Brad Warner: das bescheuerte Zen


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Sitzen, sitzen, sitzen. Während alles vorübergeht. Das Anzünden der Räucherstäbchen und Kerzen. Das Verbeugen zu nichts und niemandem. Das Chanten der gleichen bescheuerten Kacke, die sie schon seit Ewigkeiten gechantet haben, weil es ja vielleicht jetzt endlich einmal funktioniert.

Wir sind wie Eisberge, erzählte ich ihnen. Was wir wissen, ist einfach nur die kleine Spitze. Der große Rest von uns spielt sich immer tiefer ab, unbeobachtet, ohne dass wir wissen, was los ist. Wir können es nicht verstehen. Wir können nur versuchen, damit übereinzustimmen. Du kannst es Gott nennen, wenn du willst. Oder du kannst so tun, als ob es nicht existiert und in all die anderen Eisberge hineinknallen.

Du kannst eine Statue davon machen und sie anbeten, damit sie dich vor dem Schicksal bewahrt, das für dich schon bereit steht. Du kannst dich nach Geld und Sex und Macht und Ruhm sehnen.

Schau mich nicht mit diesen: Da ist er!-Augen an. Ich versuche noch immer herauszufinden, was ich gerne werden möchte, wenn ich groß bin.

Du hast dir diese Welt geschaffen. Es ist deine und gleichzeitig bittest du mich darum, dir den Weg zu zeigen? Was werde ich dir schon beibringen können? Wirst Du verdammt nochmal die Klappe halten und zuhören, wenn ich es versuche? Nein. Das wirst du nicht tun. Ich jedenfalls hab’s nie getan. Warum sollte ich denken, du würdest das tun? Gib mir keine Antwort. Bitte.

Du starrst in die Dunkelheit deines eigenen Geistes, was siehst du? Hast du Angst, hinzuschauen? Natürlich hast du Angst. Gute Zeiten – schlechte Zeiten ist viel einfacher. Es gibt haufenweise Pornos, die jetzt nur ein paar Fingerklicks entfernt sind. Es gibt auf eBay viele Dinge zu kaufen. Es gibt Deepak Chopra, der dir erzählt, dass alles Bewusstsein ist und dass Wissenschaft überhaupt keine Ahnung hat.

Ich will ein Stück gottverdammten Apfelkuchen.

aus: Brad Warner in Hamburg

Für diejenigen, die noch nie was von dem Typen gehört haben: Brad Warner ist ein von Gudō Wafu Nishijima ordinierter Zen-Meister, der früher Bass-Gitarrist in der Hardcore-Punk-Band Zero Defex, Ohio, war. Wie auch der Titel seines ersten Buches „Hardcore Zen: Punkrock, Monsterfilme & die Wahrheit über alles“ schon verrät, entspricht er wohl nicht so ganz den Vorstellungen von Otto Normalverbrauer von einem spirituellen Meister. Brad Warner war kürzlich in Hamburg, eine Freundin erzählte mir davon. Auf seinem Blog erzählt er, wie er sich danach fühlte: „Es ist gerade mal 21.45 Uhr, aber es fühlt sich viel später an. Ich kämpfe mit einer Erkältung. Oder Ebola. Wer weiß das schon? Ich komme gerade von einer strapaziösen Frage-und Antwort-Session vom Hamburger Zen Dojo zurück. Mein Freund Logan ist tot. Ich bin krank.

Ich will verdammt nochmal nicht über das bescheuerte Zen reden.“ Wenn ich das lese, denke ich: Fühlt sich an wie ein richtiger Mensch und nicht wie so’n komischer Säulenheiliger, der ständig irgendeine Heilige Show abziehen muss. „Offene Weite – nichts von heilig.“ Das kann man ja toll nachplappern oder es wird einfach gelebt. Bei Wikipedia findet man über Brad Warners Stil den bedeutungsvollen Hinweis „benutzt Humor“. Mir hat sich gleich der Magen umgedreht. Auf meinem allerersten Zen-Wochenende „benutzte“ die Leiterin Humor und rühmte sich auch noch dessen. Mir wurde ganz übel.

Und was ist nun die Botschaft dieses Zen-Meisters? „Ich will ein Stück gottverdammten Apfelkuchen.“ Darauf hätte ich jetzt auch Lust.
kuchen

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20 Antworten zu Brad Warner: das bescheuerte Zen

  1. LOB schreibt:

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt und kommentierte:
    Wir sind wie der Eisberg, wir wissen nichts vom ganzen in uns und das was wir wissen können ist nur die Spitze, die sich schwankend und kränkelnd erhebt …. ein lesenswerter Text

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  2. Elwood schreibt:

    Eisberg
    – schönes Bild…
    Apfelkuchen?
    Da fällt mir ein, ich hab noch vom letzten Backen etwas vom Apfelkuchen im Eisschrank,
    werde ich mir gleich auftauen und genüsslich verspeisen…

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  3. punitozen schreibt:

    Ich will verdammt nochmal nicht über das bescheuerte Zen reden

    Bitte , gerne , Nitya ..
    Z E N – R E D E
    Selbst-verständig !🙂

    Sei herzlichst gegrüßt
    PUNITO

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  4. Elwood schreibt:

    Ich hab zwei Bücher von Brad Warner gelesen und schätze seine menschliche Art. Dass er Humor „benutzt“ kann ich, zumindest in den Büchern, für mich nicht bestätigen. Ich finde er hat eine sehr ehrliche Art der Beschreibungen seiner Veränderungen, besonders mit seinen Abhängig- und Unabhängigkeiten. Wen wundert es da, dass seine Geschichte mit den Mitschülern von Gudō Wafu Nishijima, sich mit Milarepas Geschichte ähnelt. Wenn ich Englisch könnte, hätte ich gerne seinen Vortrag besucht. Hoffentlich haben die Zenis ihn wenigstens mit Apfelkuchen versorgt.

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  5. Nitya schreibt:

    Lieber Elwood,

    wer Ikkyû mag, mag auch diesen Apfelkuchenfresser.
    Dem armen Kerl haben sie seinen Mantel geklaut und das bei seiner Erkältung.
    Apfelkuchen hat er, soviel ich weiß, nicht gekriegt.
    So’n herumstromernder Zen-Lehrer führt’n richtiges Hundeleben.

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  6. Jens Gantzel schreibt:

    Super!!
    Gelassenheit… Offenheit… Wenig-(oder gar Nicht-) Identifikation… schön schön…
    Aber Anfassen und angefasst sein ist auch Spiritualität und Entwicklung!🙂

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  7. IamAlways schreibt:

    Als ich gestern den Text über Brad Warner las, dachte ich, der hats ….Nur Jemand, der „tiefer“ gegangen ist, kann so ehrlich sein und solche Aussagen machen, in dieser Ehrlichkeit!

    In direkter Gegenüberstellung zu Brad Warner Aussage hatte ich gestern so ein intellektuelles Geschwafel zwischen Thorsten Brügge in Diskussion mit einer „Liga der Leeren“ , hier mal ein kleine Gegenüberstellung>
    Thorsten B. sagte>“Die Art und Weise wie Ihr Eure Kritik beschreibt, erweckt in Teilen bei mir den Eindruck, Ihr glaubt, man könnte tatsächlich objektive Werturteile der folgenden Art fällen: „Dieser Begriff ist dualistisch“ oder „Dieser Begriff ist nondual“. Nach meinem – und ich würde sagen auch einem postmodernen wissenschaftlichen Sprachverständnis – wäre das eine zu enge Sicht. Gerade systemische Betrachtungen zeigen auf, dass ein einzelner Begriff als ein Bezeichner (Signifikant) verstanden werden muss, welcher mit einem komplexen Assoziationsnetzwerk sinnlicher Repräsentationen und anderer gedanklicher Assoziationen verknüpft ist, die in ihrer Gesamtheit die bezeichnete Erfahrung (Signifikat) repräsentieren. Wie ein Begriff (Signifikant) inhaltlich verstanden wird und welche Erfahrungsbedeutung (Signifikat) dadurch angeregt wird, hängt dabei in hohem Maße vom Interpretationssystem des Empfängers ab. Dieses Interpretationssystem ist wiederum abhängig von seiner bisherigen individuellen und kulturellen Prägungen und seinen gerade zur Verfügung stehenden Erfahrungsmöglichkeiten. Das kann von Empfänger zu Empfänger sehr unterschiedlich sein.“

    Ein Hoch auf Brad Warner kann ich da nur sagen. Eines ist für mich ganz deutlich geworden, ein Ego ist immer auf der Lauer, egal wie tief man in die Wahrheit eingetaucht ist.

    Gerne kleidet es sich in die Gewändern eines Gelehrten um sich dann in hochtrabenden, intellektuelle Gelaber zu verlieren, schließlich macht das ja was her und zieht Schülerscharen an, denn Egos mögen Leute, zu denen sie aufblicken können :-)))

    Mensch Meier, kann ich da nur sagen….

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    • Marianne schreibt:

      Na ja, diese „Liga der Leeren“ sparen ja auch nicht mit Worten.
      http://urruhe.jimdo.com/
      So viele Worte um LEERE und dann auch noch anonym …

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    • Ikkyu schreibt:

      …. was sich mir immer wieder von neuem zeigt.
      —> http://www.nonin.de/seiten/prinzip1.htm#engi <—
      Erwachen findet daher auch nicht getrennt von den "Dingen" und "Wesen" statt.
      Erwachen bedeutet "Erwachen zu allem was ist …." … auch zu schreienden kleinen Kranken Kindern und üblen Proleten in der Strassenbahn.
      Es gibt diese (Zen)-Geschichte, in der Buddha eine Blume hoch hielt und nur Mahakasyapa lächelte ….. Vielleicht lächelte Mahakasyapa ja nur , weil alle nicht schnallten was passierte und sein Lächeln war ein Versuch, diese Peinlichkeit zu überspielen …..
      Eine andere berühmte Geschichte handelt auch von Buddha … diese Geschichte ist für die meisten Advaitis aber vermutlich nicht so interessant. Nein, diese Geschichte ist keine Geschichte sondern ein Koan:
      Shakyamuni Buddha erblickte den Morgenstern und erwachte. Er sagte: "Ich, die Grosse Erde und alle Wesen erlangen gleichzeiig den Weg" …….
      Was das wohl bedeuten mag ….. ? Der Link, der zum Text führt ist der Finger, der auf den Mond zeigt …….

      "Ikkyu" …. der gerade ein Bier getrunken hat :-))))))

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  8. Giri schreibt:

    Brad bleibt halt letztlich sehr traditionell:

    Zenmeister Joshu wurde gefragt: Gibt es etwas, was über alles von Buddhas und Patriarchen gelehrte hinausgeht?
    Joshu antwortete: Kuchen.

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    • Giri schreibt:

      Aber freilich ist der Unterschied, das Joshu nicht American Pie kannte.

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    • Nitya schreibt:

      Da gab’s doch schon mal so’n Zen-Heini, der im Sterben lag. Er lag in seinen Bett und verspeiste vergnügt seinen Kuchen. Suchende können einen ja nie in Ruhe einen Kuchen verspeisen lassen, also fragten sie: „Meister, was ist deine letzte Botschaft?“ Der Meister grinste und sagte: „Aaahhh, dieser Kuchen ist köstlich!“ Und das war’s dann auch schon mit ihm.

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  9. fredo0 schreibt:

    „“Ich, die Grosse Erde und alle Wesen erlangen gleichzeiig den Weg“““

    da ist soetwas wie „ich und“ nicht … also gibt es „ich und die grosse erde und alle wesen “ nicht …
    ……
    und doch sind da all die zehntausend dinge und wesen …. wir würden heute wohl trilliarden dinge sagen …
    und es wurde klar … nichts unterscheidet mich von diesen …
    denn DA ist nur DAsein … und DAsein dekoriert sich halt mit trilliarden von dingen / wesen …

    doch IST da nur dieses DAsein …
    und was ist da „erlangen“ ? gar eines weges ?
    es kann doch nur bewegung in verbund eines dynamischen kompendiums sein, dass sich (vorgeblich) in zehntausende unterteilt ?

    als ist doch „mein“ weg immer nur „der“ weg dieses kompondiums !
    und jedes erkennen und jedes befreien auch erkennen und befreien dieses kompendiums !

    wo ist da notwendigkeit für einen bodhisattva … einen der andere auch befreit ?
    „Ich“ wurde doch nie befreit … und werde es auch niemals …
    ist da befreiung oder erkennen , erkennt sich stets das – kompendium …

    das war auch im falle des shakjamuni nicht anders.
    das fatale im falle der gläubigen ist es, dass sie an das vorhandensein des sghakjamuni glauben. manche ja sogar an die historische.
    buddha hat nie gelebt … und wird nie leben … buddha ist nur ein synonym, für das, was dem >kompendium die fixierung nimmt . die fixierung an das einzelne objekt/subjekt.

    da ist niemand … auch kein shakjamuni … da ist nur DA , dass sich beliebt mit diesem >Kompendium zu amüsieren.

    fein das …

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    • Ikkyu schreibt:

      Verehrter Fredo … wie ich ja schon schrieb, dieser Text ist ein KOAN !!! … und an Koan kan man eben letztlich niemals Intellektuell oder Verstandesmässig heran gehen so wie du es jetzt machst ….

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      • fredo0 schreibt:

        ich bin da völlig ohne verstand heran gegangen. völlig spontan einfach so geschrieben … ich hab noch nicht mal erinnert was ich da schrieb … und jetzt gelesen , kann ich noch nichtmal ne antwort drin sehen … sondern einfach nur eine umschreibung dessen, was sich als DA zeigte und resumee zeigt … auch nur bewegung im kompendium …

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  10. fredo0 schreibt:

    werter ikkyu ,,,es ist mir schon seltsam … ich hingegen sehen in einem koan keinesfalls diese beschränkung … dass er nicht verstandesmässig betrachtet werden kann … sogar im gegenteil … wer sonst könnte ihn denn betrachten ? … das vegatativum ? … oder die instinkte des reptilhirns ? …. es ist immer der verstand , der worte betrachtet … und nur die vorstellung seiner begrenzung erzeugt da die „unverstehbarkeit“ eines koans … ein koan ist sehr wohl zu verstehen , jedoch nicht in den gewohnten verstandesmethoden … es ist, letztlich eine reine sache der intellektuellen faulheit, einen koan nicht zu verstehen …. denn verstehen heißt keinesfalls eindeutige formulierungen exclusiv dem verstehen zuzuordnen … dies ist besagte faulheit … und die ist zumeist begründet in angst … es erweckt ängste etwas „nichtverstehend“ zu verstehen , denn es kann dann kein zum stehen gekommenes bild verortet werden …
    doch … es sei erwähnt , was von den milliarden inputs jedes augenblicks „versteht“ denn der verstand ? er würde mit dieser arbeit schlicht die gesammte energieresource des gehirn für eine einzige sekunde ausschöpfen müssen … exitus !..also „versteht“ der verstand durch künstliche selektion und manifestation … normaler weise ! .er nimmt einzelne segmente des inputflusses und brint sie zum stehen ( = versteht ) …
    doch es stellt sich die frage ob der verstand als verstand vorhanden ist , oder ob diese selektion ( aus energiespargründen ) nur verstand genannt wird ?
    ich sehe die basis von beidem im selben … dem einfach „unverstehend“ sich dem inputsfluss ausgesetzt sehen und dem künstlich durch selektion zum stehen gekommenen kommentar dieses flusses …beides ist nur schlichte wahrnehmung …

    ein koan wird so oder so also auch nur …. wahrgenommen … ob er da zusätzlich aus energiespargründen dann noch verstanden wird ? was spielt das für eine rolle ? wahrnehmung hat ja stattgefunden …
    die welt und ihre ereignisse, als inputsfluss , verändern sich um keinen deut , ob da „verstanden“ wird oder nicht .
    „verstehen“ wird allzuoft ziemlich überbewertet.

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