Hui-neng: mit diesen Menschen kann man nicht reden


hihi
Verehrte Zuhörer, ihr hört mich nun über die Leere sprechen, aber ihr dürft nicht daran festhalten. Wenn ihr euch bewegungslos hinsetzt und euren Geist zur Leere macht (keine Gedanken aufkommen lasst), werdet ihr nur in einen verschwommenen Zustand der Leere verfallen und letztlich nicht die Wahrheit Buddhas (euer eigenes Wesen) erfahren. Verehrte Zuhörer, die große, weite Leere des Universums enthält alle Zehntausend Dinge, Farben und Formen. Sie enthält die Sonne, den Mond, die Sterne, Berge, Flüsse, Quellen und Schluchten, sämtliche Bäume, schlechte Menschen, gute Menschen, schlechte Dinge, gute Dinge, das Paradies, die Hölle, den ganzen großen Ozean, den Berg Sumeru und die anderen ihn umgebenden Berge. Sie sind alle inmitten dieser Leere. Die Leere des Wesens der Menschen ist genauso.

Verehrte Zuhörer, das eigene Wesen enthält alle Zehntausend Dinge. Dies ist ›groß‹. Die Zehntausend Dinge sind alle in eurem eigenen Wesen. Wenn man das Gute und das Schlechte aller Menschen sieht und weder ergreift noch verwirft und nicht daran festhält, dann ist der Geist wie die große weite Leere. Dies wird ›groß‹ genannt, also Mahā .

Verehrte Zuhörer, verblendete Menschen rezitieren mit dem Mund, wissende Menschen verwirklichen mit dem Geist. Es gibt verblendete Menschen, die sitzen still, machen ihren Geist leer, vernichten alle Gedanken und nennen sich dann selbst groß. Mit diesen Menschen kann man nicht reden, weil sie irregeleitete Gedanken besitzen.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

Ich geb’s ja zu, ich bin schwer religionsgeschädigt. Da gibt es unendlich viele kleine Geschichten aus meiner Jugendzeit, da kommt mir heute noch die Galle hoch. Gerade fällt mir das ein: In der Schule saß ich immer in der letzten Reihe, weil ich hoffte, dort bei meinem für mein Wachstum so notwendigen Schulschlaf nicht gestört zu werden. Eines Tages gab’s mal wieder eine Religionsschulaufgabe. Wir sollten irgendwas zum Katechismus schreiben. Das Fatale war, dass der Pfaffe den frömmsten Streber als Aufpasser neben mich setzte. Es kam natürlich, wie es kommen musste. Mein Banknachbar entdeckte den Katechismus auf meinen Knien und riss mir die Seite, um die es ging, aus dem Katechismus. Dass ich ihn nicht erwürgt habe, hatte er nur meiner christlichen Nächstenliebe zu verdanken. Na ja, ein bisschen breit in den Schultern war er auch, muss ich zugeben.

Warum können die Pfaffen ihre Mitmenschen einfach nicht in Ruhe lassen? Warum müssen sie einen unbedingt mit ihrem ganzen Wortgeklingel auf die Nerven gehen? Und dann soll man den Quatsch auch noch auswendig lernen und immer wieder runtermurmeln. Dabei ist es doch völlig gleichgültig, ob es sich dabei um das katholische „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit Dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen“ handelt oder das Prajñāpāramitā Hṛdaya Sūtra oder was weiß ich für’n Zeug.

Hui-neng muss diese Rezitiererei auch gehörig auf den Geist gegangen sein. „Mit diesen Menschen kann man nicht reden, weil sie irregeleitete Gedanken besitzen.“ sagt er. Und sie besitzen nicht nur irregeleitete Gedanken, sie glauben sie zu allem Überfluss auch noch. Wer könnte schon mit einem Gläubigen reden? Da gibt es welche, die schlachten zur höheren Ehre Allahs ihre Mitmenschen ab, in der Hoffnung, dass man ihnen im Paradies noch ein paar Jungfrauen aufgehoben hat, und die anderen rezitieren und rezitieren heilige Verse und versuchen auf diese Weise irgendetwas, was ihnen ihr Verstand als erstrebenswert vorgegaukelt hat, zu erreichen. Es ist dasselbe in Grün.

Gestern war mal wieder die berühmte „Leere“ Thema. Hui-neng sagt dazu: „Wenn man das Gute und das Schlechte aller Menschen sieht und weder ergreift noch verwirft und nicht daran festhält, dann ist der Geist wie die große weite Leere.“ Bodhidharma sprach von der offenen Weite und meinte dasselbe damit. Und fügte dieses „nichts von heilig“ hinzu. Dem müssen die Pfaffen und Gläubigen mit ihrem heiligen Getue auch auf den Geist gegangen sein. Alle wollen irgendwas ganz Besonderes sein. Wie langweilig. Und wie anstrengend.Baby

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3 Antworten zu Hui-neng: mit diesen Menschen kann man nicht reden

  1. Ingeborg schreibt:

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  2. punitozen schreibt:

    .
    Wenn du weißt, dass du etwas Schlechtes tust, dann ist es noch nicht so schlimm. Doch die, die da von ihrem “Satori” plaudern, halten das noch nicht einmal für etwas Schlechtes. Deshalb ist ihnen nicht zu helfen…….

    …….. Keiner Illusion ist so schwer beizukommen wie dem “Satori”.

    Kodo Sawaki

    Lieber Nitya ,
    Danke für den gestrigen Wind – darauf folgt ein “ Donnerwetter ! “ 🙂

    Sei herzlichst gegrüßt
    PUNITO

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  3. Savitri schreibt:

    „Und dann soll man den Quatsch auch noch auswendig lernen und immer wieder runtermurmeln.“

    Über Religion gerate ich auch oft in Wut, da ich auch einen so geprägten (kath.) Erziehungshintergrund habe. Dieses Textemurmeln halte ich für sogar gefährlich, da es einer Gehirnwäsche gleichkommt. Man impft sich so regelrecht das „armer-Sünder-Bewußtsein“ ein.
    Wenn ich mich oft frage, warum so wenige Menschen diese abstrusen Glaubenskonstrukte hinterfragen, dann liegt es bestimmt auch daran, dass alles so gut „eingepflanzt“ ist – Sonntag für Sonntag wiederholt.
    „Herr, ich bin nicht würdig…“
    „…durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“
    und das von Dir zitierte „bitte für uns Sünder…“
    oder in Liedern: „Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihren Lehren…“
    sind einige der „Highlights“ der negativen Affirmationen, die mir gerade einfallen.

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