Lao Tse: Sein und Nichtsein entspringen einander


Lao Tse

Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen
Gibt es die Hässlichkeit;
Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten,
Gibt es das Ungute.

Wahrlich:
Sein und Nichtsein entspringen einander;
Schwer und Leicht bedingen einander;
Lang und Kurz vermessen einander;
Hoch und Tief erzwingen einander.
Die Stimme fügt sich dem Ton im Chor;
Und ein Danach folgt dem Zuvor.

Deshalb der Heilige Mensch:
Er weilt beim Geschäft des Ohne-Tun,
Er lebt die Lehre des Nicht-Redens.
Die zehntausend Wesen werden geschaffen von ihm,
Doch er entzieht sich ihnen nicht.
Er zeugt, aber besitzt nicht;
Er tut, aber baut nicht darauf.
Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei.

Wohl!
Nur dadurch, dass er nicht verweilt,
Ist nichts, das ihm entginge.

aus: Lao Tse, „Tao Te King, Kap. 2 (Übers. Günter Debon)

Ich habe es immer noch das kleine Reklamheftchen aus Jugendjahren, völlig vergilbt, zerfleddert und mit Tesa mühsam zusammengehalten. Es war die Offenbarung für mich, wie heimkommen. Endlich fühlte ich mich nicht mehr wie jemand, den ein widriges Schicksal auf einen fremden Planeten verschlagen hatte.

Sein und Nichtsein entspringen einander.

Was für eine Aussage! Da gibt es nicht so etwas wie die Vorherrschaft des einen über das andere. Überall tönt es, dass das Sein aus dem Nichtsein entspringt. Das Nichtsein sitzt auf dem Thron und gebiert ununterbrochen das Sein. Lao Tse, Laotse, Laudse, Lao-tzu, Lǎozǐ oder wie auch immer lässt sich auf solche Festschreibungen nicht ein. Bei ihm ist alles im Fluss. Nicht „Sein oder Nichtsein“, sondern „Sein ist Nichtsein, Nichtsein ist Sein“. Nicht anders als Buddhas „Form ist Leere, Leere ist Form“.

Das Kapitel schließt mit dem Satz: „Nur dadurch, dass er [der Heilige Mensch] nicht verweilt, ist nichts, das ihm entginge.“ Wo könnte er denn verweilen? Nun, z.B. beim Sein oder bei der Schönheit oder der Güte des Guten oder dem Schweren, dem Langen, dem Hohen, dem Zuvor. Wenn er nicht bei einem Pol verweilt, wenn er durchlässig wird für einen Pol und sein Gegenteil, was könnte ihm dann entgehen? Und was müsste dann unbedingt getan oder gesagt werden? „Deshalb der Heilige Mensch: Er weilt beim Geschäft des Ohne-Tun, er lebt die Lehre des Nicht-Redens.“ Das heißt nicht, dass er nichts tun, nicht reden würde. Es heißt: „Er zeugt, aber besitzt nicht; er tut, aber baut nicht darauf. Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei.“ Es geht nicht darum, was er tut und schon gar nicht um Richtig oder Falsch. Es geht nur um die Haltung, in der dies geschieht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Lao Tse: Sein und Nichtsein entspringen einander

  1. Chantal schreibt:

    Ich lese ja schon eine Zeitlang Nidya’s Blog. Hier finde ich einen Geist, der mich irgendwie beruhigt und beunruhigt. Beruhigt, weil immer das Paradoxe jeder Sichtweise aufgezeigt wird. Entweder erscheint das in den Kommentaren der Schreiber selber auf, oder in den Weisheiten der zitierten Schriften. Beunruhigend aber für mich selbst ist, dass mir die Inspiritioan fehlt, da schreibend mit zu mischen, auf dieser Schaukel des Geistes mit zu schwingen. Nach dem ich alle anderen Kommentare gelesen habe, bin ich so gesättigt, dass ich still in mich einsinke. Doch dann, im stillen Kämmerlein, erhebt sich ein Stachel: dass ich durch mein Schweigen nicht dazu gehören könnte. Lao Tse sagt. „Er lebt die Lehre des Nicht-Redens“ oder das „Sein oder Nichtsein bedingen einander“. Das zu wissen ist für mich sehr tröstlich und fühle mich in dieser Weisheit zu Hause und gleichzeitig bin ich eben nicht zu Hause. In diesem Widerspruch mich anzunehmen, das ist meine tägliche Aufgabe. Vielleicht erschaffst du, Nidya, diesen Blog auch nur, als Praxis, um dem Leben zu dienen, es auszuhalten, es zu zelebrieren. Jeder erschafft das nach seinen Fähigkeiten, seinen Gaben. Zu erkennen, dass die zwei Sichtweisen sich bedingen, und sich hochschaukeln, bis zur Höchstform und dann wieder verschwinden in die Stille, wie der Stein des legendären Sisyphos. Ach ja. Ich spühre die Jahre….
    Zwischen Melancholie und Freude erfahre ich das Leben. Wenn ich wieder still bin, dann bin ich hier doch anwesend. Einen schönen Tag @ all.

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      „Doch dann, im stillen Kämmerlein, erhebt sich ein Stachel: dass ich durch mein Schweigen nicht dazu gehören könnte.“

      Liebe Chantal,

      als ich vor langer, langer Zeit das erste Mal Lao Tses Worte las, fühlte ich mich total dazugehörig. Ich versichere dir an Eides statt, dass ich nie ein Wort mit dem sehr verehrten Herrn Lao Tse gewechselt habe. Wie sagen die Bayern: Dahoam is dahoam. Wenn ich’s a bisserl gschwollener ausdrücken darf: Ich hatte meine Sangha gefunden. Was spielen da die Jahrtausende oder die Geographie oder mein Reden oder Schweigen für eine Rolle!

      Einen herzlichen Gruß
      Nitya

      Gefällt mir

      • Chantal schreibt:

        Lieber Nitya, danke für die aufmunternden Worte. Ich rolle mich mal darin ein, wie in einen Teig, und spür mal, wie der Teig aufgehen will. Herbstgrüsse aus der Schweiz
        Chantal

        Gefällt mir

    • Ingeborg schreibt:

      Gefällt mir

  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya

    Ooh – Hier erscheint mir vor der Nase ,beim Lesen , ein routierendes Tàijí Tú .

    Auch wenn ich`s ich mir` mit `nem Goldkettchen um den Hals hänge – isses was es ist –
    symbolisches Lametta 🙂 .

    Auch Heute
    necken sie sich einander
    die Übenden des DAO –
    die Übenden des ZEN .

    Liebe Grüsse
    PUNITO

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s