Yaan-De: mir unbekannt


AngstDer General der Sung-Dynastie Tsau Han kam mit seinen Truppen auf dem Rückmarsch von einer Strafexpedition gegen die Völker an der Südgrenze des Reiches zum Yaan-Tung-Tempel im Lu-Schan-Gebirge. Dort beschloss er haltzumachen. Die Mönche des Tempels waren beim Herannahen der kaiserlichen Truppen in alle Winde zerstoben. Allein der Abt Yaan-De war im Tempel geblieben. Als die Soldaten in die Halle stürmten, fanden sie ihn in Meditationshaltung vor dem Altar sitzend. Sie fragten ihn dies und das und brüllten ihn an, aber der würdige Meister machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben, und verharrte in tiefem Schweigen.

General Tsau Han platzte vor Wut. „Hört, Abt“, schrie er ihn an, „wir wollen Euren Tempel für ein Nachtlager haben, damit sich die Soldaten ausruhen können. Ihr aber würdigt uns keines Wortes. Mehr Verachtung könntet Ihr uns wohl kaum zeigen! Merkt Euch, Soldaten mähen Menschen nieder wie Gras.“ – „Und Ihr merkt Euch, General“, entgegnete der Abt seelenruhig, „dass es Mönche gibt, die keine Angst vor dem Tod von Soldatenhand haben.“ Die Kühnheit des Mönchs beeindruckte den General sichtlich. Sein Ton wurde versöhnlicher. „Darf ich Euren werten Namen wissen?“, fragte er mit bereits sanfterer Stimme. „Yaan-De“, antwortete der Abt. Da befand er sich also vor dem hochehrwürdigen, hoch-berühmten Zen-Meister Yaan-De! Der General stand unwillkürlich stramm. Und mit einem Mal wurde er nun zum Bittsteller: „Darf ich den hochehrwürdigen Meister fragen, wie man sich im Krieg den Sieg sichern kann?“ – „Mir unbekannt“, sagte kühl der Meister.

aus: Ernst Schwarz, „Die Glocke schallt, die Glocke schweigt“

Zwei Welten, die da aufeinanderprallen. Der Vertreter der einen Welt, General Tsau Han, kann nur in Kategorien von Macht und Gewalt denken, während der Vertreter der anderen Welt, Zen-Meister Yaan-De, weder daran interessiert ist, Macht und Gewalt auszuüben noch selbst den geringsten Respekt vor Macht und Gewalt eines anderen hat. Der General respektiert als alter Soldat die Kühnheit seines Gegenübers und er respektiert, dass er einer Berühmtheit gegenüber steht. Letzteres hat vielleicht damit zu tun, dass er gelernt hat, sich einem Höherstehenden zu beugen. Und so ein berühmter Zen-Meister hatte möglicherweise die besondere Gunst des Kaisers. Also empfahl es sich, höflich zu sein. Man könnte sagen, der General bestand nur aus einem Bündel konditionierter Reflexe. Ein wirkliches Verständnis für sein Gegenüber war ihm nicht möglich, weil Yaan-De sich außerhalb irgendwelcher konditionierter Reflexe verhielt. Wie sonst hätte Tsau Han ausgerechnet Yaan-De diese Frage stellen können: „Darf ich den hochehrwürdigen Meister fragen, wie man sich im Krieg den Sieg sichern kann?“ Yaan-De war für Tsau Han offensichtlich völlig unberechenbar.

Zwei Welten, die aufeinander krachen – wer kennt das nicht? Zwei Generäle mögen sich oberflächlich vielleicht noch verstehen, weil sie ähnlich konditioniert wurden. Ein General und ein Bauer werden sich vermutlich kaum noch verstehen können. Ein General und ein Zen-Meister – das wäre wirklich ein Wunder. Aber es soll vorgekommen sein. Hui-Ming, den ich kürzlich im Blog erwähnt hatte, war zum Beispiel früher General, bis er dem 5. Patriarchen begegnete.

ADer Satz, der in dieser Geschichte bemerkenswert ist, ist natürlich dieser: „Und Ihr merkt Euch, General, dass es Mönche gibt, die keine Angst vor dem Tod von Soldatenhand haben.“ Natürlich nicht nur von Soldatenhand. Die fehlende Angst vor dem Tod galt schon immer als Zeichen dafür, dass das „Ich“ seine beherrschende Rolle verloren hatte. Vielleicht glaubte auch der General, keine Angst vor dem Tod zu haben. Ob das ggf. auf perfekte Verdrängungsstrategien zurückzuführen ist oder ob da wirklich keine Angst ist – wer will das von außen beurteilen können?

Es ist auf jeden Fall etwas, das jeder bei sich selbst betrachten kann, wenn er Lust dazu hat: Wie steht es mit meiner Angst vor dem Tod?

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8 Antworten zu Yaan-De: mir unbekannt

  1. Bea schreibt:

    Es ist auf jeden Fall etwas, das jeder bei sich selbst betrachten kann, wenn er Lust dazu hat: Wie steht es mit meiner Angst vor dem Tod?

    …ist es wirklich die Angst vor dem Tod …?
    aus meiner Erfahrung heraus ist es NICHT die Angst vor dem Tod.. sondern die Angst vor dem Sterben.
    Sterben ist ein LEBENsAbschnitt in dem sich die ganze Fülle „dieses“ Lebens zeigen will/kann/darf
    Sich „diesem“ Sterben hinzugeben und somit den Tod „in Kauf zu nehmen“ – ist einer der erfüllendsten Abschnitte unseres Lebens.
    Wer sich „(anver)traut“ – sich hingibt in (das) STERBEN
    …wird LEBEN in seiner GANZen FÜLLE erfahren…
    und wozu sind wir in diesem Leben?
    – um zu erfahren….(was auch immer…)

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    • Nitya schreibt:

      „aus meiner Erfahrung heraus ist es NICHT die Angst vor dem Tod.. sondern die Angst vor dem Sterben. … Sich “diesem” Sterben hinzugeben und somit den Tod “in Kauf zu nehmen” – ist einer der erfüllendsten Abschnitte unseres Lebens.
      Wer sich “(anver)traut” – sich hingibt in (das) STERBEN
      …wird LEBEN in seiner GANZen FÜLLE erfahren…“

      Wieso Angst haben vor einem der erfüllendsten Abschnitte unseres Lebens?

      Ich kenne Menschen, die Angst haben vor Schmerzen, vor Hilflosigkeit, Abhängigkeit, den Grenzüberschreitungen anderer, … , wenn es ans Sterben geht. Und ich kenne viele Menschen, die Angst haben vor dem Tod, eigentlich vor ihren eigenen Vorstellungen über den Tod und dem, was danach geschehen wird.

      Wozu wir in diesen Leben sind? – Keine Ahnung. Jede Antwort wäre wieder eine Vorstellung.

      Ansonsten kann ich dir aus eigener Erfahrung nur zustimmen: „Sich ‚diesem‘ Sterben hinzugeben und somit den Tod ‚in Kauf zu nehmen‘ – ist einer der erfüllendsten Abschnitte unseres Lebens.“ Aber da war kein bisschen Angst.

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  2. Bea schreibt:

    Wieso Angst haben vor einem der erfüllendsten Abschnitte unseres Lebens?

    … aus diesem Grund… den du selbst nennst..
    Ich kenne Menschen, die Angst haben vor Schmerzen, vor Hilflosigkeit, Abhängigkeit, den Grenzüberschreitungen anderer, … , wenn es ans Sterben geht. Und ich kenne viele Menschen, die Angst haben vor dem Tod, eigentlich vor ihren eigenen Vorstellungen über den Tod und dem, was danach geschehen wird.

    … wer kann daVOR wissen – was daNACH ist?
    Angst ist u. A. eine „Triebfeder“ für „dieses Danach“.. so meine Erfahrung..
    der „Tod“ selbst ist Angstfrei.. ja..
    aber da ist ja auch niemand der Angst haben könnte..

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    • Nitya schreibt:

      „aber da ist ja auch niemand der Angst haben könnte..“

      Eben.

      Angst beruht auf der gedanklichen Vorwegnahme eines möglichen zukünftigen Geschehens.

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      • Bea schreibt:

        natürlich ist das die Antwort von Angst…
        *Gedankliche Vorwegnahme*…
        aber ..und das ist unbestritten…
        sie taucht auf… diese *Vorwegnahme*… als *Angst*…
        es ist „Teil“ des Ganzen… und ich erfahre – dass Teile des Ganzen eben ganz EINfach auch zum *ALLumfassenden* „gehören“…
        sonst würde es ja wohl weder erscheinen – noch sonst wie sich „äussern“..
        ich empfinde es als sehr trügerisch…
        Angst oder auch Freude usw. …. und all diese „Energieformen“ einfach weg zu „drängen/zu negieren“…
        denn erst ALLes ergibt DAS was IST..
        und wenn Gegenwärtig/Situativ keine Angst da ist…
        dann heisst das nicht – dass es sie „grundsätzlich“ nicht gibt…
        denn was weiss *ich* schon ?

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  3. fredo0 schreibt:

    Ich empfinde Angst oft einfach als ein Erleben von „heißer“ Lebendigkeit..

    es scheint mir so zu sein, dass wir/ich diese „Hitze“ so selten erleben, dass wir/ich sie dann „hilfsweise“ mit der Interpretation „Angst“ belegen..

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  4. zaungast schreibt:

    Jeder Mensch hat (zumindest unbewusst) Angst vor dem „eigenen“ Tod, solange die Identität, dieses „Eigene“ für den Körper gehalten wird, da dieser sterblich ist. Glaube ich, allein auf den Körper begrenzt zu sein, halte ich mich für sterblich und es entsteht eine vorgestellte Angst, weil ich nicht weiß (wissen kann) was „danach“ ist… soviel zur „gedachten“ Angst.
    Ich glaube aber, die wirkliche Angst betrifft den Zeitpunkt vor dem eigentlichen „Übergang“, dann wenn die „Abrechnung“ kommt und ich gezwungen werde ALLES loszulassen. Habe ich mich bis dahin (immer jetzt schon) mit dem Leben ausgesöhnt, meinen Frieden mit mir und der Welt gefunden, dann bin ich wohl auch bereit, jederzeit angstfrei zu gehen und bis zum letzten Funken perönlichen Bewusstseins dem neugierig zu begegnen, was da noch kommt (oder auch nicht)… ich glaube der Tod (das Sterben) ist eine letzte, ultimative Erfahrung als Teil des Lebens…

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  5. Elwood schreibt:

    ICH hab ne Scheiß Angst vorm Tod, dann ist doch mein ganzes Bildungs-Wissen im Arsch….

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