Paul Goodman: als ob


Paul-Goodman
Freie Aktion bedeutet,
in der bestehenden Gesellschaft
so zu leben,
als sei sie eine natürliche.

Paul Goodman

 Gestern erzählte mir eine Freundin von einem Besuch bei einem Bekannten. Im Verlauf des Gesprächs erwähnte sie wohl die Vision Mahatma Gandhis von einer aufgeklärten Anarchie und bezog sich dabei vermutlich auf seine Aussage:

Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regeln wird, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.

Ihr Bekannter soll daraufhin reagiert haben, wie wohl viele an dieser Stelle reagiert hätten oder wie es Helmut Schmidt mal auf den Punkt gebracht hat: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Auf gut Deutsch: Wer Visonen hat, tickt wohl nicht richtig. Kein Wunder, dass der mit einem Willy Brandt nicht viel anfangen konnte.

Die Frage, um die es meistens geht, ist die: Wie soll sich diese Vision denn verwirklichen lassen? Das Leben der Menschen ist nun mal nicht vollkommen und sie selbst sind es schon mal gar nicht. Gestern bin ich mal wieder auf so einen IS-Film mit Hinrichtungen durch Kopfabschneiden geraten. Da steht so’n Haufen Typen rum und auf dem Boden sitzen ein paar „arme Sünder“ gefesselt mit gesenktem Kopf. Irgendein Typ hält eine Rede, dann kommt ein anderer mit einem Messer auf einen der Männer am Boden zu, wirft in auf die Seite und beginnt unter lautem „Allahu Akbar“-Gejohle der Menge den Mann zu schächten.


.

„Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, …“ Wenn meine Tante Räder hätte, wäre sie ein Omnibus. Wie kann das Leben der Menschen einmal in diesen vollkommenen Zustand kommen? Das Internet ist voll von Aufrufen wie „Wehrt euch!“ – „Empört euch!“ Viele träumen von Revolution. Oder wenigstens von einem Generalstreik. Paul Goodman war ein Anarchist und er hatte ein ganz anderes Rezept dafür, wie wir aus unseren barbarischen Verhältnissen zu jenem Zustand der Vollkommenheit gelangen können, und zwar nicht, indem wir nichts tun und auf bessere Zeiten warten. Nun, ich denke nicht, dass Paul Goodman so weit gegangen wäre wie Gandhi, für den auch jede Selbstverteidigung mit Mitteln der Gewalt zu verwerfen war. Das „Warten auf bessre Zeiten“ kam für Goodman nicht in Frage. Da hielt er es dann ganz mit Gandhis Satz: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Für einen Anarchisten, für den Herrschafts- und Gewaltfreiheit Selbstverständlichkeiten sind, kann es gar keinen anderen Weg geben. Paul Goodmans Rat war: „Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.“ Jetzt – und nicht am St. Nimmerleinstag.

Wir haben nach dem zweiten Weltkrieg unsere Unschuld schon längst wieder verloren. An den Händen unserer Soldaten klebt wieder das Blut von Menschen, die sterben mussten, damit wir unsere Wirtschaftsinteressen durchsetzen können. Es wird Zeit, sich immer wieder auf Wolfgang Borcherts Gedicht „Dann gibt es nur eins“ zu erinnern. Jeder auf seinem Platz. Jetzt.

nie wiederEin Zeichen unserer Politik:
Solche Briefmarken drucken
und sich einen Dreck drum scheren.


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9 Antworten zu Paul Goodman: als ob

  1. Brigitte schreibt:

    Auszug aus einer Rede von Eugen Drewermann „Kriege sind das Eingeständnis einer verlorenen Menschlichkeit“

    Kriege sind das Eingeständnis einer verlorenen Menschlichkeit. Wir sollten sie nie beginnen, wir sollten sie immer verweigern. Und wenn wieder davon die Rede geht, sie sei nötig, sollten wir all den Lügen nicht glauben, die da aufgetischt werden.

    Sie stimmen samt und sondern nicht. Als 1947 in Basel ein deutscher Dichter darüber nachdachte, wie er nach allem, was er über den Krieg und gegen den Krieg geschrieben hatte, so etwas formulieren könnte wie ein Testament an die Menschheit, meinte Wolfgang Borchert es nicht besser tun zu können als in den Sätzen, die ein Fanal sind – im Abstand jetzt von mehr als einem halben Jahrhundert: Gültig für das kommende mindestens halbe Jahrhundert, bis wir es geschafft haben, das die Soldateska dahin gegangen ist, wo sie hingehört: ins Niemandsland des nie mehr Wiederkommens.

    Wolfgang Borchert schrieb damals:

    „Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

    Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins: Sagt NEIN!

    Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

    Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“

    http://www.ag-friedensforschung.de/bewegung/ostermarsch2012/drewermann.html

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  2. Ingeborg schreibt:

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  3. Eno Silla schreibt:

    Lieber Nitya,
    ich habe es geschafft mir das Video vom Schächten eines Menschen nicht anzusehen.
    Hätte ich es gesehen, dann wäre ich sicherlich sehr lange davon verfolgt worden. Albträume, die mich sowieso oft genug quälen, wären die Folge. Das Schächten eines Menschen ist für mich unerträglich anzusehen, ich breche sofort in Tränen aus – keine gute Abwehr! Eugen Drewermann hat vollkommen recht, dass wir erbrechen würden, wenn uns wirklich klar wäre, was bei der Fleischproduktion vor sich geht und das Fleisch dann unmöglich zu konsumieren wäre. Wenn uns wirklich klar wäre, was Krieg bedeutet, wie könnten wir dann überhaupt einen Krieg noch für möglich halten? Ich halte ihn nicht für möglich, er ist ein absolute Unmöglichkeit, eine Monströsität, ich war schon als kleines Kind entsetzt von dieser Form menschlichen Verhaltens und daran hat sich bis heute nichts geändert. Am Montag sagte mir meine Zahnärztin, dass sie sich ausgebrannt fühlt, dass sie gemobbt wird von ihren Vermietern, aber nicht umziehen will, aber auch nicht diese Vermieter verklagen möchte, weil sie keinen Krieg mehr möchte, weil für sie der Krieg schon darin besteht, jemand Anderen zu verklagen und weil sie sich als Zelle des Ganzen empfindet, mit der die Veränderung beginnt. Dafür habe ich mich sofort in sie verliebt…
    Herzliche Grüsse
    Eno

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  4. punitozen schreibt:

    ….“Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.” Jetzt – und nicht am St. Nimmerleinstag.

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  5. fredo0 schreibt:

    Der Ehemann meine „Büroperle“ war bereits zweimal in Afganistan , da er als Berufssoldat zu den Spezialhubschraubern gehört , die dort eingesetzt wurden .
    Obwohl er nie in direkte Kampfhandlungen geraten ist, hat der einfache Kontakt mit dieser Kriegs-Atmosphäre ausgereicht, ihn tief zu traumatisieren .
    Es ist gut möglich, dass er sein Berufssoldatentum beendigen muss.
    Und dies betrifft einen recht robusten Typ Mann .
    Da erahnt man die Dimension, die ein Kriegsgeschehen erst in Kindern und Frauen anrichten muss. Kein Wunder, dass unsere Eltern bis ins hohe Alter davon geprägt waren.
    Mein Vater war als 17 jähriger noch eingezogen worden. hat aber nie auffällig viel davon berichtet. Drei Tage vor seinem Tod begann er plötzlich, wie geradezu getrieben , von seinen Kriegserlebnissen zu berichten …..

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  6. nitmoeglich schreibt:

    Ach das tut gut:
    Inmitten dieses Irrenhauses der Normalos
    ein paar menschliche Stimmen zu hören.

    Ich danke euch!

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  7. Dieter schreibt:

    Lutherbibel 1912
    Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

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