Bankei und der eigene, ungeborene, ursprüngliche Geist

 

BSeine [Bankeis] Worte durchschnitten die diktatorischen gesellschaftlichen Regeln des Konfuzianismus, die jeden individuellen Gedanken und Ausdruck erstickten. Sie erreichten die Ohren und Herzen von gewöhnlichen Leuten, von Samurai, Herren und Dienern, Männern und Frauen, Laien und Ordinierten. Seine Botschaft war so einfach, dass man nicht schriftkundig oder auch nur Buddhist sein musste, um sie zu begreifen. Diese Lehren lassen sich alle darauf zurückführen, sämtliche Lehren loszulassen und den eigenen , „ungeborenen, ursprünglichen Geist“ hier und jetzt zu erfassen, ohne sich irgendeiner besonderen religiösen Übung oder Überzeugung hinzugeben.
bu
Einmal fragte ich den Meister [Bankei]: „Ist es eine Hilfe für das Beschreiten des Weges, wenn man die buddhistischen Sutras und die Berichte der alten Meister liest?“

Er antwortete: „Das kommt ganz darauf an. Wenn du den Grundsätzen vertraust, die in den Sutras und Schriften enthalten sind, spielst du nur Blindekuh, wenn du sie liest. Auf der anderen Seite – wenn es für dich Zeit ist und du imstande bist, die Grundsätze loszulassen, dann wirst du, wenn du sie liest, den Beweis deiner eigenen Verwirklichung darin finden.“

aus: Bessermann Steger, „Verrückte Wolken, Zen-Meister, Zen-Rebellen“

bu„Seine Botschaft war so einfach, dass man nicht schriftkundig oder auch nur Buddhist sein musste, um sie zu begreifen.“ In diesem Satz finden sich zwei sehr wesentlich Aspekte: Einmal ist „die Wahrheit“ immer ganz einfach, ganz schlicht, und bedarf keines besonderen Intellekts. Ein bisschen Intelligenz ist völlig ausreichend. Dann: „die Wahrheit“ hat nicht das Geringste mit irgendeiner bestimmten Religion oder Philosophie zu tun. Sie ist gewissermaßen „selbstleuchtend“ und bedarf keines sie stützenden Rahmens, der sie nur begrenzen würde. Gestern schrieb Eno: „Also ich gehe heute wieder in den Wald! Den Waldvorwintermelodien lauschen und ihre Liebesbriefe lesen…“ Braucht es dafür einen Rahmen, eine Religion oder Philosophie? Nichts als offene Weite, und nichts ist heilig oder alles ohne jede Ausnahme.

Bankei bestand darauf, dass es genüge, „sämtliche Lehren loszulassen und den eigenen, ungeborenen, ursprünglichen Geist hier und jetzt zu erfassen, ohne sich irgendeiner besonderen religiösen Übung oder Überzeugung hinzugeben.“ Wer diesen eigenen, ungeborenen, ursprünglichen Geist einmal erfasst hat, „darf“ ruhig Buddhist sein oder was auch immer, „darf“ meditieren oder in der Nase bohren, „darf“ Sutras rezitieren oder den Playboy lesen – jedem Tierchen sein Pläsierchen. Kein Problem. Darauf kommt es einfach nicht an. Nur der eigene, ungeborene, ursprüngliche Geist sollte dabei möglichst nicht verschütt gehen.

Bankei empfahl einmal, zu versuchen, dreißig Tage im Ungeborenen zu verbleiben. Danach werde man es unmöglich finden, vom Ungeborenen getrennt zu leben. Seng-ts’an empfahl, nicht nach der Wahrheit zu suchen, sondern sich nur der Meinungen zu enthalten. Es weist alles in dieselbe Richtung. Unsere ganzen komplizierten Vorstellungen und die mit ihnen verbundenen Gedanken und Gefühle verschleiern die schlichte Wahrheit des Ungeborenen. „Den Waldvorwintermelodien lauschen und ihre Liebesbriefe lesen…“ ohne sich dabei in Vorstellungen und Gedanken zu verlieren, ist eine wundervolle Möglichkeit, dem Ungeborenen zu begegnen.
buSo, und ob das folgende Video nun 1 : 1 zu meinem heutigen Beitrag passt oder nicht, ist mir so was von wurscht. Ich muss es einfach reinstellen. Danke Eugen Drewermann für diesen wunderbaren Aufruf! Tausend Dank!

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8 Antworten zu Bankei und der eigene, ungeborene, ursprüngliche Geist

  1. nitmoeglich schreibt:

    Ich denke nicht politisch …

    ich denke im Wesentlichen religiös und da möchte ich das sagen, woran ich glaube und was mir die Wahrheit scheint, egal was dabei rum kommt.

    Deswegen kann ich eigentlich schlecht enttäuscht werden.

    Es gibt ’ne innere Verpflichtung, bei sich selbst zu bleiben.

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    • Eno Silla schreibt:

      Lieber Nitya,
      herzlichen Dank für diese wunderbaren Videos mit Eugen Drewermann!
      Wie schön ist es, diesen Liebesbrief von ihm zu erhalten dieser einzigartigen Melodie zu lauschen…
      So tief ins Herz getroffen!
      Herzlichen Gruss
      Eno

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  2. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    bin auch, wie Eno, tief betroffen von den Worten von Eugen Drewermann. Hier noch das Hautanliiegen, die Rede selbst, vor 2000, 4000? Menschen vor dem Schloss Bellvue. Es sollten mehr werden.!!!!!!!!!
    Und KEN FM unterstützen. Es wird Zeit.

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  3. Chantal schreibt:

    Ja, es ging mir durch die „Haut“, dieses Video!!!! anstelle „Hauptanliegen“. Ein bisschen peinlich. Werde tattrig.🙂

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    • nitmoeglich schreibt:

      Liebe Chantal,

      wenn wir beide bei diesen Videos ein bisschen zu tattern anfangen, ehrt uns das eher. Ist doch besser uns das durch die Haut gehen zu lassen und ein bisschen rumzutattern, als ungerührt vor uns hin zu verkalken und zu versteinern.🙂

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  4. Chantal schreibt:

    Das tut gut, lieber Nitya.🙂 🙂

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  5. Brigitte schreibt:

    Das trifft mich ins Mark. Eugen Drewermann, wie er da steht … das Entsetzen, das Unfassbare im Gesicht, während er über das Unerhörte spricht.

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