Das böse Ego

 

BahrVon dem römischen Komödiendichter Titus Naccius Plautus stammt der Ausspruch: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“ (Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt.) Heute ist nur die verkürzte und ziemlich verfälschte Form bekannt: „Homo homini lupus.“ Ist also nicht unbedingt neu, was der verehrte Egon Bahr da erzählt hat. Aber die Schüler, denen er es sagte, waren laut Zeitungsbericht geschockt. Dabei haben die sicher alle schon die Erfahrung gemacht, dass es so ist. Übrigens würde ich den Zusatz von Plautus „wenn man sich nicht kennt“ in Frage stellen wollen. Oft sind die Menschen auch zu denen, die sie kennen, viel schlimmer als die Wölfe es je sein könnten. Wölfe besitzen ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Die wissen, dass sie sonst baden gehen. Menschen scheinen das fast vollständig vergessen zu haben.
wIch habe das leider bisher nur im Film gesehen, wie Krähen sich untereinander austrixen. Die eine Krähe findet etwas Fressbares, will es aber im Augenblick nichts schnabulieren. Also wohin mit dem Schatz? Sie guckt sich um, ob sie jemand beobachtet hat. Und tatsächlich, da ist so ein Miststück und beäugt sie scharf. Was macht unsere schlaue Krähe? Sie tut so, als habe sie die Überwachung nicht bemerkt und verbuddelt ihr Fressili. Natürlich nur scheinbar. In Wahrheit verschwindet sie nach dieser Aktion mit ihrer Beute und sucht sich an einer anderen Stelle ein sicheres Versteck. So einmalig scheinen die Menschen mit ihrem egoistischen Verhalten gar nicht zu sein. Das Blöde ist nur, dass sie mit ihren Methoden so erfolgreich sind, dass sie sich zu guter Letzt mit ihrem Erfolg selbst ausrotten werden.

So, und jetzt, warum ich so begeistert bin über das, was Bahr da gesagt hat. Er räumt, zumindest was den Verkehr unter den Staaten betrifft, mit einer unverschämten, faustdicken Lüge auf: Immer wenn von Menschenrechten, Moral, Solidarität und dergleichen geschwafelt wird, ist die gemeine Frage mehr als berechtigt: „Cui bono?“ Das gilt natürlich nicht nur für Politikerphrasen, das gilt natürlich auch für meine ganz besonderen Lieblinge, die Religioten, wie Michael Schmidt-Salomon sie genannt hat.

Ich kann mich noch dumpf erinnern an einen Pferdemarkt in Bayern. Da war der eine, der ein Ross brauchte und der andere, der eines verkaufen wollte. Der eine wollte möglichst das beste Ross auf dem Marktplatz für möglichst geschenkt und der andere wollte für seine Schindmähre möglichst so viel Kohle kassieren, dass er für den Rest des Lebens ausgesorgt hatte. Beide Seiten wussten, dass das unerfüllbare Wunschträume waren. Beide Seiten wussten, dass die jeweilige Gegenseite ihrem Traum trotzdem zum Sieg verhelfen wollte. Auf gut Deutsch: Beide wussten, dass es der andere faustdick hinter den Ohren hatte und ein richtiger Bazi war. Das war die Geschäftsgrundlage. Und jetzt wurde gehandelt, dass die Fetzen nur so flogen. Moral? Wie langweilig. Das hätte einem die ganze Laune versaut. Am Schluss gab’s einen Handschlag, Ross und Geld wechselten die Besitzer und nun konnte man ganz freundschaftlich im „Scharzen Ross“ eine Maß stemmen und heimlich triumphieren, dass man den deppertn Siach, den damischn, sauber ausgschmiead hot. Obwohl also beide Seiten, so gut sie konnten, versuchten, den anderen über den Tisch zu ziehen, herrschte doch Offenheit darüber, dass sie beide Bazis waren. Jede Lust am Geschäft verloren hätten sie wohl beide, wenn der Herr Pfarrer mit ihnen ins Geschäft hätte kommen wollen, weil ihnen klar war, dass sie gegen diesen Gegenspieler schlechte Karten gehabt hätten. Der hätte vielleicht daran erinnert, dass sie doch Christenmenschen seien und unser Herr Jesus Christus am Kreuz für sie gestorben ist und, wenn das immer noch nicht geholfen hätte, hätte er vielleicht sogar mit dem ewigen Höllenfeuer gedroht. Und man weiß ja nie, … Wie die bayerischen Händler mit einem edlen Buddhisten oder Advaitin umgegangen wären, der ihnen was davon erzählt hätte, dass es kein Ego gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich vermute, sie hätten zu ihm nur gesagt: „Bist narrisch?!“ und hätten ihn einfach stehen lassen.

Ich komm nochmal zu Egon Bahr und verändere seine Aussage geringfügig: „In den menschlichen Beziehungen geht es nie um irgendwelche edlen Werte, sondern um den eigenen Vorteil.“ Und ich ergänze: Daran ist auch absolut nichts verkehrt. Wer mit diesem ganzen moralischen Quatsch Schluss gemacht hat, wird sich endlich entwickeln können, vielleicht sogar soweit, dass er sagen kann: „Ich liebe meine Feinde.“ Aus reinem Egoismus. Einfach weil sich das geil anfühlt. So konnte aus einem Massenmörder wie Angulimala ein Buddha werden. Es gibt kaum etwas Verkommeneres und Blöderes als Moral. Sie wird letztlich die Ursache dafür sein, dass sich die Menschheit gegenseitig ausgerottet haben wird. Wie sagte Jesus: “ Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Und Osho: „Mit Bewusstheit verändern sich die Dinge, verändern sich ganz erheblich.“ Es ist ein Unterschied, ob ich einfach ein Bazi bin, oder ob ich weiß, dass ich ein Bazi bin. Und wenn ich das auch noch zugebe, … also ich bin ein bekennender Bazi. Gern erinnere ich an dieser Stelle nochmal an Max Stirner und sein „Der Einzige und sein Eigentum„.

Und jetzt gibt es noch ein Schmankerl dafür, dass ihr so geduldig meine vielen Buchstaben ertragen habt. Daran hat mich kürzlich freundlicherweise der Eno nochmal erinnert:

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8 Antworten zu Das böse Ego

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Ja , so isser der Egon – nie um eine Antwort verlegen . 🙂

    …..Gern erinnere ich an dieser Stelle nochmal an Max Stirner und sein “Der Einzige und sein Eigentum“.
    “ Gutta cavat lapidem, non vi sed saepe cadendo , lieber Nitya ? “

    “ Omnia mea mecum porto ! “

    Is ait an mac an saol.
    PUNITO
    Hier für Stirnerinteressierte noch ein Link :
    http://www.marxists.org/deutsch/referenz/stirner/1844/eigen/0.htm

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  2. Strandläufer schreibt:

    “In den menschlichen Beziehungen geht es nie um irgendwelche edlen Werte, sondern um den eigenen Vorteil.”

    Ist diese Aussage wahr? Kann sein. Kann aber auch sein, dass sie zynisch ist und dazu dient Menschen mit „edlen“ Absichten zu diskreditieren und lächerlich zu machen.

    Moral und „edle Absichten“ mögen evolutionär gesehen Gruppen von Menschen bevorzugt haben vor solchen Gruppen, wo diese Tugenden weniger ausgeprägt waren und deshalb letzlich „egoistische“ Gene erfolgreicher weiter getragen haben. Aber bedeutet das, dass so das Motiv des moralisch handelnden Einzelnen letztlich verlogen ist? Ich würde sagen: „Nö, so einfach ist das nicht.“

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Strandläufer,

      du scheinst den Satz überlesen zu haben: „Wer mit diesem ganzen moralischen Quatsch Schluss gemacht hat, wird sich endlich entwickeln können, vielleicht sogar soweit, dass er sagen kann: ‚Ich liebe meine Feinde.‘ Aus reinem Egoismus.“

      Liebe als die am weitesten entwickelte Form des Egoismus.

      Vielleicht magst du dich ja doch mal mit dem Max Stirner-Text beschäftigen. Dann verstehst du vielleicht, wie ich meine Aussage gemeint habe.

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    • Jens Gantzel schreibt:

      Hallo Strandläufer,
      Ja, ich empfinde es auch so, dass eine derartige Aussage dazu benutzt werden kann, Menschen mit „edleren Absichten“ zu diskreditieren – leider. Ich denke, das geschieht täglich tausendfach.
      Allerdings habe ich das bei Nitya hier im Zusammenhang mit der Bewusstheit für die inneren Vorgänge verstanden und dass er dafür plädiert, scharf hinzusehen, welche Selbstbilder dahinter liegen.
      Dass die Diskrediteure „edler Motive“ auch mal ihre eigenen Selbstbilder hinterfragen könnten… auf jeden Fall!
      Ich möchte dich gern auf einen Blogartikel von mir zum Thema Selbstbilder hinweisen, vielleicht interessiert es dich: http://wuenschenwollentun.wordpress.com/2013/11/22/blinde-flecken-jeder-mensch-hat-sie-du-sie-ich-jede-und-jeder/

      Ich finde es auch für mich z.B. gut, die „edleren Absichten“, den Altruismus zu pflegen und mich danach zu verhalten, erlaube mir aber eine (wie ich denke: psychisch gesunde) Portion Egoismus und schaue mir immer mal wieder die Seiten von mir an, die ich gar nicht so gern haben will (manchmal recht kränkende Momente…).

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  3. Strandläufer schreibt:

    Ich bin bekennender Egoist in einem Sinne wie Stirner es beschreibt. Moral, die einem „höheren um zu“ und letzlich einem Sultan dient kann meinetwegen gern verworfen werden! ;-))

    Aber ist jede moralische Regung Quatsch? Liebe braucht keine Moral, ist klar. Aber steht sie im Widerspruch dazu?

    Vielleicht habe ich das nicht wirklich durchdacht und zu Ende gespürt. Kann gut sein. Ich werds mal sacken lassen.

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  4. Dieter schreibt:

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  5. Jens Gantzel schreibt:

    Lieber Nitya,
    danke für den super Artikel! Unbequeme Dinge wie Bigotterie, Heuchelei, inflationäre Selbstbilder konsequent ausgesprochen, prima! Na, kenn ich ja langsam von dir😉
    Das Bahr-Zitat hatte mich vor einigen Wochen auch beeindruckt.

    An einer Stelle mag ich noch einhaken:
    „Übrigens würde ich den Zusatz von Plautus “wenn man sich nicht kennt” in Frage stellen wollen. Oft sind die Menschen auch zu denen, die sie kennen, viel schlimmer als die Wölfe es je sein könnten.“ schreibst du. Da bin ich eher bei Plautus als bei dir.
    Insofern, als ich ein Sich-Kennen als eine der Grundvoraussetzungen sehe, mit jemand weniger vorurteilsbehafteter umzugehen, als eine Chance, mit jemand verständnisvoller umzugehen.
    Meines Erachtens liegt der Abwertung, Ausgrenzung von jemand oder etwas, dem ich begegne, meist Angst zugrunde. Angst, die durch ein Kennenlernen gemindert werden kann.
    Wobei ich hier Kennenlernen im Sinne von Wahrnehmen der Vielschichtigkeit (nah bei diesem Thema: http://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/07/02/alle-an-deck-kein-eisberg-in-sicht-kein-eisberg-in-sicht-so-so/) meine. Auch jemand, den/die ich als missgünstig, gemein, böse wahrnehme, hat Kummer, Freude, Ängste, Träume etc. Und da ist plötzlich ein Raum für Verstehen.
    Klar, dass das auch taktisch genutzt werden kann und jemand den/die andere*n erst recht über den Tisch ziehen kann, wenn etwas Kennenlernen stattgefunden hat. Aber ich denke, dass es dann schwerer fällt.

    Ui, der Film anschließend an deinen Artikel ist ja eher was abendfüllendes. Hab schon mal reingelinst und bin gespannt🙂

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