Alan Watts: die plötzliche Schule


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Was sollen wir also von der ehrwürdigen Tradition der Meditationsübungen im Hinduismus, Buddhismus, Hsien-Taoismus und im islamischen Sufismus halten, deren angebliches Ziel das kosmische Bewusstsein oder übernatürliche Kräfte sind? Wenn wir uns an die frühen Ch’an-Schriften der Tang-Dynastie (618-906 n. Chr.) halten und bedenken, dass Ch’an damals eine Verbindung von Taoismus und Buddhismus war, steht wohl außer Frage, dass die frühen Ch’an-Lehrer wie Seng-ts’an, Hui-neng, Ma-tsu und sogar Lin-chi den Meditationsübungen nicht nur keinen besonderen Wert beimaßen, sondern sie oft als irrelevant abtaten.

Sie betonten einzig und allein die unmittelbare, intuitive Erkenntnis aufgrund des „direkten Zeigens“ (chih-chih) durch den Lehrer in Gesprächen aus Frage und Antwort, genannt wen-ta, mit deren Hilfe einer, der das Wesen der Dinge erkannt hatte, es einfach einem anderen zeigte, der es noch nicht erkannt hatte – oft mit nonverbalen Mitteln, durch Demonstrieren anstelle von Erklärungen. Aus diesem Grund nannte Hui-neng, der Sechste Patriarch des Ch’an seine Methode „die plötzliche Schule. … Wie lange braucht ein Kind, um zu wissen, dass Feuer heiß ist?

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

Es war einmal ein Nitya, der ließ sich in grauer Vorzeit einmal im Dethlefsen-Institut in München erzählen, was die Sterne ihm verraten wollten. Dort wurde ihm gesagt: „Wissen Sie eigentlich, wieviel Glück Sie haben? Nein, das ist typisch für Sie. Sie nehmen das alles immer hin, als ob es ganz selbstverständlich wäre und wissen es gar nicht zu schätzen.“ Soso, dachte ich und fühlte ein leises Unbehagen ob meiner angeblichen Undankbarkeit. Aber irgendwie war ja was dran, weniger an der Undankbarkeit als an meinem Glück.

Was hat mir diese kurze Begegnung mit Heinz Butz doch alles für Umwege erspart! Über Buddhismus hat er gar nicht so viel erzählt. Vielleicht ein wenig über die Künste des Bogenschießens, des Blumensteckens, des Teeweges, der Schwertkunst, der Kaligraphie, … Zen hatte für mich von Anfang den Duft der Poesie, der Schönheit, der harmonischen Bewegung. Aber seine eigentliche „Lehrmethode“, die für ihn sicher keine Lehrmethode war, sondern einfach seinem Wesen entsprach, war genau das, was Alan Watts hier so schön auf den Punkt bringt: Da war „einer, der das Wesen der Dinge erkannt hatte und es einfach einem anderen zeigte, der es noch nicht erkannt hatte – oft mit nonverbalen Mitteln, durch Demonstrieren anstelle von Erklärungen.“

Genau das war es, dieses flüsternde „Spüren Sie’s?“ Mehr war auch gar nicht nötig. Oft blieb er auch einfach stehen und schaute auf etwas. Deshalb liebe ich die Geschichte zwischen Buddha und Mahakashyapa auch so sehr. Das wortlose Zeigen einer Blume. Alles, was darüber hinausgeht, ist schon zu viel. Jedes Wort kann wieder diesen komischen Denkapparat in Bewegung bringen, jedes Üben kann vor dem Hintergrund der Idee geschehen, dass ich der Übende bin und das dieses Üben für irgendetwas gut ist – auch wenn ich das noch so heftig zu leugnen versuche.

„Die plötzliche Schule“ des Hui-neng und der endlose Streit, was denn nun der richtige Weg sei. Soto- oder Rinzai-Weg? Bei mir war es überhaupt kein Weg und insofern habe ich auch keine Lust, über den richtigen Weg zu diskutieren. Ich wurde einfach von diesem „Spüren Sie’s?“ überrumpelt. Ja, das Beispiel mit dem Kind, das in einem Moment ganz sicher weiß, dass Feuer wehtun kann, trifft es genau. Das ist auch kein Weg. Eben fiel mir ein Brautstrauß ein. Irgendeine Braut schmeißt ihn sich rücklinks über den Kopf und der fliegt dann durch die Luft und landet irgendwo. Irgendwo halt.
St

 

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10 Antworten zu Alan Watts: die plötzliche Schule

  1. fredo0 schreibt:

    Ich teile da diese Skepsiz gegenüber Praxis und Ritualen … bereits in den ersten frühen Begegnungen mit Yoga und Meditation während meiner Pubertät konnte ich feststellen, dass da ein ziemliches Desinteresse gegenüber dieser hypothetisch zu erlangen inneren „besseren“ Welt war.
    Ob jetzt in simpler Faulheit oder in etwas anderem begründet vermochte ich jedoch nie zu unterscheiden.
    So verblieb all mein Suchen und Studieren in einer Art FormulierungsUnterstützung für bereits geahntes.
    Irgendwie war es nie neu oder tatsächlich unbekannt, was da in Büchern oder Reden „formuliert“ wurde. Es hatte auch, seltsamerweise nie etwas besonderes oder unbedingt notwendiges an sich. Das Studium oder die Suche hatte fast etwas ästetisches an sich … als Suche noch der noch feineren Formulierung ….
    Es hat mir anfangs fast das Gefühl eines Suchers-light gegeben, was dann durch ein „na ja du kannst ja später noch ernsthaft meditieren“ kompensiert wurde.
    Die teilweise melodramatischen oder gar verzweifelten Sucherattitüden, derer, die da neben mir saßen, fanden zwar mein teilweises Mitgefühl aber auch mein Unverständnis.
    Das schlichte, alltägliche Leben, mit all seinen zyklischen Auf und Abs schien mir damals bereits doch immer so „tragend“ und selbst-regulierend ausgleichend, dass mir all das Drama der Sucher häufig sehr „affektiert“ und doch irgendwie egomäßig überdreht erschien. Ich will und wollte dass zwar nie abwerten, aber es ließ mich letztlich einfach nur staunen und nicht in die „ach du Arme(r)“-Bedauerungshaltung fallen.
    Irgendwie , erschien es mir damals bereits, nicht darauf anzukommen, ob da so etwas wie Glück und Wohlbefinden zu erlangen wäre, da mir dass schlichte Leben bereits mit seinem Ausgleichen der Extreme genügend „lebenswert“ erschien.

    Mitlerweile halte ich genau dies für mein „Blümchen“ , dass mir da bereits in frühen Jahren präsentiert wurde.
    Nicht Streben nach Glück und Wohlbefinden, sondern vertrauensvolle Hingabe des „eigenen“ an dieses zyklische Ausgleichen der Extreme durch die Dynamik des Lebens selbst.
    Dies aber auch nicht als eigene Lebenshaltungs-Leistung gesehen, sondern als einfache Konsequenz der Lebendigkeit in eine Figur hinein.

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  2. Eno Silla schreibt:

    Dieses “Spüren Sie’s?” scheint mir ganz wunderbar.
    Es setzt sofort dem Denken ein Stopp. Oh, da ist ja noch mehr als Gedanken.
    Da sind ja noch andere Empfindungen, Wahrnehmungen.
    Da ist ja auch Weite, die Weite der Stille oder des vor allem Erscheinenden Seins…
    Und wie flüchtig sind dem gegenüber die unentwegt aufbrausenden Gedankenstürme und Worttornados…
    Die Zen Wahrheit des Tages meint heute dazu:
    „Ideen, die dem Ohr so angenehm klingen, werden als große Wahrheiten
    angenommen. Und die Leute werden von ihnen ebenso angezogen wie die
    Motten in der Nacht von Kerzenlicht, in dem sie umkommen…“
    Lin-chi

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  3. Elwood schreibt:

    Ja,ja,
    meine Götzen versperren mir allzu oft die Sicht auf die gut durchblutenden Spür-Nasen direkt vor meinen Augen und an meiner Seite…
    Für dieses Glück braucht es keine Lehre, keinen Weg….
    Nur Vertrauen…
    und Mut….

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  4. Ingeborg schreibt:

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