Joseph Campbell: alles ist heilig


kuss
Betrachtet man die Wunder und Legenden etwa der Bibel als spirituelle Metaphern, und nicht als historische Berichte, so stößt man bald zu einer Verständnisweise vor, die der christlichen Urkirche der ersten Jahrhunderte nähersteht als der Lehrmeinung der Weltkirchen, und die mit den Erfahrungen der Mystik übereinstimmen: Der Erkenntnis, dass alles Geist ist.

Eine Fokussierung auf die Wahrheit der Mystik bedeutet somit keine Infragestellung von Religion, vielmehr ermöglicht sie eine Neubelebung religiöser Weltdeutung. Die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Gott, Kosmos und Transzendenz, muss keineswegs Säkularisierung bedeuten; Sie kann im Gegenteil zu der Erfahrung führen, dass alles heilig ist — eine Erfahrung, die glücklicherweise nicht legendären Gestalten wie etwa dem indischen Mystiker Ramakrishna vorbehalten ist, sondern heute von zahlreichen Menschen gemacht wird.

Joseph Campbell  (1904 – 1987) in: Reflections on the Art of Living

Gestern erzählte mir eine Freundin von Byron Katie, für die ebenfalls alles heilig sei, was auch immer zu geschehen scheint. Kurz darauf finde ich den Text von Joseph Campbell auf Mystik aktuell.

Der Stein fiel in meinen Bewusstseinstümpel und machte seine Kringel. Ich hab’s ja schon in meinem gestrigen Beitrag angesprochen: Da ist „ein Handelnder“, „der glaubt“, dass er der Handelnde ist, und „ein Handelnder“, „der vergessen hat“, dass er der Handelnde ist. Beide sind der vollkommene Ausdruck des Einen. Weit und breit ist da kein Handelnder, sondern nur ein scheinbares Geschehen. Was macht es da für einen Sinn, von „richtig und falsch“ zu sprechen oder von „weiter und weniger weit“, von „heilig oder nicht heilig“, von „erleuchtet oder unerleuchtet“, wenn Alles eine Manifestation des Einen ist, wenn Alles das Eine ist? Dattatreya sagt in der Avadhuta Gita:

Wozu die Gottheit anrufen
oder sich niederwerfen?
Was soll die Verehrung
mit Blumen und Räucherungen? Wozu ist es wichtig,
zu meditieren
und Hymnen zu murmeln?
Wie kann es sein, dass etwas
sich selbst anbetet,
also die Verehrung einer äußeren Gottheit?

 In dem Bildchen oben küsst ein Sportler dankbar den Boden, auf dem er einen Sieg errang. Auch einige Päpste haben immer wieder publikumswirksam den Boden des Landes geküsst, das sie besuchten. „Wie kann es sein, dass etwas sich selbst anbetet?“ fragt Dattatreya. Erstaunlich, nicht wahr? „Es gibt nichts außer Gott!“ wird gesagt. „Was für eine Einsamkeit!“ wird sich mancher vielleicht denken. „Ich begegne immer nur mir – ist das nicht grauenvoll?“ Das ist natürlich der Knackpunkt schlechthin: Wenn der Ich-Gedanke nicht als Ich-Gedanke gesehen wird, wenn ihm stattdessen geglaubt wird, dann … g’hörst der Katz! Wenn über den ganzen Quatsch gelacht werden kann: Wer ist dann einsam und verlassen? Dann ist da kein fehlender Zweiter, bei dem man hoffen kann, gerettet zu werden, dann ist da einfach nur dieser Augenblick und sonst nichts.


.
Da ist niemand, der gerettet werden könnte. Da ist nicht einmal jemand, der sich wünschen würde, gerettet zu werden. Aber solange wir an dieses Ich als unsere Realität glauben, müssen wir halt noch fleißig retten oder uns retten lassen. Solange wir an dieses Ich als unsere Realität glauben, müssen wir halt noch ’ne Runde rumknutschen. Na denn – viel Vergnügen!
kuss

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7 Antworten zu Joseph Campbell: alles ist heilig

  1. Savitri schreibt:

    Lieber Nitya,
    lass dich mal knutschen für Deinen schönen Blog…
    So ein „Luxus“ hier lesen zu können…
    bin grad so „herzüberfliessend, sorry

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    • Nitya schreibt:

      „Solange wir an dieses Ich als unsere Realität glauben, müssen wir halt noch ‘ne Runde rumknutschen.“

      Irgendwie, liebe Savitri, muss dich der Satz wohl zu dieser herzüberfließenden Knutschorgie hingerissen haben.

      Gefällt mir

  2. fredo0 schreibt:

    ich mag ja mal sagen, dass man sich gar nicht (so sehr ) mit dieser „Ich-gläubigkeit“ befassen sollte, in dem sinne, zu beobachten, ob sie denn „immer noch“ geglaubt wird.

    sie wird bis zum letzten Schnaufer ( immer wieder ) geglaubt werden.
    denn sie entsteht ja immer wieder neu.
    einatmen – ein „ich“ taucht auf
    ausatmen – das „ich“ vergeht
    einatmen – ein (neues) „ich“ taucht auf
    usw
    dem ( an das ich ) glauben ( während des „Einatmens“ ) entkommt man nicht, denn besagtes „ich“ ist da dann ja unzweifelhaft (erscheinend) auch da.
    wie könnte man an dies (Erscheinende) nicht glauben ? (als Erscheinung )

    Problem ist ja nicht die „ich“gläubigkeit an sich.
    sondern deren „hypnotischer Nebeneffekt“ . der Effekt der ein (das Einatmen) überdauerndes , existierendes „Ich“ suggeriert.
    wer das „ich“ jedoch begrüßt ( kurz „glaubt“) UND gehen lassen kann, hat „nieto problemos“ .

    tja …. „wie kann ichs denn gehen lassen ?“, wird jetzt sicher von dem gefragt werden, der schon längst hätte gehen sollen…😉

    geht nich … geht nich … ( „gott sei dank“ wird der Besagte denken , und „ach wie traurig“ kommunizieren )

    tja …

    in „Direkt-Agitation“ kontra-icho funktioniert es wohl nicht ( denn da „agitiert“ ja das gleiche „geglaubte“ Ich ) , sondern dies wirkt eher noch hypnose steigernder.

    es geht ( wie ich vermute ) wohl nur über ein sanftes aber „zähes“ Anlehnen der intuitiven (bereits irgendwie „wissenden“) Ahnung vom EIGENTLICHEN.
    konstant genährt von der Erinnerung dieser „Risse in der Wirklichkeit“ ( dem Deutlichwerden von einer zugrundeliegender Leere ) , die jeder von uns als gelegentliches Ereigniss kennt.
    Dies kann eine Art Nahrung / Wegzehrung sein..
    ich hab keine Ahnung ob das bei jedem so funktioniert . Doch hab ich das bei mir ( und einigen anderen ) genau so beobachtet.
    Das sich bereits vertrauensvolle innere Anlehnen an das „Unbegreifliche“ als eigentliche Heimat scheint eine Art automatischen Magnetismus zu aktivieren, der ( womöglich ) den Widerstand mindert, der dem „Aufgesaugt werden“ entgegensteht.
    Das „Ich“ wird dieses (für ihn völlig schwachsinnige, weil kindlich naive) „Anlehnen“ ziemlich sicher in die „innere rationale Selbst-Kritik“ nehmen, doch beherzigte ich da stehts den Rat „werdet wie die Kinder, die ohne zu wissen, doch vertrauen können“ .
    Dieses (naive) Vertrauen scheint … irgendwie … zu funzen ….

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    • Nitya schreibt:

      „ich mag ja mal sagen, dass man sich gar nicht (so sehr ) mit dieser “Ich-gläubigkeit” befassen sollte, in dem sinne, zu beobachten, ob sie denn “immer noch” geglaubt wird.sie wird bis zum letzten Schnaufer (immer wieder) geglaubt werden.
      denn sie entsteht ja immer wieder neu.
      einatmen – ein ‚ich‘ taucht auf
      ausatmen – das ‚ich‘ vergeht
      einatmen – ein (neues) “ich” taucht auf
      usw
      dem ( an das ich ) glauben ( während des ‚Einatmens‘ ) entkommt man nicht, denn besagtes ‚ich‘ ist da dann ja unzweifelhaft (erscheinend) auch da.
      wie könnte man an dies (Erscheinende) nicht glauben ? (als Erscheinung)“

      Lieber Fredo, ich kann das für mich so nicht bestätigen. Ob beim Einatmen ein „Ich“ auftaucht, hängt davon ab, ob ich gerade auf den Atem achte. Wenn ich auf den Atem achte, taucht ein „Ich“ auch beim Ausatmen auf. Also ich meine, wenn ich irgendeine Atemübung praktizieren würde. Wenn ich keine Atemübung praktiziere, kann der Atem, Einatmen und Ausatmen, auch fließen ohne jeden „Ich“-Gedanken. Und wenn ich z.B. dir hier antworte, achte ich herzlich wenig auf den Atem und vergesse sogar den Schreiberling. Oder habe ich da irgendwas falsch von dir verstanden?

      Gefällt mir

      • fredo0 schreibt:

        Das immer wieder Neu-Auftauchende des „Ich“-Gedankens am Atem festzumachen, ist (zugegebenermaßen) nur Hilfsmittel der Verdeutlichung.
        Ich finde es nur recht aufschlußreich zu sehen, dass da gar kein andauerndes „Ich“ vorhanden ist, sondern nur ein von morgendlichem Aufwachen bis zum Versinken in den Tiefschlaf andauender Ich auf Ich auf Ich – Fluss .
        Genaugenommer ist das „ich“ also stets nur statisches Bild und beinhaltet keinerlei Dynamik .
        Nur die relative Ähnlichkeit von Ich zu Ich – Bild „suggeriert“ da etwas beständiges.

        Und es wäre schon hilfreich zu sehen, dass das Auftauchen des „Ich“-Bildes ein automatischer (Neben)Effekt der menschlichen Wahrnehmung ist .
        Also wird man diesem ( ! ) Ich auch nie entgehen können.

        das „Ich“ ist also stets (unvermeidliche) Mit-„Realität“ der wahrnehmung , jedoch ist es nicht „unsere“ ( ! ) Realität
        😀

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    • Elwood schreibt:

      „einatmen – ein ‘ich’ taucht auf
      ausatmen – das ‘ich’ vergeht
      einatmen – ein (neues) “ich” taucht auf“

      das ist eine meiner Empfindungen
      z.b. in Zazen-Haltung
      oder auch:
      Anspannung – Entspannung
      Ich – Rettung – Ich – Loswerdung
      AN – AUS
      das eine erscheint nicht ohne das andere
      wenn das gesehen wird –
      verlieren die Einseitigkeiten ihre Bedeutung
      Ich – Nicht Ich….
      kann man gar nicht retten oder los werden
      „Man“ sowieso nicht,
      „Man“ glaubt ja „ich“ zu sein
      oder auch nicht –
      aber wer handelt, wer glaubt dann?
      ohne Ich-Glaube – keine Glaubens-Erkenntnis
      ohne Verblendung – keine Befreiung
      das Auge, welches sich nicht selbst betrachten kann
      die Katze beißt sich in den Schwanz
      „mir“ bleibt (einfach)nur die Akzeptanz meiner Subjektiven Begrenztheit
      Kein Erfassen
      Weder Ich, noch Nicht-Ich
      Kein Nicht-Erfassen
      Sowohl Ich, als auch Nicht-Ich
      der Suchende vergisst sein Wollen nach Erhaltung, nach Befreiung
      „Meine“ Meinung relativiert(verliert) ihren Standpunkt
      die Anhaftungen
      die Filter
      werden gesehen
      nur gesehen
      ohne Bewertung
      gespürt
      ohne zu wissen…..

      leichtes kuddelmuddel
      macht ja nüscht…..
      „muss“ raus

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  3. Ingeborg schreibt:

    Lulljah-sag I.Sakrament

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