Ikkyû Sôjun: Man sollte eine Bootsstange nehmen

10. Station Barfuß und mit entblößter Brust kommt er zum Markt
Mit Asche und Lehm beschmutzt – im Gesicht ein Lächeln.
Ohne das Geheimnis von Göttern und Hexen zu nutzen,
Bringt er verdorrte Bäume zum Blühen.

(Kakuan Shion)

Die Praxis der Zen-Meditation besteht nicht nur im stillen Sitzen auf dem Meditationskissen, sondern darüber hinaus in der Art und Weise, alles bewusst zu vollziehen und in allem ganz gegenwärtig zu sein. Wir können daher sagen, dass Zen-Meditation sich in allem zeigt: im Sitzen, Gehen, Stehen und Liegen – bei allem, was man tut.

Zensho

Zen-Meditation ist eigentlich doppelt gemoppelt. Der Begriff Zen hat seine Wurzel in dem Sanskrit-Wort dhyan, was soviel wie Meditation bedeutet. Aus dem dhyan wurde in China ch’an und in Japan zen. Das Wesentliche der Aussage von Zensho ist für mich: Zen zeigt sich in allem. Ich gehe noch über das von Zensho Gesagte hinaus: „Zen zeigt sich nur, wenn alles bewusst vollzogen wird und das Bewusstsein in allem gegenwärtig ist.“ – Zen zeigt sich in allem, was sich zeigt. Es ist nichts Besonderes, es ist das Allergewöhnlichste.

Im Zen gibt es keine richtige oder falsche Haltung, kein richtiges oder falsches Sitzen, keine richtige oder falsche Philosophie, kein richtiges oder falsches Handeln, … dieser ganze Kram soll angeblich gut sein, um zum Zen zu gelangen, es sind Wegbeschreibungen. Und Weg bedeutet immer weg von dem, was ist. Und was ist? Na, halt das, was gerade in meinem Bewusstsein auftaucht. Der Versuch, Zen zu erreichen, ist die beste Methode, Zen zu vermeiden. Es ist alles so einfach und gleichzeitig so unglaublich spannend. Jeder Augenblick eine einzigartige Überraschung. Zen zeigt sich nur, wenn alles bewusst vollzogen wird und das Bewusstsein in allem gegenwärtig ist? Zen zeigt sich auch, wenn ich müde bin und dabei bin, vor meinem Laptop einzudösen.

In der zehnten Station der „zehn Stiere des Zen“ ist jeder Weg obsolet geworden. Der ganze Spiri-Kram ist vergessen, die Diskussionen um Dualität und Nondualität, Dvaita und Advaita, eigentlich alle Begriffe – vorbei, verweht, vorüber, uninteressant, ja mehr als das. Worte für das Offenkundige zu finden, ist fast schon eine Qual. Aber was sollen die professionellen Oberlehrer dann mit dem Rest ihrer Tage anfangen, wo sie doch glauben, alles verstanden zu haben? Ich fürchte, sie werden es auch weiterhin in ihrem Gefängnis von Richtig und Falsch aushalten müssen.

fishAnsehen und Reichtum
der Zen-Welt sind gross,
rasend ist ihr Niedergang.
Nur falsche Priester gibt es,
keine wahren Meister.
Man sollte
eine Bootsstange nehmen
und Fischer werden.
Auf Seen und Flüssen
bläst heutzutage
ein frischer Gegenwind.

Ikkyû Sôjun

*
Nit möööglich!

 

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8 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Man sollte eine Bootsstange nehmen

  1. Ingeborg schreibt:

    Hier noch ein paar wahre Meister.Und zum Wellen einfangen auch ganz gut.
    http://www.looduskalender.ee/de/node/19367

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  2. Chantal schreibt:

    Wollte zuerst meine E-mails schreiben, aber wenn ich mich hier mal einlogge, dann bleibe ich einfach hängen, gerade weil es so schön still heute ist. Die beiden Videos von Ingeborg sind zum Eintauchen. Ferienstimmung. Von mir darum auch keine überflüssigen Worte. Einfach Leben und gewahrsein. Herbstlaubgrüsse in den Sonntag.🙂

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  3. Chantal schreibt:

    … Worte für das Offenkundige zu finden, ist fast schon eine Qual.
    Das Wort zum Sonntag. Das Wasser spricht. Wunderschön.🙂

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