Alan Watts: sich vorstellen, passiver Spielball zu sein


Spielball
Diejenigen, die das Glück suchen, finden es nicht, denn sie begreifen nicht, dass das Objekt ihrer Suche der Sucher ist. Wir sagen, dass die glücklich sind, die „sich selbst gefunden haben“, denn das Geheimnis des Glücks liegt in dem altbekannten Spruch: „Werde, was du bist“. Wir müssen in Paradoxa sprechen, denn wir glauben, dass wir getrennt wären vom Leben und uns wieder mit ihm vereinigen müssten, um glücklich zu sein. Aber wir sind bereits vereint, und all unser Tun ist sein Tun. Das Leben lebt uns; wir leben nicht das Leben. Es gibt sogar noch nicht einmal, getrennt vom Leben, ein „wir“, so dass das Leben so „leben“ kann. Es ist nicht so, dass wir passive Spielbälle des Lebens wären, wie die Fatalisten glauben; denn wir können nur passive Spielbälle sein, wenn wir etwas anderes als das Leben wären. Wenn sie sich als getrennt vom Leben sehen und im Krieg mit ihm, stellen sie sich vor, passiver Spielball zu sein, und sind daher unglücklich.

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“

Wenn wir noch nie vom Glück gehört hätten oder vom Himmel oder dem Paradies oder dem Nirvana und natürlich vom jeweiligen Gegenteil, dann wären die Berge einfach Berge und die Flüsse einfach Flüsse. Dann haben wir diesen Karottensalat vorgesetzt bekommen und die Berge waren keine Berge mehr und die Flüsse keine Flüsse. Wie lange muss dir noch jemand erzählen, dass ein Berg wirklich und wahrhaftig einfach nur ein Berg und ein Fluss einfach nur ein Fluss ist? Ram Dass sagte so treffend: „Hier und jetzt, das ist alles, was ist. Und wenn das nicht schön ist, Mann, dann ist nichts schön. Also sagst du, nun, ich kann es zwar jetzt nicht schön haben, aber später, wenn alles erledigt ist, wird es schön sein. Ein Später existiert nie.“ Dies wäre eigentlich das Todesurteil für alle Religionen, denn in einem Punkt sind diese sich seltsam einig: Alles Leben ist Leiden und verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Na, Prost Mahlzeit, wer diesen Schwachsinn glaubt!

Das Leben benützt uns nicht als Spielball. Wie sind völlig ungetrennt Leben und Spielball in einem. „Wir sind bereits vereint, und all unser Tun ist sein Tun. Das Leben lebt uns; wir leben nicht das Leben.“ In diesem Augenblick verkörpern wir uns, wir, die wir das Leben sind. „Lasst alle Hoffnung fahren“ und allen falschen Trost, den uns die Religionen so großzügig wie Hochstapler gewähren. Sie haben nichts zu bieten als des Kaisers neue Kleider und verursachen nur endloses Leiden.

„Das Geheimnis des Glücks liegt in dem altbekannten Spruch: ‚Werde, was du bist‘.“ Wie kann ich werden, was ich schon immer gewesen bin? Einfach indem aufhöre, etwas werden zu wollen. Jedes Werden-Wollen ist eine Karotte.

Ihr Menschen lernet doch vom Wiesenblümelein
Wie ihr könnt Gott gefalln und gleichwohl schöne sein

Angelus Silesius

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