken kommen können, das Wesen der Natur in Ruhe zu lassen?“ Ja, hätten die Menschen das Wesen der Natur in Ruhe gelassen, sähe es vermutlich sehr viel besser aus auf der Erde.

Andererseits, wer sich die Bilder der hungernden Menschen ansieht, wer sich die Ausbeutung und dieses sinnlose, fürchterliche Abschlachten von Menschen ansieht, kann/darf der wirklich die Hände in den Schoß legen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Würde man jedoch die Hände nicht in den Schoß legen und in irgendeiner Weise aktiv werden, würde man dann nicht dazu beitragen, die in Unordnung geratene Welt noch tiefer in Unordnung zu bringen?

Wenn ich Zahnschmerzen habe, lege ich nicht die Hände in den Schoß, sondern beanspruche die Herrschaft über die Welt, indem ich auf meinem „Recht“ auf Schmerzfreiheit bestehe und zum Zahnarzt gehe. Soll ich nun auf dieses mir selbst zugestandene Recht freiwillig verzichten, um dazu beizutragen, dass sich die Unordnung auf der Welt vielleicht in abertausenden von Jahren auf natürliche Weise von selbst wieder in Ordnung bringen kann?

Aber was ist das überhaupt schon wieder für eine Trennung? Hier ich und da die Natur, die ich Bösewicht mit meiner Herrschsucht in Unordnung bringe? Bin ich nicht die Natur? Gibt es zwischen der Natur und mir auch nur den Hauch einer Trennung?

schJa, gell, das sind so G’schichten. Da kann der Verstand wieder wie ein Lämmerschwanz von einem Konzept zu seinem Gegenkonzept herumwedeln. Ach, soll er doch!

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20 Antworten zu Tschuang-tse: das Wesen der Natur in Ruhe lassen

  1. Marianne schreibt:

    Wenn daher nun ein edler Mensch nicht anders kann, als sich mit der Regierung abzugeben, dann ist das Allerbeste, gar nichts unternehmen. Nur wenn man gar nichts unternimmt, gibt man der wirklichen Natur im Menschen Ruhe zur Entwicklung.

    Diese „Wahrheit“ nennen die Konstruktivisten „Autopoiese“… Es fasziniert mich immer wieder, wie der „alte“ Taoismus mit den „post-modernen“ Erkenntnislehren in den Kernaussagen überein stimmt.

    Danke für’s Erinnern.

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    • Marianne schreibt:

      …. was aber natürlich nicht heißt, dass Menschen, die eine wirklich unabhängige politische Meinung haben, die nicht auch laut sagen dürfen/müssen … (wie Eugen Drewermann) … sie kommt aus deren ur-eigenem inneren Fluss …

      Solche Meinungsäußerungen sind der „Wahrheit“ auf jeden Fall näher als die etablierten „Systeme“ … Allerdings braucht’s dafür „Sprachrohre“, die das nicht gleich wieder so „hinbiegen“, dass es den Empfängern genehm ist. Gut, dass das Internet hierzulande (noch) nicht zensiert wird…🙂

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      • Marianne schreibt:

        Danke, Eno

        Drewermanns therapeutisches Verständnis ist natürlich ziemlich psychoanalytisch geprägt. Aus der Focusing-Perspektive gehen wir nicht davon aus, dass wir jedes Trauma in der Vergangenheit rekonstruieren müssen… Vielmehr glauben wir, dass sich ehemals eingefrorene Lebensprozesse im Hier und Jetzt fortsetzen lassen, wenn ihre strukturelle Bindung (die Trauma-Struktur) durch Achtsamkeit (Focusing) aufgelöst wird.
        Mit ♥lichem Gruß
        Marianne

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Marianne,
        viele Wege führen nirgendwo hin, vielleicht sogar alle… Mir scheint es manchmal, als könnte ich an nichts mehr glauben.
        Ich verstehe nichts von Psychoanalyse oder Focusing. Ich höre nur diesem Mann Eugen Drewermann zu. Ich höre was er sagt, wie er es sagt. Es kommt nicht darauf an, ob ich ihm zustimme oder nicht. Ich empfinde diesen Mann als authentisch, vertrauenswürdig. Das ist so wunderbar, so wohltuend, da redet einer nicht einfach so daher, ohne etwas zu sagen, manipuliert nicht, verbirgt sich nicht, zeigt sich in seiner Zartheit und Verletztheit. Davon kann ich nicht genug bekommen! Es ist so selten geworden in dieser kalten Zeit!
        Herzliche Grüße
        Eno

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Eno,
        du sprichst mir aus der Seele. Wie so oft. Da wo mir die Worte ausgehen, finde ich sie durch dich ganz lebendig zum Vorschein gebracht. Ein Geschenk ist das. mille grazie.

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      • Eno Silla schreibt:

        Danke, liebe Brigitte!

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      • Brigitte schreibt:

        wow. Ich verliebe mich jedes Mal neu in diese Frau. Sie ist unbeschreiblich.

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      • Eno Silla schreibt:

        Ja, geht mir auch so, diese Stimme… einfach nur Gänsehaut!
        Sie hat mich irgendwann Ende 2001 erwischt mit diesem Lied, das ich auf dem Weg nach Hause im Auto im Radio hörte:

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      • Marianne schreibt:

        Es kommt nicht darauf an, ob ich ihm zustimme oder nicht. Ich empfinde diesen Mann als authentisch, vertrauenswürdig.

        Ja, Menschen, die voll und ganz ihrem von innen geführten (Lebens-) Weg vertrauen, wirken auch auf andere vertrauenswürdig. Ist dann wirklich egal, welche Konzepte sie benutzen …🙂

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  2. punitozen schreibt:

    Ach – Nitya ,
    Ick hab se nisch – die Weltordnungslösung , und wenn isse och nur jeklaut !
    siehe HIER wie folgt :

    Herzliche Grüße
    PUNITO

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  3. Ingeborg schreibt:

    So schön anzusehen.

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  4. Jens Gantzel schreibt:

    Ja, da hast du Recht… der Text ist ein Brocken..
    Ich taste mich über die Jahre so langsam daran, zumindest manchmal das Nichtstun als eine Option zu verstehen.
    http://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/08/15/ratlosigkeit-zulassen/
    Aber grundsätzlich Nichteinmischung als Prinzip? Och nee! So nichtdual will ich gar nicht sein.😉

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    • nitmoeglich schreibt:

      Lieber Jens,

      keine Sorge: Du kannst trotzdem deinen Beruf weiter ausüben.
      Musst es ja nicht deinen Klienten vor der Zeit sagen, dass da niemand ist, der handelt.
      Wenn du es ihnen vor der Zeit sagst, hast du sie vielleicht gesehen.😉
      Möglicherweise hast du ihnen damit aber auch die ganze Erleuchtung versaut.😀

      Aber vielleicht denkst du ja auch: Die spinnen hier alle in diesem Blog. Damit könntest du allerdings recht haben.

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  5. fredo0 schreibt:

    Gerade dieses „NichtsTun“ wird oft und gerne missverstanden.
    Es bedeutet keinesfalls ein Nichtstun als Handlungsmaxime.

    Es bedeutet im Tun „nichts zu tun“ .

    Etwas erläutert , das der Identifikator nicht zu aktiviert ist im Tun.
    Positiv ausgedrückt, sich dem automatischen Tun durch mich (als Figur) zu überlassen.

    Meine Figur zum Beispiel ist ganz schön rebellisch gebacken, dass ging bis zu angezündeten Polizeiautos und entsprechenden Sanktionen im Gefängnis.

    Doch nichts davon, wurde von >mir getan.
    Denn ich konnte diesen rebellischen Automatismen meines Handelns gar nicht entgehen.

    Dies zu erfassen meint “ Tun im NichtTun “ … der kluge Satz des Err-Li.

    zum Vorbeitrag … es gibt gar kein „nonduales“ Handeln als quasi NichtEinmischung.
    Leben ist immer duale Einmischung der LebensFigur „fredoo“ oder wie auch immer sich diese Figur nennen mag.

    Es geht also nicht darum ein Handeln zu verhindern , sondern lediglich den tatsächlich Handelnden im Handeln der Figur „ich“ zu bemerken.

    o

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