Tschuang-tse: Das goldene Zeitalter


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In jener Zeit, da das naturgewollte Wirken in höchster Form noch auf der Erde herrschte, schätzte man Weisheit nicht hoch und fragte nicht nach Fähigkeit. Der Herrscher glich einem Baume, der mit seinen Zweigen alles schirmt, das Volk war wie die Rehe, die sich unter seine Krone schmiegten.

Die Menschen waren rechtschaffen und gerade, ohne zu wissen, was Pflicht ist. Sie liebten ihren Nächsten, ohne zu wissen, was Liebe ist. Sie waren treu, ohne zu wissen, was Treue ist. Sie waren wahrhaft, ohne zu wissen, was Wahrhaftigkeit ist. In aller Selbstverständlichkeit halfen sie einander, ohne das als besondere Güte zu empfinden.

Darum hinterließen ihre Taten keine Spuren, und ihre Werke wurden der Nachwelt nicht überliefert.

aus: Tschuan-tse, „Was du Tao nennst, wo ist es zu finden?“

Ich weiß nicht, ob es dieses goldene Zeitalter je gab, aber ausschließen kann ich es natürlich auch nicht. In „nicht überliefert“ kann man natürlich alles hineinprojizieren. Wie schön! Vielleicht war es also mehr ein Wunschtraum von Tschuang-tse oder ein Fingerzeig: „So könnte es auch sein, Leute. Warum ist es nicht so?“

Das gemeine Volk wird nicht gefragt. So war es, so ist es, so wird es vermutlich immer bleiben. Und offen gestanden weiß ich nicht so recht, was ich für die schrecklichere Variante halte: Die Regierenden bestimmen alles oder das gemeine Volk bestimmt alles. Ja aber, ja aber … 1989, da kann man doch sehen, wie gut es ist, wenn das gemeine Volk mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ das Geschick des Staates in die eigene Hand nimmt. Ich bin ein bisschen misstrauisch, wenn irgendwelche Ereignisse staatlicherseits allzu sehr gefeiert oder sogar Feier- und Gedenktage daraus gebastelt werden. War es tatsächlich Volkeswille allein oder doch mehr der Volkeswille im Kontext mit der Schwäche und dem schließlichen Zusammenbruch der Warschauer-Pakt-Staaten unter Führung der Sowjetunion, die den Fall der Mauer bewirkt haben? Und was kam danach? „The same procedure as every year.“

Gandhi beschreibt seine Vision für die Zukunft, sein erhofftes goldenes Zeitalter, so: „Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regeln wird, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinem Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“ Aber wie kann es dazu kommen, dass das Leben der Menschen so vollkommen sein wird? Er beantwortet diese Frage mit dem bekannten Satz: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Am 3.Juli 2013 zitierte ich den Anarchisten Paul Goodman u.a. mit diesem Satz: „Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.“

Es ist weder „das Volk“ noch sind es „die Regierenden“, die diesen Wandel herbeiführen können. Es ist der Einzelne, der anfängt, in dieser bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche, und nicht, wie der frühe Wolf Biermann sang, auf bessere Zeiten wartet. Allerdings geht es nicht darum, den Sozialismus oder sonst irgendeinen Ismus aufzubauen, sondern selbst die Veränderung zu sein, die sich der Einzelne wünscht für diese Welt.

golden-flag
Golden Age

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7 Antworten zu Tschuang-tse: Das goldene Zeitalter

    • punitozen schreibt:

      Lieber Nitya-nitmöglich ,
      Anarchie , „ein Stehen in klarer Wolkenlosigkeit “ .
      Schlag mich noch immer durch manch Gestrüpp –
      den Rauch und die Hörner hinter`m Gestrüpp sehe ich wohl .
      Fazit bis Heute : Ich brauche kein Utopia – eine bessere Welt als diese
      ist für die Menschen nicht vorgesehen – noch wird der Mensch sie finden ,
      wie auch die Weltraumforschung beweist .
      Alle philosopischen und politischen Systeme Streben nach dem IDEAL .
      Gibt es ein Ideal , was zu verwirklichen wäre ?
      Ich denke : “ Nein !“
      Alles war schon verwirklicht , bevor der Mensch war .
      Wer Achtsamkeit lebt – lebt Anarchie .
      Is `ES so einfach – oder isses so einfach ?

      Herzlichen Gruß
      PUNITO

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  1. it is möööglich/ IamAlways schreibt:

    Lieber nit möööglich,
    ich finde, man kann schon eine evolutionäre Entwicklung innerhalb der Illusion beobachten.
    Die letzten Jahrzehnte zeigen zum Beispiel einen starkten Trend zur Individuation, wo jeder Mensch erst einmal bei sich Selbst ankommt, wo alle haltgebenden Strukturen wegbrechen.

    Der Mensch lernt, eigenverantwortlich zu werden, da er sieht, das da „draußen“ nichts mehr verlässlich ist, er beginnt, aus sich selbst zu schöpfen.
    Somit kommt er aus dem Mangel in die Fülle seines Seins, gleichzeitig in die Eigenverantwortung und die Zurücknahme seiner Projektionen nach außen…..also ich finde, it is möööglich :-)))

    Schöne Grüße in Norden :-)))

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  2. nitmoeglich schreibt:

    Liebe it is möööglich/ IamAlways,

    „Die letzten Jahrzehnte zeigen zum Beispiel einen starkten Trend zur Individuation, wo jeder Mensch erst einmal bei sich Selbst ankommt, wo alle haltgebenden Strukturen wegbrechen.“

    nit möööglich!

    Du scheinst dich ja in ziemlich erlauchten Kreisen zu bewegen,😉

    Wenn ich den Einheitsbrei unserer Parteien betrachte und die, die unverdrossen zur Wahlunrne schreiten, um die zu wählen, die sie ununterbrochen bevormunden, belügen und betrügen und sie zu allem Überfluss auch noch für doof verkaufen, dann tu ich mich sehr schwer, die von dir geschilderte zunehmende Individuation zu erkennen. Haltgebende Strukturen brechen weg, ja, aber nicht weil irgendjemand bei sich Selbst ankommt, sondern weil die politischen Verhältnisse keinerlei Halt mehr zu geben vermögen.

    „vielleicht einer von Tausenden strebt nach der Freiheit. Unter denen, die nach Freiheit streben – und glauben, erfolgreich zu sein – kennt kaum jemand die gesamte Wahrheit Meines Seins.“! Bhagavad Gita, VII/3

    Ich fürchte, daran hat sich nicht viel geändert.

    Schöne Grüße in mein Heimatland🙂

    P.S.: Immer wenn du deinen Namen änderst, musst du erst freigeschaltet werden.

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  3. Elwood schreibt:

    Vieleicht meinte der olle Tschuang-tse die Indus-Kultur…
    Ab der 17 min gibet Forschungs-Projektionen zur einer der ältesten Kultur der Welt.

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  4. Ingeborg schreibt:

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