Alan Watts: Liebe für die Atmosphäre des Tao


TaoBevor wir fortfahren, möchte ich noch sagen, dass einem echten Taoisten selbst eine so wenig akademische Abhandlung wie diese überheblich und unnötig vorkäme. Ich stöbere freilich in der chinesischen Literatur und Philosophie herum wie einer, der einen Küchengarten zu besorgen hat im Unterschied zu einem großen Hof, und ich habe dieselbe Liebe für die literarische Atmosphäre des Tao – die Texte, die Kaligraphie, die Malereien und sogar die chinesischen Wörterbücher -, wie man sie für ein kleines Beet Tomaten oder Stangenbohnen, einen Pflaumenbaum und ein bescheidenes Getreidefeld hegen könnte. Wenn wir uns jedoch dem Tao einseitig literarisch oder akademisch nähern, erfahren wir nichts über sein Wesen, sodass der Leser, um das Folgende zu verstehen, jetzt und beim Weiterlesen sich in die rechte geistige Verfassung bringen muss. Dazu ist es nötig,
dass er – natürlich vorübergehend – alle seine philosophischen, religiösen und politischen Ansichten ablegt und beinahe wie ein Kind wird, das gar nichts weiß. Das heißt, nichts, als was er wirklich hört, sieht, fühlt und riecht. Er möge sich vorstellen, dass er sich nur im Hier bewegt und dass es nie eine andere Zeit gab, gibt oder geben wird als das Jetzt. Er nehme einfach das wahr, was ist, ohne es zu benennen oder Vorstellungen und Meinungen über sie. Es hat keinen Sinn, den Schwall von Worten und Gedanken unterdrücken zu wollen, der in den meisten Erwachsenenhirnen abläuft. Wenn er nicht aufhören will, soll man ihm seinen Lauf lassen, ihm zuhören, als wenn es Verkehrslärm wäre oder das Gackern von Hühnern.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

Liebe für die Atmosphäre des Tao, seine Melodie, seinen Duft, seine Schlichtheit, seine Leichtigkeit und Unbekümmertheit, … Wenn mich jemand fragen würde, was die Lehre des Taoismus sei, müsste ich ihm jede Antwort schuldig bleiben. Entweder nimmt er diesen besonderen Duft wahr oder er nimmt ihn nicht wahr. Für mich war das, was da in jungen Jahren zu mir herüberwehte, von Anfang an wie das Wahrnehmen meines Stallgeruchs und ich kuschelte mich in ihn ein, wie mein Kater Gregor in meinen Schoß und lauschte vergnügt dem Schnurren, das da tief aus meinem Bauch hochstieg.

Einem echten Taoisten käme selbst eine so wenig akademische Abhandlung wie diese überheblich und unnötig vor, schreibt Alan Watts – und das geht mir auch immer so, wenn ich irgendwelchen Lehren über das Unsagbare begegne. Sie reden ja alle von demselben Nicht-Ding, die Wei Wu Weis, Balsekars u.s.w. – aber zum Teufel mit ihren theoretischen Ergüssen! Mit ihnen werden sie diesen Duft niemals einfangen können. Dabei bin ich sicher, dass Ihnen dieser Duft keinesfalls unbekannt war. Bei Osho konnte ich ihn hautnah erleben und er bezeichnete einmal Lao-tse als seinen Bruder. Und natürlich ist auch „mein“ Heinz Butz ein Bruder Lao-tses, obwohl er diesen Namen nie erwähnt hat, wenn ich das recht erinnere.

„Dazu ist es nötig, dass er – natürlich vorübergehend – alle seine … Ansichten ablegt und beinahe wie ein Kind wird, das gar nichts weiß.“, sagt Alan Watts. Gott sei Dank nur vorübergehend. Wenn sie denn dann wieder auftauchen, dann hoffentlich nicht als die alten Glaubenssysteme, sondern in der Klarheit, dass es sich eben „nur“ um Ansichten handelt. Nur – wer wären wir ohne An-Sichten? Wenn ein Laster auf uns zuzurollen scheint, ist das auch nur eine Ansicht. Wir täten gut daran, so zu reagieren, als ob es diesen Laster wirklich gäbe. Niemand sollte glauben, dass die ollen Taoisten Tomaten auf den Augen hatten. Sie haben zwar noch keine Videos geguckt, konnten aber sehr wohl sehen, was da um sie herum vor sich ging und waren nicht ohne eine lebendige Antwort auf die Herausforderungen des Lebens.

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3 Antworten zu Alan Watts: Liebe für die Atmosphäre des Tao

  1. Ingeborg schreibt:

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  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    bin so müde zum vom diskutieren , philosophieren , Ja und aber – Redereien .
    System – Schuldsuchereien , Besser-Systemgefunden-Habenreden .
    Bin zu müde zum Widerspruch der Grossen-Entwürfe . Bin es leid mir immer und immer
    wieder den Politiker -Wir-habenfehlergemacht-aber-Reden zuzuhören .
    Die Tanne neben meinem Küchenfenster erzählt mir ohne Lärmerei und Getöse
    vom Geben und Nehmen , wenn der Tannenhäher an ihren Früchten sich bedient .
    Ihre natürliche Heilkraft die Wunde mit weißlichen Harz verschließt , die der Häher
    ihren Früchten zugefügt .
    Sie steht still – bei jedem Witterungszustand – im Zustand nätürlicher Erhabenheit .

    L.G. PUNITO

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