Mein Freund Boris

BorisEs war 1965 oder so um den Dreh rum. Ich hockte in der Antonspfründe in Augsburg, in der wir beide ein Atelier hatten, bei meinem Freund Boris herum, wir brieten auf seinem abenteuerlichen Kohleofen Sauerkraut mit Speck in der Pfanne, tranken Tee aus seinem Samowar und hörten Wolf Biermann. Ich habe keine Ahnung wie er an das Material gekommen war, jedenfalls waren wir beide totale Biermann-Fans.

Als ich mich seinerzeit vor meiner richtigen Kriegsdienstverweigerung zumindest vorläufig dem westdeutschen Kriegsdienst durch meine Einbürgerung in Westberlin entziehen wollte, kam ich das erste Mal mit der Wirklichkeit des sozialistischen Realismus in Berührung. Boris konnte wundervolle Geschichten von der Hexe Baba Jaga erzählen oder etwa die Story vom sozialistischen Realismus:

Ein russischer Großfürst möchte ein Bild von sich gemalt kriegen. Er ruft alle Maler seines Fürstentums an seinen Hof und verspricht demjenigen seine Tochter zur Frau und das halbe Fürstentum, der ihn einerseits so malen kann, dass er sich gefällt, und andererseits so, dass das Bild absolut realistisch ist. Demjenigen, der die schwierige Aufgabe nicht bewältigen könne, drohe jedoch die Hinrichtung. Die meisten Maler machten sich sofort aus dem Staub, da der Großfürst ausgesprochen hässlich war. Er hatte ein zu kurzes Bein und einen Buckel und ihm fehlte ein Auge. Diejenigen, die der Ehrgeiz dazu trieb, es doch zu versuchen, malten entweder nur ganz realistisch, wie der Großfürst aussah, oder beschönigten die Makel des Großfürsten. Sie alle verloren ihren Kopf. Zuletzt brachte dann doch noch jemand ein Bild. Es zeigte den Großfürsten auf der Jagd, wie er gerade auf seinem zu kurzen Bein kniend auf einen Hirsch schoss, dabei das fehlende Auge zukniff und natürlicherweise den Buckel machte, der sowieso schon vorhanden war. Dem Großfürsten gefiel das Bild und er fand es sehr realistisch. Er beglückwünschte den Maler und stieß mit ihm als seinem neuen Schwiegersohn und Teilhaber an und sagte beglückt: „Hoch lebe der sozialistische Realismus!“

Tja, so sehr mir diese nationalsozialistisch durchtränkte Adenauer-Republik zuwider war, war sie mir doch ungleich lieber als das, was sich mir in der sog. Deutschen Demokratischen Republik präsentierte. Wenigstens gab es in der BRD noch so etwas wie eine relativ große persönliche Freiheit. Wolf Biermann sang meinem Freund Boris und mir da völlig aus dem Herzen. Es ging darum, einen freiheitlichen Sozialismus aufzubauen. Hier im Westen fallen mir Namen ein wie Willy Brandt oder Peter von Oertzen, die in etwa in unserer Richtung lagen und die uns sogar die SPD ein bisschen schmackhaft machen konnten.

Mit Boris habe ich in früheren Jahren zusammen den einen oder anderen Job gemacht. Wir haben Kinderspielplätze renoviert oder sind mit unseren Rasenmähern Rennen auf dem Sportplatz gefahren. Später versuchte er seine Kaltnadelradierungen zu verkaufen, lernte kurz darauf seine Frau kennen, bekam mit ihr eine Tochter, zog nach Westberlin, wo er bald darauf im Wannsee beim Baden ertrank.

Boris fiel mir mal wieder ein, als es kürzlich um das Thema Wolf Biermann ging. Sein Auftritt im Bundestag hätte damals weder Boris noch mir gefallen und er gefällt mir auch heute nicht. Damals stank Biermann gegen die DDR-Regierung an, damals war er ein wirklicher Drachentöter. Heute lässt er sich vor den Karren des Bundestags-Präsidenten spannen und von der Kanzlerin und dem Vizekanzler dafür gratulieren, dass er der Linken kräftig eins ausgewischt hat. So kurz vor der möglichen Wahl eines linken Ministerpräsidenten in Thüringen wahrlich keine Drachentöter-Tat. Die Linke beschimpfte er als reaktionär, dabei war er es, der heute die alten Schlachten schlug gegen das Phantom einer längst vergangenen SED. Kein Wort oder Lied gegen den Ausverkauf unserer Demokratie heute, gegen den ESM-Vertrag etwa oder gegen TTIP und CETA und vieles andere mehr. Kein Wort dazu, dass wir längst wieder unsere Soldaten in Kriege schicken, die wahrlich keine Verteidigungsmaßnahmen sind, sondern angeblich der Terrorbekämpfung dienen, in Wirklichkeit aber ausschließlich unseren wirtschaftlichen Interessen. Von wegen Drachentöter – dass ich nicht lache! Es wäre so eine Chance gewesen, Norbert Lammert und der ganzen Regierung zu zeigen, dass er sich immer noch nicht vor den Karren einer Regierung spannen lässt, die nicht die Interessen ihrer Bevölkerung vertritt. So aber feierte er sich nur als aufgeblasener angeblicher Drachentöter und war genau deshalb in seinem ganzen Auftreten nur jämmerlich.

Tja, hat sich nichts geändert in der Politik in all den Jahren.

Prost, Boris – schwob‘- mers obi!  schwob'- mers obi

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10 Antworten zu Mein Freund Boris

  1. Gerhard Mersmann schreibt:

    Ach Wilhelm, habe mir alte Texte von vor 25 Jahren durchgelesen, mir das Gewese der Feierlichkeiten kaum angesehen und dennoch komme ich zu den gleichen Schlüssen wie du!
    Gerd

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  2. fredo0 schreibt:

    eigentlich ist es ja eine tröstliche tatsache … auch wenn da stets ein wenig trauer mitschwimmt …
    auch jede „moralisch integer erscheinende“ figur hat damit ihre gesellschaftliche halbwertzeit …
    ein biermann wirkte einst mutig infragestellend … und heute larmorjant und selbstgerecht …
    ein kohl wirkte einst zupackend … und heute nur noch engstirnig paranoid …
    ein brandt visionär und überschreitend … und dann verzagt und depressiv …

    die frage, die sich mir stellt …
    sind es die veränderten umstände, die zu veränderten verhaltensweisen führen ?…
    oder sind es verschiedene wirkungstiefen/weisen ein und derselben figur,
    die nur je nach zeitenumgebung und gesellschaftlichem kontext zu unserer jeweiligen dann halt „moralisch integer“ oder „selbstgerecht“ bewertung führen ?
    war also der biermann von einst … auch … bereits ein reaktionär selbstgerechter ?

    ich denke ja … und damit erscheint die behauptung, dass nicht figuren geschichte machen, sondern sich die geschichte jeweils die gerade halbwegs in ihrer wirkung passenden figuren sucht …
    eine annahme, die mich (als politisch interessierten und engagierten menschen) auch etwas schaudern lässt ( und doch … andererseits … natürlich „entspannt“ ).
    denn dann bleibt wirklich nur hinschauen, einschließlich des mitgelieferten teils eigener wirkung , und dann „curios / neugierig“ den lauf der zeiten betrachten …

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    • nitmoeglich schreibt:

      Lieber Fredo, so wie ich das sehe, war Willy Brandt von Anfang an sowohl visionär und überschreitend und zugleich zutiefst verzagt, depressiv und verzweifelt. Wer könnte ihm Letzteres verdenken. Mir geht es nicht anders, wenn ich den Zustand der Welt betrachte. Das Visonäre und Überschreitende braucht viel Kraft und solange die vorhanden ist, tritt die Verzweiflung immer wieder in den Hintergrund. Aber auch dort ist sie immer da, bereit immer wieder an die Oberfläche zu kommen. Ich kann mich noch gut an den letzten Parteitag erinnern, den ich mit ihm mitgemacht habe. Er schien erstarrt wie sein eigenes Denkmal und doch kämpfte er bis zum Schluss immer weiter für seine Visionen. Ich werde in immer in dankbarer Erinnerung behalten.

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  3. Marianne schreibt:

    Lieber Nit – möööglich,

    danke, dass du doch auf „inrayma’s“ Anfrage reagiert hast.

    Das ist für mich alles sehr gut nachvollziehbar, was du da schreibst und es berührt …
    Manchmal zwingt uns das Leben halt auch, die „Helden von einst“ wieder vom Thron zu stürzen.

    Herzlich
    Marianne

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  4. Brigitte schreibt:

    Wolf Biermann war nie ein Drachentöter. Er war und ist einfach ein Mensch, der sich gegen das wehrt, was ihm weh tut. Irgendwie, so scheint es mir, verlassen wir unsere Denkgewohnheiten nicht und so läuft alles in den alten Bahnen. (Alte) Weltbilder stoßen aufeinander und bekämpfen sich wie eh und je. Nichts neues unter der Sonne.

    Was wissen wir schon vorneinander? Wir wissen nur das, was wir über uns und von anderen denken.

    Eben bin ich auf dieses Gedicht von Franz Kafka gestoßen, und lasse es einfach mal wirken:

    Wenn du vor mir stehst
    und mich ansiehst, was
    weißt du von den Schmerzen,
    die in mir sind und was weiß
    ich von den deinen.
    Und wenn ich mich vor dir
    niederwerfen würde und weinen
    und erzählen, was wüsstest du
    von mir mehr als von der Hölle,
    wenn dir jemand erzählt, sie ist
    heiß und fürchterlich.
    Schon darum sollten wir Menschen
    voreinander so ehrfürchtig, so
    nachdenklich, so liebend stehn
    wie vor dem Eingang zur Hölle.

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