Tschuang-tse: darum sage ich …



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Es gibt auf der Welt nichts, was nicht zu einem anderen in einem Wechselverhältnis stünde. Aber nur von einem Teil ausgehend, kann man das nicht erkennen, erst aus dem Wissen von dem anderen kommt diese Erkenntnis. Darum sage ich, das eine geht aus dem anderen hervor, das eine wird durch das andere bedingt. Das ist die Lehre von der Erzeugung des einen durch das andere.

Wenn nun demnach auch Leben und Tod, Möglichkeit und Unmöglichkeit, Bejahung und Verneinung einander bedingen, so folgt doch der Heilige nicht diesem Gedankengange, sondern betrachtet die Dinge im Licht der Ewigkeit und geht von einem aus. Dann sieht er, das eine ist zugleich auch das andere, und jedes schließt einen Gegensatz in sich. Gibt es aber dann tatsächlich noch den relativen Unterschied oder nicht?

Wo die Gegensätze ihre Aufhebung in der höchsten Synthese finden, da sagt man, sei die Achse des Tao. Wenn diese Achse im Mittelpunkt ruht und das Unendliche in ihr zusammentrifft, dann geht Bejahung und Verneinung in einer unendlichen Einheit auf.

Darum sage ich: Nichts kommt der Erleuchtung gleich!

aus: Tschuang-tse, „Was du Tao nennst, wo ist es zu finden?“

heieiei
Na, da „definiert“ ja endlich mal wieder jemand den Begriff „Erleuchtung“:

Wo die Gegensätze ihre Aufhebung in der höchsten Synthese finden, da sagt man, sei die Achse des Tao. Wenn diese Achse im Mittelpunkt ruht und das Unendliche in ihr zusammentrifft, dann geht Bejahung und Verneinung in einer unendlichen Einheit auf.

Aber fangen wir von vorne an: Wer war zuerst da: Die Henne oder das Ei? Kennt ja jeder diesen Spruch, der eigentlich nur auf die Unsinnigkeit der Frage hinweisen möchte, gleichzeitig aber den Befragten dazu bringen will, zu sehen, warum die Frage unsinnig ist. Unsinnig nicht nur bei dem Beispiel Henne und Ei, sondern bei all diesen scheinbaren Gegensätzen. Wer war zuerst da: Winter oder Sommer? Das ist natürlich genauso unsinnig.

Tschuang-tse geht dann einen Schritt weiter: Sind Ja und Nein in der gleichen Weise Gegensätze, die voneinander abhängig sind? Wird auch hier das eine durch das andere erzeugt. Wird aus meinem Nein zu den Methoden der IS irgendwann ein Ja? Oder aus meinem Nein zu diesem Raubtierkapitalismus, der wissentlich Millionen von Menschen ausbeutet und ermordet?

Tschuang-tse: „Der Heilige betrachtet die Dinge im Licht der Ewigkeit und geht von einem aus. Dann sieht er, das eine ist zugleich auch das andere, und jedes schließt einen Gegensatz in sich. Gibt es aber dann tatsächlich noch den relativen Unterschied oder nicht?“ Bist du so ein Heiliger, der das so sieht? Ist dein Nein zu all diesen Abscheulichkeiten für dich wirklich gleichzeitig ein Ja zu ihnen? Es geht hier nicht um eine wohlfeile Antwort, sondern einfach um ein Hingucken.

Ich hoffe, der letzte Absatz des Textes verführt dich nicht dazu, dir selbst zu beteuern, dass du das alles doch schon längst siehst, dass du schon längst auf „dieser Stufe“ angekommen bist und das ersehnte Ziel der Erleuchtung erreicht hast. Es geht doch einfach darum, herauszufinden, wie ich damit umgehe, wie ich das sehe.

Wo die Gegensätze ihre Aufhebung in der höchsten Synthese finden, da sagt man, sei die Achse des Tao. Wenn diese Achse im Mittelpunkt ruht und das Unendliche in ihr zusammentrifft, dann geht Bejahung und Verneinung in einer unendlichen Einheit auf.

Unbenannt

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4 Antworten zu Tschuang-tse: darum sage ich …

  1. Chantal schreibt:

    „Es geht doch einfach darum, herauszufinden, wie ich damit umgehe, wie ich das sehe.“
    Wenn ich z. B. den Satz lese oder höre „Alles ist perfekt, so wie es ist, da ist nichts zu ändern.“ Dann merke ich, dass das für mich so nicht stimmen kann. Wie kann ein mitfühlendes Wesen das Leid in der Welt als perfekt erscheinen lassen? Klar, kann ich das Leid der Welt nicht ändern. Aber ich kann Farbe bekennen, kann erröten, erbleichen, erstarren, kann spenden, kann wählen, oder eben wegschauen. Und oft schaue ich weg, weil ich es nicht ertrage. Der Überfluss in unseren Läden ertrag ich auch schlecht. Und zum Glück gibt es noch den eigenen Tod, dass ich dann nicht mehr wegschauen muss. Mal schauen🙂

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    • fredo0 schreibt:

      zu chantal …
      es ist ja das seltsame … auch deine irritation , dein nicht in ordnung finden , dein nicht ertragen können ist in sich bereits … perfekt !

      perfekt meint ja hier nicht vollkommen im sinne eines ideals …
      sondern vollkommener ausdruck der momentanen version von dynamik im leben …

      nicht das, was sich da ausgedrückt, drückt mit seiner form perfektion aus ,
      sondern der gelungene ausdruck … jetzt … ist … stets in dieser jetzigkeit perfekt …
      ( perfekt auch dann, wen er zum beispiel die form „unperfekt“ ausdrückt,
      dann findest du eine perfekte version des unperfekten )

      diese haltung des „hinschauens“ tritt einfach … einen schritt zurück … thats all

      und der davon betroffene erkennt erstaunt, er ist nach wie vor in diesem leben gegenwärtig, auch wenn da ein „schritt zurück“ wahrgenommen wird.

      am leben mit seiner erscheinungs-flut hat sich nix geändert.
      ( es ist ja, wie gesagt, in dieser anhaltende flut stets perfekt flutend )
      nur dieser innere referenzpunkt wurde „zurücktretend“ …

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      • Chantal schreibt:

        Hallo fredoO,
        „perfekt meint ja hier nicht vollkommen im sinne eines ideals …“
        Gut, dass du mir da sprachlich zu Hilfe kommst. Dieses Wort „perfekt“ war in meinem Denken gleichgesetzt mit Ideal.
        Du schaust eben genau auf die Worte. Wenn einfach Gewahrsein ist, was du mit :…“diese haltung des “hinschauens” tritt einfach … einen schritt zurück …“
        Ja!… da, wo eben Frieden ist. Jetzt kann ich wieder hinschauen, ohne wegzuschauen und diesen Abstand haben, wie ihn in einem tragischen Film.
        Danke dir!!!!!!!

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  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya .
    kann ich die globalen Missstände in der Welt verändern ? Sage ich NEIN , ist es eine Illusion .
    Sage ich JA – ist es eine Illusion .
    Damit es kein Dilemma wird – verändere ich meine Einstellung – mir gegenüber .
    Das Rankengeflecht aus richtig und falscher Lebensweise durchdringen .
    Manch schmerzhaftes wird darüber sichtbar .
    Die Auflösung von Scham und Schuldbefangenheit – der Preis .
    Das Loslassen von Wertungen wie GUT und BÖSE – ein Schritt zur Natürlichkeit .
    In jedem ISMUS -Konstrukt verbirgt meiner Betrachtung nach ein HABEN – WOLLEN .
    Die naheliegenste Frage wäre doch : “ Wieviel HABEN- ISMUS wirkt in mir und entfernt
    mich von der Natur ?
    MENSCH-SEIN und MENSCH-WERDEN ?
    Leicht-schwer !
    Herzlichen Gruß
    PUNITO

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