Ikkyû Sôjun: vielleicht …

Windglocke
Sehen und Hören –
Wahrnehmung unserer Sinne
Ist ohne Grenze und Übergang.
Glockenton im Wind,
Wohltuend rein,
Kristallklar klar –
Vielleicht
Erleuchtete ein Windglöckchen
Den emsigen Fuke.
Da baumelt es über dem Eingang,
In Harmonie mit dem Wind,
Ein klingendes Kleinod.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Ich habe auch praktiziert. Man höre und staune. Jeden Morgen runter in den Betsaal zur Morgenandacht. Vor und nach jedem Morgen-, Mittag- und Abendessen ein Gebet. Jeden Abend runter in den Betsaal zur Abendandacht. Natürlich jeden Sonntag in die Kirche. Und weil das noch nicht genügte, jeden Tag Chorprobe, in der wir vorzugsweise Motetten zur höheren Ehre Gottes sangen. Gestern hat mich ja der Herr Ikkyu II. ganz hochnotpeinlich befragt ob mir bewusst sei, „dass Hui-Neng und Hui-ming ‚Praktizierende‘ waren, also Leute, die intensive Chanpraxis (Zazen) ausführten.“ Ja, ist mir bewusst, antworte ich pflichtschuldigst. Mir ist auch bewusst, dass mich die freundliche Frage irgendwie an die Art der Fragen der Pfaffen aus meiner Kindheit erinnert. So schön hinten rum. Fast, als sollte ich ein schlechtes Gewissen haben. Entweder weil ich so uninformiert in Bezug auf die Praxis der genannten Herren bin oder weil ich immer noch nicht begriffen habe, dass nur intensive „Chanpraxis (Zazen)“ zum Erfolg führen kann. Also, was die beiden Herren betrifft, ist mir ihre Praxis ziemlich schnuppe. Ich vermute, sie haben auch täglich ihre Notdurft verrichtet. Ob im Lotussitz oder „normal“ wurde nicht überliefert. Ob das ihrer Erleuchtung dienlich war, entzieht sich leider auch meiner Kenntnis. Meine eigene Praxis in einem sehr evangelischen Internat hat mich vor allem eines gelehrt: Mich gegen jede Praxis zu wehren, die irgendetwas bewirken soll. Wenn ich mich recht erinnere, soll Buddha auch viele Jahre weiß der Geier was praktiziert haben, bis er die Sinnlosigkeit seines Strebens eingesehen hat. Wahrscheinlich war sein Körper schlauer als sein Verstand und hat einfach nicht mehr mitgespielt. Manche sehen es halt früher ein und mache später und manche überhaupt nicht. Die sitzen sich dann auch noch im Pflegeheim den Hintern platt und hoffen, dass sie dafür zumindest im nächsten Leben belohnt werden. Na ja, ist immer noch besser, als Ungläubige zu meucheln in der Hoffnung auf möglichst viele Jungfrauen im Paradies.

Ikkyû Sôjun sinniert: „Vielleicht erleuchtete ein Windglöckchen den emsigen Fuke.“ Ja, vielleicht. Wenn er sich nicht gerade wieder mit „Praktizieren“ ablenkt.

GlockeEin Arhat,
Der sich aus dem Staub erhob,
Von den Buddhaländern
Weit entfernt,
Fand er
Die große Weisheit.
Ich kann nur lachen
Über Manjusri,
Der Mantren rezitierend
Jene jugendlichen Freuden
Ganz verdarb.

Ikkyû Sôjun, wie oben

l

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10 Antworten zu Ikkyû Sôjun: vielleicht …

  1. Elwood schreibt:

    Nur ein Gedanke

    Ich schaue auf den Leichnam des Werdenden
    Keine Trauer
    Kein Gestorbener
    Kein Geborener
    Keine Existenz
    Nur ein Gedanke

    Gänse ziehen über das Haus

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  2. Marianne schreibt:

    Meine eigene Praxis in einem sehr evangelischen Internat hat mich vor allem eines gelehrt: Mich gegen jede Praxis zu wehren, die irgendetwas bewirken soll.

    Lieber Nitya,

    das scheint mir der „K(n)ackpunkt“, das „um zu“… (= die intendierte Wirkung.)
    Allerdings nimmst du ja auch deine Herz-Tropfen, um (uns weiter munter erhalten) zu (bleiben) …
    Das tust du aber vermutlich frei-willig.
    Manche Leute praktizieren auch frei-willig, weil sie einfach gerne so ihre Zeit verbringen und nicht anders …
    Ich „praktiziere“ schon auch, um auf meine Befindlichkeiten Einfluss zu nehmen (also eine bestimmte Wirkung zu erreichen): Wenn ich schlecht gelaunt bin und dann eine Stunde im Wald herum laufe, ist diese Stimmung meist verflogen …🙂

    Mit einem herzlichen Gruß
    Marianne

    P.S. Ich praktiziere übrigens auch, um „Schattenaspekte“ zu wandeln .. Aber wie das geht, verrate ich nicht – es ist das große Geheimnis der „Alchemisten“. Letzendlich soll ja da immer etwas „Schmutziges“ zu Gold werden.😉

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Marianne,

      ich putze mir mit zunehmendem Alter meine Zähne immer gründlicher, um nicht wieder eine von diesen schmerzhaften Zahntaschentzündungen zu kriegen. Meine Güte, was mach ich nicht alles den lieben langen Tag, um zu …

      Im Gedicht von Ikkyû Sôjun geht es um Erleuchtung oder die Erkenntnis der Wirklichkeit oder das Buddha-Wesen. Hier ist jedes „um zu“ vergebliche Liebesmühe.

      „Wozu verbringt Ihre Eure Zeit mit Sitzen?“, fuhr Meister Huai-Rang fort. „Wollt Ihr Euch die Zen-Lehre ersitzen oder damit ein Buddha werden? Wenn es sich um die Zen-Lehre handelt, so tut es nichts, ob Ihr sitzt oder liegt. Handelt es sich aber um das Buddha-Wesen, so gibt es dafür keine bestimmte Verhaltensart. Die Dinge ändern sich unaufhörlich; wie sollte es da eine feste Regel geben? Doch mit Eurem ewigen Sitzen tötet Ihr nur Buddha in Euch. Nie werdet Ihr damit das Buddha-Wesen erlangen.“

      Einen herzlichen Gruß
      Nitya

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  3. Jens Gantzel schreibt:

    Wunderbar!
    Danke, lieber Nitya.🙂
    Deine Worte passen primissimo zu meinem Urlaubsbeginn!🙂

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  4. fredo0 schreibt:

    als es losging war ich 14 Jahre jung.
    ich hatte gerade Herrn Hesse und sein Glasperlenspiel entdeckt und darin von einem gelesen, den die Ich-Figur traf, der nur ein Buch hatte, das ihm genügte.
    Dies Buch musste ich natürlich haben.
    Es nannte sich I Ging und es war der Startschuss meiner Reise ins „Tao-land“ .

    Mein bester Freund war zur gleichen Zeit ins „Buddhistische“ geraten, was ihn unter anderem später auch 13 Jahre nach Tibet führen sollte und ihn heute zu einem international renommierten Fachmann für tibetische Ikonographie gemacht hat.
    Auf eines war ich da anfangs neidig , der hatte gleich seine Praxis, seine Rituale , und ich ?
    Ich konnte nur den Dingen in ihrem Lauf lauschen …..
    ganz schön langweilig das, für einen tatenhungrigen jungen Sucher..

    Also wurde, natürlich, auch rechts und links des „Tao-Landes“ geschaut, und die Angebote der Erlangungs-Praxis durchprobiert. Von Drogen wie LSD und Peyote über Trance und Prana-Meditation und extremste Yogatechniken wurde da alles erprobt.
    Was mir jedoch zu Pass kam ( wie ich es jetzt sehe ) , war die angeborenen Tendenz zum Genuss und gepflegter Faulheit.
    Und, ganz anders als die selbstquälende Asketenhaltung meines Freundes ( Sonne im Steinbock ) , war ich ( Sonne im Stier ) von einer dem Oppulenten sehr gewogenen Genusshaftigkeit geprägt, und damit alles andere als ein gerne In-Versenkung-Rumsitzer.
    Also wurde da zwar mal schnell ein wenig an-meditiert ( um der Sache genüge zu tun ) und dann lieber wieder die ( vor allem weibliche ) Fülle der jungen Jahre genossen.
    So war ich überzeugt, dass mir diese „Erleuchtung“ niemal vergönnt sein würde. ( Warum sich dann noch mit dieser Meditiererei quälen ? ) .
    Was mir jedoch keine Ruhe ließ, und mich seit Anbeginn meiner erinnerten Lebenszeit schon immer umtrieb, und auch weiter in der beginnenden Aufbauzeit der Familie seine Dominanz behielt, war diese „Ausrichtung an ABSOLUT“. Obwohl dies mir immer nur Ahnung blieb, erwies sich gerade diese „Ausrichtung“ als der beste Ratgeber meines mehr als turbulenten Lebens.

    letztlich war es auch diese „Ausrichtung“ , dieses alles dominierende Interesse „was ist dies alles hier eigentlich“ was mich auf „die Suche“ schickte, und nicht ein persönliches Erweiterungsersehnen in Richtung „Erleuchtung“ .
    Hätte mir jemand in der einen Hand „meine Erleuchtung“ angeboten, und in der anderen “ einen kurzen Moment des Erkennens von dem was „eigentlich“ ist“ , wäre meine Wahl sicher gewesen.

    Tja … und … nicht anders hat es sich ereignet.

    zurück im Leben , was nie verlassen wurde, hat sich das „eigentliche“ irgendwie „gefüllt“ , wenn auch nach wie vor unwörterbar, und diese „Erleuchtung“ ist mir nach wie vor unerklärlich. .

    Und jetzt, seit einigen Jahren schon, beginnt etwas bemerkenswertes .
    Ich bemerke immer öfter verblüfft, da ist ja Meditation !
    Ich sitze , und lass es mir und der Welt gut gehen, in dem ich … einfach …. in Stille sitze..
    Diese über-flüssige „Praxis“ beginnt über zu fliessen aus dem Überfluss des stinknormalen Alltags.

    Tja … manche Kreise schliessen sich auf verblüffenden Wegen .

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    • Nitya schreibt:

      „die selbstquälende Asketenhaltung meines Freundes ( Sonne im Steinbock )“

      Lieber Fredo, ich hab auch die Sonne im Steinbock und siehe da, mir geht’s da nicht anders als dir: „Was mir jedoch zupass kam …, war die angeborenen Tendenz zum Genuss und gepflegter Faulheit.“ Genau deshalb fühlte ich mich auch von Anfang an wie du bei den ollen Taoisten zuhause. Insofern waren mir auch die Chinesen immer näher als die bisweilen doch sehr martialischen Japaner.

      „Ich bemerke immer öfter verblüfft, da ist ja Meditation! Ich sitze , und lass es mir und der Welt gut gehen, in dem ich … einfach …. in Stille sitze.. Diese über-flüssige “Praxis” beginnt über zu fliessen aus dem Überfluss des stinknormalen Alltags.“

      Das gefällt mir gut.

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