Yongjia: die wahre Natur der Unwissenheit ist Buddha-Natur selbst

ArbeiterDa ist „ein Handelnder“,
„der vergessen hat“,
dass er der Handelnde ist.

*

Siehst du denn nicht
Den in Muße lebenden Menschen des Weges,
Der Gelehrsamkeit aufgegeben hat
Und das Nichthandeln übt,
Der weder Verblendung bekämpft
Noch nach der Wahrheit sucht?
Die wahre Natur der Unwissenheit
Ist Buddha-Natur selbst;
Der leere Illusionskörper
Ist der Körper der absoluten Wahrheit.

Yongjia Xuanjue, „Zhengdaoge“

Es gibt Leute, die nehmen ein Messer und stechen damit irgendwo in die Bibel rein, öffnen das Buch und gucken, was ihnen da wieder geschenkt wurde. Geschenkt wurde ihnen in jedem Fall ein Haufen Buchstaben. Mir geht es da ganz ähnlich. Ich stolpere in meinem Messie-Raum über irgendein Buch, schlag es irgendwo auf und finde einen Haufen Buchstaben. Es muss natürlich nicht unbedingt ein Buch sein. Es könnte auch ein mit Marmelade bestrichenes Brot sein, das mir gerade auf die „falsche“ Seite gefallen ist. Und dann guck ich mir an, was mir da so durchs Bewusstsein geistert und möglicherweise tippen dann meine Finger hier irgendwas in die Tasten. Yongjia Xuanjue ist schon über tausend Jahre tot – woher soll ich wissen, was er sich dabei gedacht hat, als er das Zhengdaoge niedergeschrieben hat. Aber seine Worte erzeugen vielleicht irgendeine Resonanz in meinem Bewusstsein. Die wird möglicherweise wieder zu Worten umgeformt und erscheint dann hier im Blog. Was ich mir dabei gedacht habe, weiß ich häufig selbst nicht und ihr vermutlich noch viel weniger, auch wenn zwischen uns keine tausend Jahre liegen. Ich interpretiere also nicht Meister Yongjia, ich missbrauche ihn nur.

Ich nehme mal einen Satzteil: „Siehst du denn nicht den in Muße lebenden Menschen des Weges, der Gelehrsamkeit aufgegeben hat und das Nichthandeln übt, …“ Da ist zum Beispiel ein Wort, das für mich da nicht hineinpasst. Es ist das Wort Üben. Als ich fünf Jahre alt war, musste ich Klavierstunden nehmen und jeden Tag eine Stunde üben. Ich weiß nicht, ob heute noch die Kinder mit Carl Czerny gequält werden, ich wurde damit gequält – und ich muss gestehen, es hatte durchaus seinen eigenen Sinn. Ich könnte auch sagen, dass das Laufen-Lernen eine harte Übung ist: Aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen, … Irgendwann fällt man dann nicht mehr hin – bis man wieder mit dem Hinfallen anfängt und nicht lange danach gar nicht mehr aufsteht.

Ich hätte in dem zitierten Satzteil den Begriff „üben“ gerne ersetzt durch den Begriff „leben“: Siehst du denn nicht den in Muße lebenden Menschen des Weges, der Gelehrsamkeit aufgegeben hat und das Nichthandeln lebt, …“ Das Nichthandeln kann nicht geübt werden, weil das schon wieder ein Handeln wäre. Auch das Bekämpfen der Verblendung und das Suchen nach Wahrheit wäre ein Handeln. Also schließt Yongjia das für den „in Muße lebenden Menschen des Weges“ ausdrücklich aus.

„Die wahre Natur der Unwissenheit ist Buddha-Natur selbst; der leere Illusionskörper ist der Körper der absoluten Wahrheit.“ Was für eine wundervolle Einheit von Taoismus und Buddhismus!

ArbeiterDa ist „ein Handelnder“,
„der glaubt“,
dass er der Handelnde ist.

Beide, der da oben und der hier unten, sind der vollkommene Ausdruck des Einen. Weit und breit kein Handelnder, sondern nur „scheinbares“ Geschehen. Halleluja!


.
Und hier noch ein Schmankerl. Mal wieder ein Nachtrag zur Verschwörungstheorie.

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2 Antworten zu Yongjia: die wahre Natur der Unwissenheit ist Buddha-Natur selbst

  1. doro schreibt:

    Wenn es sowieso so ist, dass man nicht verantwortlich ist, für Tun oder Nicht-Tun, bin „ich“ froh, dass ich nicht am Straßenrand sitzen muss und Nichts-Tun leben oder üben muss, sondern durch’s Leben laufe und mache und tue und Menschen kennen lerne und Sachen erlebe und Grenzen erfahren und Zusammenhänge begreife. Ausserdem verstehe ich das unter dem Sinn des Lebens, nämlich Erfahrungen und Erlebnisse zu erleben, lieber in vollen Zügen dabei als nichts tuend im Nichts. Es ist die Idee, dass, wenn es schon so erscheint, dann auch so gelebt werden soll. Wenn ich schon diesen Traum erleben soll, darf oder muss, dann auch wirklich und ganz und gar. Und wie befreiend die Idee, dass es sowieso keinen Unterschied macht, weil meiner Meinung nach echte, wirkliche Erleuchtung hier auf der Erde sowieso nicht erlangt werden kann (spätestens ein paar Zahnschmerzen erinnern, wie ich finde, an die Aufgabe, sich ganz und gar auf das einzulassen, was sich mir bietet). Das einzige, was man mitnehmen kann ist, dass man die Wellen des Lebens leichter hinnimmt und jedenfalls meine Neugier auf das, was danach kommt immer mehr wächst.

    Ich bin leider eigentlich viel zu ungebildet für eine echte Diskussion, aber was sagen denn die Philosophen, was ist denn der Sinn dieser Erscheinungen, dieser Illusionen, warum erkennen die Menschen denn nicht auf Anhieb, dass nichts ist, oder alles ist, oder alles zusammen ist… Meine Höhe Überzeugung ist, dass alles perfekt ist, wie es ist, meine Versuche, zu verbessern, begründen sich auf einem tiefen Unverständnis der Art der Dinge und ihrer Zusammenhänge.

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  2. Bea schreibt:

    ..sich in *etwas üben* empfinde ich immer so wohltuend… vielleicht ein wenig „unverbindlich“… dennoch treffend für *das nicht-wissen*… denn das Üben zeigt für mich an… „ich“ weiss nicht wie es geht – „ich“ kann das nicht…. also ist *sich in etwas üben* für mich beFREIend….

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