Alan Watts: jedes Ding folgt seiner eigenen Ordnung


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„Tao ist das, wodurch alle Dinge so sind und mit dem alle Ordnungen übereinstimmen. Ordnungen sind das Merkmal der vollendeten Dinge. Tao ist das, wonach alle Dinge sich vollenden. Daher sagt man, dass Tao dasjenige ist, was Ordnung stiftet. Wenn die Dinge ihre Ordnung haben, dann kann das eine (Ding) nicht das andere sein … Alle Dinge haben jeweils ihr eigenes Ordnungsprinzip, während das Tao die Ordnungsprinzipien aller Dinge in eins zusammenfasst. Daher kann es sowohl das eine als auch das andere sein und ist nicht nur in einem Ding vorhanden.“
(aus dem Han Fei Tzu)

Das wiederum entspricht dem Anarchismus Kropotkins. Wenn jedes Ding seiner eigenen Ordnung folgt, wird es mit allen anderen Dingen, die der ihrigen folgen, in Einklang stehen, nicht weil eine äußere Regel sie dazu zwingt, sondern kraft ihrer gegenseitigen Resonanz und wechselseitigen Abhängigkeit.

Die Taoisten sagen also, das Universum als ganzes ist eine Harmonie oder Symbiose von Strukturen, die ohne einander nicht existieren können. Wenn wir es jedoch Teilchen für Teilchen betrachten, finden wir Konflikte. Die biologische Welt ist eine sich gegenseitig fressende Gesellschaft, in der jede Spezies die Beute einer anderen ist. Wenn es aber eine Spezies gäbe, die nicht die Beute einer anderen wäre, würde sie sich bis zur Selbstvernichtung vermehren, so wie die menschlichen Wesen durch ihre geschickte Ausrottung anderer Spezies Gefahr laufen, die ganze biologische Ordnung durch Überbevölkerung zu zerstören und sich so selbst zu vernichten.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

„Wenn es aber eine Spezies gäbe, die nicht die Beute einer anderen wäre, würde sie sich bis zur Selbstvernichtung vermehren ….“ schreibt Alan Watts. Und im Moment sieht es ganz danach aus, als ob die Selbstvernichtung, ja die Vernichtung der Erde gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen würde. Im Moment.

Lǎozǐ soll gesagt haben: „Meinst du etwa, du könntest das Universum ergreifen und es verbessern? Ich glaube nicht, dass du das kannst. Das Universum ist vollkommen, es kann nicht verbessert werden. Es zu verbessern heißt, es zu zerstören. Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.“ Nun, der Mensch ist von Anfang an dabei, das Universum zu verbessern und zu ergreifen. Bedeutet das nun wirklich, dass er damit das Universum zerstört und damit das Universum einschließlich der eigenen Existenz verliert? Im Moment sieht es ganz danach aus. Im Moment.

Im Han Fei Tzu wird gesagt:Tao ist das, wonach alle Dinge sich vollenden.“ Schließt Vollendung die Vernichtung aller Dinge und Wesen mit ein? Und weiter ist da zu finden: „Daher sagt man, dass Tao dasjenige ist, was Ordnung stiftet.“ Da frage ich mich wirklich, ob die vom Tao ausgehende Ordnung möglicherweise die Zerstörung der Ordnung der einzelnen Dinge bewirkt. Ich denke gerade an die hinduistische Darstellung des Kreislaufs von Brahma, Vishnu und Shiva: Erschaffung, Erhaltung, Zerstörung. Auch dies könnte als Vollendung der Ordnung gesehen werden.

Das ist heute gewissermaßen die Ergänzung meines gestrigen Beitrags und meines Bekenntnisses: Ich bin ein Bazi. Bazi ist ja eigentlich ein Schimpfwort. Einem Bazi fehlt angeblich jedes Verantwortungsgefühl für die Allgemeinheit und er zeichnet sich aus durch einen unverantwortlichen Egoismus. Dabei ist ein Bazi gar nicht unverantwortlich, er übernimmt schließlich die volle Verantwortung für sich selbst. Mein Sein hat sich über viele Jahre dadurch ausgezeichnet, dass die Menschen um mich herum mich daran zu hindern versuchten, dass ich genau dies tat: Die Verantwortung für mich zu übernehmen. Stattdessen sollte ich immer die Verantwortung für irgendetwas übernehmen, das mir echt am Arsch vorbeiging. Ich behaupte mal, weil das geradezu zum Volkssport geworden ist, dass sich jeder bei seinen lieben Mitmenschen einmischt, ist die Welt so in Unordnung geraten. Niemand darf mehr seiner ihm eigenen Ordnung folgen. Wie soll da noch Entwicklung möglich sein?

Gestern schrieb Strandläufer zu meinem Satz „In den menschlichen Beziehungen geht es nie um irgendwelche edlen Werte, sondern um den eigenen Vorteil.“ Folgendes: „Ist diese Aussage wahr? Kann sein. Kann aber auch sein, dass sie zynisch ist und dazu dient Menschen mit ‚edlen‘ Absichten zu diskreditieren und lächerlich zu machen.“ Ich bekenne mich schuldig: Ich mache mich tatsächlich lustig über Menschen mit „edlen“ Absichten. Ich arbeite nun seit über dreißig Jahren psychotherapeutisch und habe fleißig an den sog. edlen Absichten gekratzt. Wenn ich lange genug gekratzt habe, kam dahinter immer Eigennutz zum Vorschein. Und damit will ich keineswegs den Eigennutz verurteilen. Die ganze Existenz lebt durch Eigennutz. Wenn überhaupt, dann geht mir die gottverdammte Heuchelei auf den Keks, mit der der Eigennutz verteufelt wird. Alles ist vergiftet durch diese Heuchelei. Wasser predigen und Wein saufen ist das, was wir überall sehen können. Von wegen „edel“. Der Edle kennt keine Absichten. Jedes Baby ist eigennützig und jede Mutter, die voll Freude ihr Kind stillt, ist eigennützig. „Geben ist seliger denn Nehmen.“ Das ist reiner Eigennutz. Geben aus moralischen Gründen ist eine Qual für den Gebenden und eine Qual für den Empfangenden. Was soll daran „edel“ sein?Moral

 

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11 Antworten zu Alan Watts: jedes Ding folgt seiner eigenen Ordnung

  1. Strandläufer schreibt:

    Eigentlich stimme ich dir zu. Es regt sich dennoch ein Aber – vielleicht will ich einfach noch nicht so klar sehen?

    Ich bin nicht immer voller Liebe und deshalb dankbar für sowas wie „moralische Regungen“. Ich differenzierfe offenbar zwischen einer Art archaisch evolutionär bedingter Moralempfindungen und kulturellen Moralvorstellungen, die sich wie ein Firnis wegkratzen lassen.
    Vielleicht ist das einfach nur unsauber und nicht zu Ende gedacht. Danke jedenfalls für deine klaren, mir gerade nur etwas zu konsequenten Gedanken dazu! :-)))

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    • fredo0 schreibt:

      zu strandläufer …
      dein „problem“ entstteht nur dadurch, weil du dich selbst stets als ausgangspunkt von moral siehst , sei sie kulturell formuliert oder archaisch.
      du bist jedoch nicht ausgangspunkt von „moral“ , sondern ihr „opfer“ …😀

      man kann es aber, netter formuliert, auch automatischer mitgestalter nennen … wobei hier das „automatische“ nicht übersehen werden sollte …😀

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  2. fredo0 schreibt:

    mein lieblingssatz des dao-de-ging ist „dao fa ziran“ .
    der nix anderes sagt wie mr. watts .
    das tao offenbart sich im so-sein aller dinge .
    was letztlich nix anderes sagt, wie der hauptsatz des herzsutras „form ist leere , leere ist form“.
    der taoist betont mit seiner wortwahl den dynamischen aspekt, der buddhist den substanziellen

    dieses so-sein ist zwar im ausgleich der diversitäten des jeweils so-seins der dinge stets harmonisch, soll heißen, stets die gesamtheit als gesamt erhaltend. aber im einzelnen so-sein zwangsläufig durchaus extrem, denn ansonsten könnte sich in der gesamt-so-sein-heit ja keine dynamik ausbilden . die bewegung ist elementare voraussetzung für ausdruck des lebens. und bewegung entsteht immer nur durch das prinzip der interdependenten gegensätze . damit sind die extremen positionen grundvoraussetzung von lebendigkeit. quasi das energetische prinzip des lebens. da sie aber aus der gleichen zwangsläufigkeit immer nur temporäre etappe sind, ist auch jede dieser extreme einer moralischen bewertung enthoben.

    so-sein beinhaltet stets wandel . dieses elementare gesetz zu sehen und konsequent in eigener betrachtung anzuwenden, lässt den ver-stand recht „bemüht“ aussehen ( der ja künstlich das sich gerade erneut wandelnde zum stehen = verstehen bringt, um es als fixiertes bild erinnern zu können ) .
    es ist also diese er-innerung, die den menschen irgendwie den direkten kontakt zur permanenz des wandelns verlieren lässt. (bzw. ihm in seiner erscheinung dies auch so als ob „verlierend“ erscheinen lässt )
    wobei , und hier wird es tricky, ja auch dieser „verlust“ wiederum ausdruck des ebenselben wandels ist .

    deklarierende moral versucht letztlich das gleiche wie erinnerung, eine art künstliches zum stehen gekommenes zu formulieren, dass eine hilfreiche stabilität in der sich permanent wandelnden welt erschaffen soll. eine krücke . als hilfe vor der angst vor dem chaos , das dies permanent wandelnde ja im homosapiens auslösen muss.

    ist damit ein mensch, der dies wandlungs-prinzip als tragend empfindet, ein un-moralischer mensch ?
    und damit so etwas wie eine gefahr für die gemeinschaft ?
    Jain .
    Ja , weil er tatsächlich diesen moralischen prinzipien entzogen ist.
    Nein, weil er jetzt anders „getragen“ ist, aber damit sogar noch unentrinnbarer „moralisch“(im effekt).
    Während die deklarierende moral prinzipien / handlungsideale zum leitbild nimmt ( und diese damit oft genug im egoismus verfehlt werden ).
    ist dem menschen aus „erkennen det janzen“ der egoismus ( der eigene und der der „anderen“ ! ) letztlich obsolet geworden, und damit verbleibt völlig zwangsläufig eine in der fordernden moral nur erwünschte „humane“ handlungsweise, als das quasi übliche. damit entsteht ein moralisches handeln ohne jede deklariende moral als anspruch. einfach so …. ziran .
    um das dynamische prinzip dieser „human“ erscheinenden handlungsweise zu demonstrieren, sei folgendes bild erwähnt … ein holzstück, dass in einer geschwenkten wasserschüssel schwimmt, und im schwenken ja von einer vielzahl von chaotischen impulsen mitbewegt wird, wird so gut wie nie den rand der schüssel erreichen, sondern stets seine bewegung in einer relativen mittigkeit durchführen … diesem liegt ein mathematisches prinzip der wahrscheinlichkeit zu grunde, da wir es ja nie mit einem einzigen bewegungsimpuls zu tun haben, sondern stets mit einem gleichzeitigen aber nicht gleichförmigen kompendium von unterschiedlichen impulsen. die sich daraus jeweils immer neu addierende bewegtheit des „einzelnen“ (holzstückes) wird durch die addition so gut wie immer relativ „ver-mittet“ sein.
    damit bildet das bewegungsprinzip der einflüsse fast (!) immer, völlig ohne anspruch, das von der deklarierenden moral erwünschten „mittige“ ab.

    genau diese „natürliche“ einfach-so moral ist in meinem lieblingssatz ausgedrückt …
    dao fa ziran …

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  3. Ingeborg schreibt:

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  4. re-nate schreibt:

    Alles reiner Eigennutz.

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