Ikkyû Sôjun: keine Worte für sein zerstörtes Herz

E Dieser Esel stolpert blind über Steine,
rennt gegen Wände, fällt in Gräben.
Es gibt keine Worte für seinen Kummer
und seine Freude,
keine Worte für sein zerstörtes Herz.

aus: Ikkyû Sôjun, „Gedichte von der verrückten Wolke“

Was für ein Zen-Meister! Einer derjenigen, die das Ch’an der alten chinesischen Ch’an-Patriarchen so ganz und gar verinnerlicht hatten. Da ist nichts zu finden von der Verniedlichung, wie wir sie allüberall nicht nur auf den Tannenspitzen, sondern ganz grundsätzlich im Christentum oder im Buddhismus finden können. Da wird nicht von Liebe gesäuselt, die nur ein windiger Ersatz ist für das, wovon etwa ein Dattatreya in der Avadhuta Gita oder Ashtavakra in seiner nach ihm benannten Gita oder Siddharta Gautama und die alten indischen und chinesischen Patriarchen oder das so gar nicht niedliche Jesuskindelein ihr Lied sangen.

Noch einmal die kleine Geschichte, die Ramesh Balsekar erzählte, hier in Kurzfassung, weil sie so wundervoll klar stellt, worum es eigentlich geht: Eine Frau wird auf der Straße von einem Unhold überfallen. Der Weise A. kommt ihr zu Hilfe und schlägt den Schweinehund krankenhausreif. Er wird wegen Körperverletzung angeklagt und bekommt eine Gefängnisstrafe. Zweite Version: Der Weise B., der ziemlich ängstlich ist, wenn es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommen könnte, kommt des Weges, sieht die Situation und verdrückt sich. Jetzt kommen „die Leute“ und sagen: „Das sollen Weise sein oder gar Erleuchtete? Der eine ist ein Schläger, der andere ein Feigling! Buddha hätte allein mit seiner Ausstrahlung so viel Frieden um sich herum verbreitet, dass der Unhold sofort von seinem frevlen Tun Abstand genommen hätte und sein Jünger geworden wäre.“ Die Kirchen sind voll mit solchen Heiligengeschichten. Alles erstunken und erlogen, um Schäfchen anzulocken und damit die eigene Macht zu festigen. „Das Wunder“ in der Geschichte von Ramesh Balsekar ist nicht im Verhalten der beiden Meister zu finden, sondern in ihrer Haltung: Beiden nahmen sich so, wie sie waren. Der eine war vielleicht eine Enneagramm-Acht, der andere eine Ennegramm-Fünf. Und das war, wie es war und Ausdruck der Vollkommenheit des Universums.Ikkyû Sôjun war ein blinder Esel oder eine verrückte Wolke, wie er sich auch nannte. Er liebte die schöne Shin und war auch sonst nicht geizig mit seiner Liebe, wobei er auch die Knaben nicht ausnahm, er schrieb Gedichte und soff in den Schenken nicht zu knapp seinen geliebten Sake, war beteiligt an der Entstehung der Teezeremonie, nahm hin und wieder seine Pflichten als Abt eines Klosters wahr, machte mehrere Selbstmordversuche, … und das sollte ein Zen-Meister sein? Und solche Gedichte, wie das da oben, also bitte, wo bleibt da der viel beschworene buddhistische Gleichmut? „Keine Worte für sein zerstörtes Herz.“ Erleuchtet? Pahh…!
prostPassend zum Thema erinnerte gestern Fredo an seinen verehrten Ramesh Balsekar: „Egal wo du auf einer Leiter stehst, du schaust immer auf die selbe Mauer“. Tja, wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen. Ikkyû war so ehrlich wie ein Kieselstein. Er war einfach der, der er war. Er dachte nicht im Traum daran, eine buddhistische Verhaltenstherapie zu absolvieren. Er war keiner von diesen religiösen Heuchlern, die immer wieder ihren eigenen süßlichen Lügenmärchen auf den Leim gehen. Wer glaubt, andere an ihrem Verhalten beurteilen zu können, hat nichts verstanden. Ja, einen Dieb darf man einen Dieb nennen. Aber ob es sich dabei um einen Buddha handelt oder nicht, lässt sich eben nicht an seinem Verhalten erkennen, aber – das sag ich jetzt mal so – an seinem „Duft“. Ikkyû Sôjun umgibt dieser Duft. Wie ich dazu komme, das ohne jeden Beweis zu behaupten? So halt, einfach so.

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17 Antworten zu Ikkyû Sôjun: keine Worte für sein zerstörtes Herz

  1. Eno Silla schreibt:

    „Jeden Tag studieren Priester
    ganz genau den Dharma
    und singen endlos die schwierigen Sutren.
    Doch zuvor sollten sie erstmal lernen,
    Liebesbriefe zu lesen,
    die Wind und Regen,
    Schnee und Mond schicken.“
    Ikkyû Sôjun

    Also ich gehe heute wieder in den Wald!
    Den Waldvorwintermelodien lauschen und ihre Liebesbriefe lesen…
    Vielleicht begegnet mir sogar der weiße Bussard noch einmal,
    ganz bestimmt aber viele andere Wunder…

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  2. punitozen schreibt:

    Lieber Eno ,
    das ist doch ein “ ganz gewöhnlicher Vorgang “ im Umgang mit Obdachlosen .
    Der Gipfel der Ausgrenzung . Schon seit Jahren werden , beispielsweise in Paris ,
    Obdachlose in den Metrostationen aufgegriffen , kilometerweit durch die Lande gekarrt
    und dort ausgesetzt . Diese Vorgehensweise findet nicht nur in Frankreich statt .
    http://www.spiegel.de/panorama/mecklenburg-vorpommern-polizisten-bezeichnen-aussetzen-von-obdachlosen-als-uebliche-praxis-a-254703.html

    http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_18352200/obdachlosigkeit-in-paris-sind-immer-mehr-menschen-wohnungslos.html
    Der Wahnsinn hat Methode – ihn mit Gleichmut zu begegnen – auch Wahnsinn .
    So , trotz aller Misere vermiese Dir nicht Dein Vorhaben . Gut das Du mich auf meine Baumverwechselung aufmerksam gemacht hattest . Frei nach Shakespeare :
    “ Es war nicht die Buche – es war die Eiche ! „:

    Liebe Grüße
    PUNITO

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    • nitmoeglich schreibt:

      Lieber Punito,

      ja, der Wahnsinn ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang.
      Willkommen im Irrenhaus!

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      • punitozen schreibt:

        Lieber Nitya ,
        Thema “ mit Gleichmut begegnen “
        manch al denke ich das da etwas verwechselt wird . Nämlich , wenn Gleichgültigkeit
        mit Gleichmut verwechselt wird . Eines der ur Zeit “ gern verwendeten Floskeln
        “ Das leben ist kein Ponyhof !“ häufig angewendet an Arbeitsplätzen oder
        in Amtsstuben , wie ich von meinem Sohn erfahren durfte , läßt in mir keinen Gleichmut aufkommen .
        Ist Gleichmut nicht vielmehr , die Aufforderung des Sich-Auseinandersetzen
        mit den “ unbequemen Gefühlen “ , wie Ärger , Neid , Verzagtheit u.s.w. u.s.f. .
        Sie , jene unbequemen Gefühle , zulassen ergründen ,und sie annehmen . Ihnen die
        Zeit des Sich- Auflösen geben – im Erkennen , das es Nichts zu tun gibt .

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      • nitmoeglich schreibt:

        Lieber Punito,
        was mich betrifft, begegne ich mit Gleichmut meiner Cholerik und dem Rest meiner Emotionen.🙂

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      • punitozen schreibt:

        Dies Interview reflektiert der „Gelben-Galle Überfluß “ .

        Lieber cholerisch als bildungsbürgerlich-doof ,🙂

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      • nitmoeglich schreibt:

        Bei der Schnepfe wäre ich noch ganz anders ausgerastet!

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    • Eno Silla schreibt:

      Lieber Punito,
      ich werde mich wohl nie gewöhnen an solche „ganz gewöhnlichen Vorgänge“! Oder doch? Es gibt soviel, woran ich bereits gewöhnt bin… Soviel Elend!
      Und Gleichmut oder irgendwelche anderen einzwängenden Konzepte können mich mal und sogar, dass sie mich mal können, kann mich mal… Also wie immer lande ich beim „Kein-Entkommen“. Ganz gleich was erscheint: völliges Ausgeliefertsein an das was ist!
      Aber von meiner Wanderung hat es mich heute nicht abgehalten. Es waren mehr Menschen unterwegs, denen konnte ich weitestgehend über unbekanntere Wege ausweichen. Ein kleines Wunder hab ich mitgebracht:

      Liebe Grüße an Euch alle
      Eno

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  3. fredo0 schreibt:

    ein womöglich recht kluger Mitmensch sagte mal, „der Choleriker (er)lebt einfach Emotion sehr komprimiert. Das was andere in eine lange Emotionsgeschichte verpacken, vermag er in einem einzigen Satz auszudrücken.“ 😀

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  4. Marianne schreibt:

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