Hui-neng: gewöhnliche Wesen und Buddha-Wesen

 

Der Meister sprach: Hört gut zu. Wenn die verblendeten Menschen späterer Generationen gewöhnliche Wesen kennen, werden sie nichts anderes sehen als Buddha-Wesen. Wenn sie gewöhnliche Wesen nicht kennen, wird es, selbst wenn sie Buddha für alle Ewigkeiten suchen, schwer sein, ihn zu treffen.

Ich werde euch jetzt die gewöhnlichen Wesen in eurem eigenen Geist sowie das Buddha-Wesen in eurem eigenen Geist sehen lassen. Ich sage euch, wenn die Menschen der späteren Generationen Buddha suchen und erkennen wollen, dann müssen sie (gerade eben) gewöhnliche Wesen kennen (nichts anderes), weil gewöhnliche Wesen von Buddha (der Vorstellung eines Buddha) verblendet sind (und den wahren Buddha, d.h. sich selbst aus den Augen verloren haben). Buddha ist nicht von den gewöhnlichen Menschen verblendet. Wenn das eigene Wesen erwacht ist, dann sind gewöhnliche Menschen bereits Buddha. Wenn das eigene Wesen in Verblendung befangen ist, dann ist Buddha ein gewöhnliches Wesen.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

Es ist alles in eurem eigenen Geist: Gewöhnliche Wesen / Buddha-Wesen. Gewöhnliche Wesen sind Wesen, die sich selbst aus den Augen verloren haben, weil sie verblendet sind von ihren Vorstellungen. Hui-neng deutet dabei genau auf Dasselbe hin, wie der Dritte Patriarch Seng-ts’an: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen.“ Meinungen bzw. Vorstellungen. Mit dem Wort „enthalte“ ist vermutlich gemeint „glauben“. Meinungen und Vorstellungen sind im Grunde völlig harmlos, solange ihnen nicht geglaubt wird. Es ist unsinnig, nach dem Wahren zu suchen. Eben indem du es suchst, scheinst du es verloren zu haben. Du bist bereits das Wahre. Jede Suchbewegung richtet sich nach außen, und so entfernst du dich scheinbar mit jeder Suchbewegung immer weiter von dem, was du schon immer warst, bist, sein wirst. Du suchst nach einer Vorstellung, die nur eine Fata Morgana ist und damit unerreichbar. Für diese Vorstellung und deinen Glauben an sie opferst du deine ursprüngliche Natur, opferst du dein Buddha-Wesen.

Suche nicht nach dem Wahren, das du schon immer bist. Was bin ich denn schon immer? Es ist nicht nötig, das zu wissen. Weiß eine Wolke, was sie ist? Sie weiß es nicht und ist doch, was immer sie ist. Wenn du zu wissen glaubst, wer du bist, hast du dir sowieso mal wieder nur etwas eingebildet. Du kannst nicht wissen, wer du bist. Es ist völlig genug, einfach zu sein, was immer du bist. Das ist das, was Hui-neng Buddha-Wesen nennt. Ja aber, ja aber … dann hätte ja auch jeder Hund Buddha-Wesen?

Ja. Gott sein Dank hat der Hund keine Ahnung davon. Hätte er eine Ahnung davon, wäre er sofort wieder ein „gewöhnliches Wesen“, d.h.: ein Buddha-Wesen, das glaubt, dies oder das zu sein.

 

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3 Antworten zu Hui-neng: gewöhnliche Wesen und Buddha-Wesen

  1. Elwood schreibt:

    Ein Hund als Götze?…

    Der Rabbi und die Bestie

    Es gab einmal einen berühmten Rabbiner, der wegen seines profunden Wissens der heiligen Schriften sehr verehrt wurde. Er war sehr orthodox und glaubte an jedes Wort, das im heilgen Buch geschrieben stand.

    Eines Tages war er gemeinsam mit seinem Gehilfen in einer entlegen Gegend auf Reisen und durchquerten ein Dorf. Als sie in der Mitte des Dorfes waren, knurrte ein großer Hund plötzlich sehr laut und fing dann an, sie zu verfolgen. Sofort rannte der Rabbiner so schnell er konnte und der Gehilfe folgte ihm. Sie schafften es aus dem Dorf zu fliehen, ohne dass der Hund sie erwischte. Hinter einem Felsen versteckten sie sich, so dass der Hund sie nicht mehr sah. Dort lamentierte der Gehilfe: “Warum sind Sie davon gelaufen wie ein Kind? Sie haben mich immer gelehrt, dass wenn ich die Regeln des heiligen Buches achte, mir keine Bestie etwas anhaben kann! Also warum sind Sie weggelaufen? Glaubt ihr etwa nicht, was das heilige Buch lehrt?” Der Rabbiner antwortete: “Doch, natürlich glaube ich an das heilige Buch – aber ich fürchte, der Hund hat es nicht gelesen!”

    (Erzählt von Zen-Meister Wu Bong)

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  2. punitozen schreibt:

    ….Ja aber, ja aber … dann hätte ja auch jeder Hund Buddha-Wesen? ….
    .
    Lass alles los! Lass auch das Loslassen los!
    (Nagaya)

    Schüler: „Wie finde ich mein Buddha-Wesen?“
    Meister: „Du hast kein Buddha-Wesen.“
    Schüler: „Wie ist es mit den Tieren?“
    Meister: „Die haben Buddha-Wesen.“
    Schüler: „Warum habe ich dann keines?“
    Meister: „Weil du fragen musst.“

    L.G.
    PUNITO

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