Wo ist da noch Platz für eine Regierung?


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Einst gab es dies: die Menschheit in Frieden lassen. Das gab es niemals, dass die Menschheit (erfolgreich) regiert wurde. Nicht in Frieden lassen kommt aus der Angst, dass die natürlichen Anlagen der Menschen verdorben werden und ihre Tugend verloren geht. Werden ihre natürlichen Anlagen jedoch nicht verdorben und geht ihre Tugend nicht verloren, wo ist da noch Platz für eine Regierung?

Ich glaube, das ist von Chuang-tzu.

Recht besehen ist Regieren einfach ein Abtreten von Verantwortung an andere, in der Annahme, dass es Menschen gibt, die wirklich fähig sind, die Dinge in die Hand zu nehmen. Aber die Regierung, die vorgeblich dem Wohl des Volkes dient, ist zu einem eigennützigen Konzern geworden. Um alles unter Kontrolle zu halten, schafft sie ständig neue Gesetze, die immer komplizierter und unverständlicher werden, und hindert produktive Arbeit durch die Fülle administrativen Papierkrams, sodass die Akten über die geleistete Arbeit wichtiger sind als die Arbeit selbst. Darüber könnte man sich endlos verbreiten aber über den gegenwärtigen Problemen der Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts und den möglichen Atomkatastrophen vergisst man leicht, dass die regierten Nationen zu selbstzerstörerischen Institutionen geworden sind, gelähmt und festgefahren in ihren eigenen Schwierigkeiten, und unter Bergen von Papier ersticken. Die taoistische Ethik besagt, dass Menschen, die sich selbst und anderen misstrauen, dem Untergang geweiht sind.

Außerdem besagt sie, dass weder der Einzelne noch die Gesellschaft sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, obwohl es sich eingebürgert hat, zu sagen, dass wir genau dies tun müssen. Solange wir physische oder moralische Kraft aufwenden, um uns und der Welt zu helfen, vergeuden wir die Energien, die für Dinge eingesetzt werden könnten, die machbar sind.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

Ich erinnere mich nur allzu gut, wie ich mit Alexander S. Neills Buch „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ unterm Arm frohgemut in die Schule kam und alles besser machen wollte, als ich es selbst von meinen eigenen Lehrern ertragen musste, die meist noch die ganzen Nazi-Parolen in den Knochen stecken hatten. In meiner ersten Hospitationsstunde zeigte mir mein Schulleiter als Erstes, wie man durch einen geschickten Schlag auf den Hinterkopf eines Schülers dessen Kopf auf die Tischplatte knallen lassen konnte. Als ich dann mit meinm antiautoritären Verhalten ankam, warf man mir vor, das sei Laissez-faire und bei mir würden die Schüler einfach nur verwahrlosen. Als Kunsterzieher genoss ich zwar eine gewisse Narrenfreiheit, aber das ging einfach entschieden zu weit.kymaAlan Watts nennt sein Buch „Der Lauf des Wassers“. Lange schon haben Menschen nicht nur den Lauf des Wassers, sondern überhaupt den Fluss der Dinge betrachtet. So entdeckten sie etwa bei den Pflanzen, dass sie einem gewissen Regelkreislauf unterliegen. Im letzten Jahrhundert übertrugen Wissenschaftler dieses kybernetische Modell der Natur in die Technik und schließlich auch auf Organisationsstrukturen im menschlichen Bereich. Anbei das Schema in Form eines kybernetischen Managementmodells. So lässt sich etwa ein Betrieb organisieren oder UnterrichtsabläufeIch glaube, ich hab das schon einmal erzählt. Ich habe für eine Schule einen Plan erstellt, in dem aufgezeigt wurde, wie die Schule nach diesem Regelkreismodell umstrukturierbar wäre. Ich hielt vor den versammelten Lehrern einen kleinen Vortrag und versuchte rüberzubringen, welche Vor- und Nachteile für sie damit verbunden wären. Die Lehrer, die ständig über den Schulleiter, die Regierung, Gott und die Welt geschimpft hatten, würden bei der Umsetzung des Plans sehr viel mehr Eigenverantwortung bekommen, der Schulleiter würde von vielen Aufgaben entlastet werden können, die Ausführung würde dahin gelangen, wo die tatsächlichen Kompetenzen sind, die Schüler könnten in einem viel stärkeren Maße mit einbezogen werden. Insgesamt würde die ganze Schule lebendiger und demokratischer werden. Der Nachteil wäre, dass der Schulleiter Macht delegieren müsste und die Lehrer mehr arbeiten müssten. Als ich am Ende meiner Darlegungen war, gab es keine Stimme, die meinen Vorschlag unterstützt hätte. Beide Seiten sahen nur die Nachteile und es war klar, dass die Lehrer lieber dabei bleiben wollten, auf ihren Schulleiter zu schimpfen, als selbst Verantwortung zu übernehmen. Wen wundert es da, dass sich an unseren politischen Verhältnissen partout nichts ändern will. Das Buch von Alan Watts stammt von 1975 – ich bin sicher, dass seine Klage schon Jahrtausende alt ist. Nicht die Regierenden bewirken diesen Zustand, sondern die Schafe bzw. die Kamele, die kein Löwe werden wollen und danach zum spielenden Kind. Aber wen kümmert schon Nietzsches Zarathustra?


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Wer das Video angeschaut hat: Es bringt absolut nichts, mit dem Finger auf die miesen Journalisten und Politiker zu zeigen und zu denken: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese da!“ Sinn macht nur, wenn ich mir das anschaue und mich in den beschriebenen Personen wiedererkenne.

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3 Antworten zu Wo ist da noch Platz für eine Regierung?

  1. punitozen schreibt:

    12 Regeln für den erfolgreichen Widerstand *
    1. Alles könnte anders sein .
    2. Es hängt ausschließlich von Ihnen ab , ob sich was verändert .
    3. Nehmen Sie sich deshalb ernst .
    4. Hören Sie auf , einverstanden zu sein .
    5. Leisten Sie Widerstand , sobald Sie nicht einverstanden sind .
    6. Sie haben jede Menge Handlungsspielräume .
    7 .Erweitern Sie Ihre Handlungsspielräume dort , wo Sie sind und Einfluß haben .
    8.Schließen Sie Bündnisse .
    9, Rechnen Sie mit Rückschlägen , vor allem solchen , die von Ihnen selber ausgehen .
    10. Sie haben keine Verantwortung für die Welt .
    11. Wie Ihr Widerstand aussieht , hängt von Ihren Möglichkeiten ab .
    12. Und von dem was Ihnen Spaß macht .

    ( Harald Welzer )

    Alles was Du sagst und schreibst , lieber Nitya -Nitmöglich , kann ich bedenkenlos
    unterschreiben .
    Ich habe die Schnauze voll von den alltäglichen “ JA-Aber – Bedenkenanmeldern ,
    seien sie in der Familie oder sonstwo anzutreffen .
    Vom durchkauen des längst Durchgekauten ändert sich auch manches –
    nur nicht zugunsten aller jener Wesen , die nicht den Namen “ Mensch “ tragen .

    Herzliche Grüße
    PUNITO

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  2. Ingeborg schreibt:

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