Eckhart: Timotheus ist ein gottempfangender Mann


EckhartDen Sankt Dionysius fragten seine Jünger, warum sie alle von Timotheus an Vollkommenheit überholt würden? Da sprach Dionysius: Timotheus ist ein gottempfangender Mann. Wer sich darauf recht verstünde, der überholte alle Menschen. Und so ist dein Unwissen nicht ein Mangel, sondern deine oberste Vollkommenheit, und dein Nichttun ist so dein oberstes Werk. Und so in dieser Weise musst du alle deine Werke abtun und all deine Kräfte zum Schweigen bringen, wenn du in Wahrheit diese Geburt in dir erleben willst. Willst du den geborenen König finden, so musst du alles, was du sonst vielleicht findest, überholen und zu Boden werfen. Dass wir das alles überholen und verlieren, was diesem geborenen König nicht wohlgefällt, dazu verhelfe uns der, der darum zum Menschenkind geworden ist, damit wir Gotteskind werden. Amen.

aus: Meister Eckharts mystische Schriften, vom Unwissen

So, wie es Advaita-Sprech oder Ch’an/Zen-Sprech gibt, gibt es natürlich auch Eckhart-Sprech. Nitya-Sprech natürlich auch, womit ich zart andeuten will, dass jedes Lebewesen seine ureigene Sprache hat und mit dieser versucht, sich verständlich zu machen. Und der Hörer dieser Sprache, muss, so er sich denn überhaupt für das Gesagte interessiert,erst zum empfangenden Menschen werden, um sich dem Gemeinten annähern zu können. Dionysius nennt in Eckharts Geschichte den Timotheus einen gottempfangenden Menschen. Dionysius erklärt, wie es zu dieser Geburt des gottempfangenden Menschen kommen kann. Es geht darum, zu erkennen, dass mein Unwissen kein Mangel und mein Nichttun oberstes Werk ist. Wenn in dieser Weise alle Werke abgetan und alle Kräfte zum Schweigen gebracht wurden, kann es zur Geburt des gottempfangenen Menschen kommen.

Auch wenn Eckhart oberflächlich betrachtet eine ganz andere Sprache spricht als etwa die alten Ch’an-Meister, geht es doch um dasselbe. Es geht nicht ums Tun, sondern ums Lassen. Und auch dieses Lassen darf nicht getan werden, sondern geschieht vielleicht, wenn gesehen werden kann, dass mein „Unwissen kein Mangel und Nichttun oberstes Werk“ ist.

Wenn ich das Thomasevangelium lese oder das Diamant-Sutra, ändert das nichts an meinem Unwissen. Wenn ich aber jetzt glaube, alles verstanden zu haben und ein Wissender geworden zu sein, habe ich aufgehört, ein Empfangender zu sein. Ich kann nur empfangen, wenn ich leer von allem Wissen geworden bin, wenn ich bereit und fähig geworden bin zu lauschen. Wer diskutiert, der tut, kämpft – lauscht nicht. Suzuki Roshi hat das mit dem bekannten Spruch „Zen-Geist, Anfänger-Geist“ schön auf den Punkt gebracht.

Wir alle haben vermutlich noch Westerwelles „Leistung muss sich wieder lohnen“ im Ohr. Mit Leistung ist bei uns natürlich vor allem die Leistung „der fleißigen Deutschen“, sprich der arbeitenden Klasse, gemeint. Mit „Lohnen“ vorzugsweise diejenigen, die sowieso schon die größten Vermögen angehäuft haben. Meister Eckhart spricht eine völlig andere Sprache und die Gefahr besteht, dass er missverstanden werden wird. „Unwissen ist kein Mangel und Nichttun oberstes Werk“ kann so missverstanden werden, dass wir nun alle als faule Analphabeten herumlaufen sollen. Ich bin mir sehr sicher, dass Eckhart das nicht so gemeint hat. Er selbst war weder faul noch Analphabet. Es geht ihm nicht um Leistungs- und Bildungsverweigerung. Das läge in der Logik der Leistungsträger. Er möchte, dass etwas erkannt wird, was schon immer da ist. Es geht ihm um die Erkenntnis, dass wir ganz im Sinn des bekannten Ausspruchs von Sokrates „Ich weiß, dass ich ein Nichtwissender bin“ (und immer sein werde) sehen, dass das, was er meint, unwissbar ist, weil es hier um etwas geht, das kein Etwas, kein Objekt ist. Und es geht um die Einsicht, dass ich in keinem Augenblick der Handelnde bin, dass auch „Ich“ kein Objekt ist, auch wenn es so aussieht, als sei dieses „Ich-Genannte“ ein Objekt. Eckhart kann nur missverstanden werden, solange ich ihm mit meinem konditionierten Verstand zuhöre. Eckhart: „Dass wir das alles überholen und verlieren, was diesem geborenen König nicht wohlgefällt, dazu verhelfe uns der, der darum zum Menschenkind geworden ist, damit wir Gotteskind werden. Amen.“ Die Einsicht, dass wir Nichtwissende sind ist die Voraussetzung dafür, dass Raum entstehen kann für Suzukis Anfänger-Geist.

Nichtwissen

 

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Eine Antwort zu Eckhart: Timotheus ist ein gottempfangender Mann

  1. fredo0 schreibt:

    nur eines geht wohl …
    entweder von einem (einzelnen) objekt-wissen zum nächsten (einzelnen) objekt-wissen zu jagen … bis zum letzten schnaufer.

    oder aber, gerade jetzt, sich ins nicht zu wissende einfach einsinken zu lassen, und damit am grund des nichtzuwissenden das zu bemerken, was nichts anderes wie wissen ist.

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