Huang-po: nichts ist aus der Vollkommenheit ausgeschlossen

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Auf der Suche nach der Wahrheit
ist es nicht nötig,
die Wahrnehmungen aufzugeben
oder den lauteren Geist
jenseits des Sehens und Hörens,
des Fühlens und Erkennens
zu suchen.

Hängt euch an nichts
und verliert euch an nichts,
so dass ihr jenseits von
Festhalten und Verwerfen seid.

Überall ist diese völlige Klarheit,
denn es gibt nichts,
das von dieser Vollkommenheit
ausgeschlossen ist.

Huang-po

 Den Text von Huang-po habe ich gestern bei „Mystik aktuell“ gelesen und war mal wieder begeistert von Lin-chis Meister. Während Seng-ts’an sagte: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen!“, sagt Huang-po: „Auf der Suche nach der Wahrheit ist es nicht nötig, die Wahrnehmungen aufzugeben oder den lauteren Geist jenseits des Sehens und Hörens, des Fühlens und Erkennens zu suchen.“ Sagt er da etwas anderes? Nein, er sagt es nur anders. „Auf der Suche nach der Wahrheit“ – Die Suche lässt sich nicht vermeiden. Wenn sie stattfindet, findet sie statt. Aber, um damit gleich auf den zweiten Hinweis zu kommen: „Hängt euch an nichts und verliert euch an nichts, so dass ihr jenseits von Festhalten und Verwerfen seid.“ Seng-t’san sagt: „Enthalte dich nur deiner Meinungen!“ Das ist dasselbe. Jede Meinung, an der ich hänge, ist ein Festhalten. Das ist das Ende der Durchlässigkeit. Mit einem Schlag werde ich definierbar. „Das ist ein Putinversteher.“ – „Das ist ein USA-Vasall.“ Und jeder, der in dieser Weise definierbar geworden ist, wird auf der Stelle blind und taub gegenüber allen Informationen der Gegenposition. „Hängt euch an nichts und verliert euch an nichts, so dass ihr jenseits von Festhalten und Verwerfen seid.“ Wer in dieser Weise völlig offen ist, ist immer auch offen für die Informationen und Argumente der momentanen Gegenseite.

Im dritten Vers weist Huang-po auf einen ganz wesentlichen Punkt hin: „Überall ist diese völlige Klarheit, denn es gibt nichts, das von dieser Vollkommenheit ausgeschlossen ist.“ Dieser Punkt ist für den dualistischen Verstand kaum nachvollziehbar. Er beginnt auf der Stelle, all die unendlich vielen Dinge und Geschehnisse aufzuzählen, die seiner Meinung nach alles andere als vollkommen sind. Und er kommt zu der felsenfesten Überzeugung, dass dieser Huang-po ein ganz schöner Spinner sein muss.

Im Augenblick ist es mir zu kalt, zu nass und zu windig. Wenn ich jetzt Aladins Wunderlampe hätte, würde ich mir vielleicht mildere Temperaturen und weniger Niederschlag wünschen. Im Sommer wünsche ich es mir dann weniger heiß und hin und wieder einen erfrischenden Regenguss. Immer wieder gerät diese pulsierende Einheit der Polaritäten aus dem Blick. Das sage ich jetzt ohne moralisierend erhobenen Zeigefinger. Auch das ist Teil der Vollkommenheit. Es gibt nichts, was aus dieser Vollkommenheit ausgeschlossen wäre.Aladin

 

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6 Antworten zu Huang-po: nichts ist aus der Vollkommenheit ausgeschlossen

  1. Ingeborg schreibt:

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  2. fredo0 schreibt:

    Es ist mir aufgefallen, dass viele diese Perfektion dessen was erscheint falsch verstehen … sie meinen, etwas was erscheint, sei Ausdruck von Perfektion … so wohl doch nicht …
    die Erscheinung >erscheint perfekt … aber nicht als Perfektion

    Also keine unfertige oder halbherzige oder teilweise Erscheinung, sondern alles was erscheint, ist perfekt (gelungen) in seiner Erscheinung, egal ob es als Form dann Perfektion auszudrücken versucht oder gar das Gegenteil . Ob schön oder hässlich ausdrückend , ist es stets perfekte Erscheinung dessen, was da durch Erscheinung als schön oder hässlich ausgedrückt werden soll .

    in anderen Worten … das Foto ist immer perfekt gelungen … das Motiv mag alles andere als perfekt sein

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    • nitmoeglich schreibt:

      Lieber Fredo,

      hast du dich da nicht gerade ein wenig zum „Wissenden“ gemacht, wenn du schreibst: „Es ist mir aufgefallen, dass viele diese Perfektion dessen, was erscheint, falsch verstehen … sie meinen, etwas, was erscheint, sei Ausdruck von Perfektion … so wohl doch nicht …die Erscheinung >erscheint perfekt … aber nicht als Perfektion.“

      Sind das nicht einfach zwei Aspekte?

      „das Foto ist immer perfekt gelungen … das Motiv mag alles andere als perfekt sein“ Ja, klar. Aber ist das wirklich alles, was hier mit Vollkommenheit gemeint sein könnte? Warum taucht dieser Hinweis auf die Vollkommenheit immer wieder bei ganz unterschledichen Meistern auf? Etwa bei Lao-tse;

      Meinst du etwa,
      du könntest das Universum ergreifen und es verbessern?
      Ich glaube nicht, dass du das kannst.
      Das Universum ist vollkommen,
      es kann nicht verbessert werden.
      Es zu verbessern heißt, es zu zerstören.
      Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.

      Hier geht es eindeutig um die Inhalte und nicht nur darum, dass die Inhalte in vollkommener Weise erscheinen. Wenn du das Tai Chi Zeichen in seiner Darstellung der Polaritäten nimmst, dann hast du ein Symbol für diese Vollkommenheit auch der Inhalte. Um das sehen zu können, bedarf es jedoch einer Sicht des UNIVERSUMS (aus dem Lateinischen: „in eins gekehrt“) Da diese Sicht für die meisten Menschen (am Ende vielleicht sogar für alle?) jedoch versperrt ist, wird alles in vollkommen und unvollkommen aufgeteilt. Nimm aus dem Tai Chi-Symbol eine Hälfte raus, dann hat du etwas höchst Unvollkommenes vor dir.

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      • fredo0 schreibt:

        ich denke da ist ein JAIN

        . denn natürlich sind die Inhalte auch „perfekt“ …
        jedoch erst, wenn „parteiische identifikation in form von anders wollen“ die wahrnehmung nicht (mehr) überlagert …
        da dies aber auch keinem wollen unterliegt, sondern erst folge einer möglichen „durchdringung“ bis zum urgrund sein kann, kann diese (auch) perfektion des inhalts unmöglich vorher wahrgenommen werden.
        und wird sie in diesem sinne denn als „perfekt“ wahrgenommen … danach ?
        ist da nicht eher ein indirektes „perfekt“ in der wahrnehmung, da halt nicht mehr der anspruch auf wahrheit der wahrnehmung besteht ? … und damit einfach ein „reingleiten“ ohne widerstand (einer erwartung) geschieht ?
        und ist das nicht voraussetzung für dieses resumee … perfekt … ?
        welchen nutzen hätte da aber der hinweis auf perfektion ? wenn er doch unmöglich zu befolgen ist ?

        gut … ich will es zugestehen, dass mir viele hinweise der ollen diesen quasi „sadistischen“ effekt zu haben scheinen , und dass dies meinen verdacht nährt, dass es bei vielen hinweisen der ollen ( und auch mancher lebender ) gar nicht um verstehen geht, sondern ( vorerst ) um eine steigerung des dillemas .

        also „dient“ der hinweis auf die perfektion des inhalts vor allem diesem dillema und füttert dessen dampf .
        und wo der dampf seinen effekt hatte, bedarf es derartiger hinweise eigentlich nicht (mehr ) . oder ?😀

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      • nitmoeglich schreibt:

        Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
        da sie nur Vorstellungen erzeugen;
        alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
        da er sie nicht benötigt.

        Shankara

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