Hui-neng: Gefesseltsein von der Lehre

gefesseltWenn der ursprüngliche Geist erkannt wird, ist das bereits Befreiung. Der Befreiung teilhaftig sein ist der Samâdhi der Prajñâ, und das ist Nicht-Gedanke. Was ist Nicht-Gedanke? Wenn man alle Dinge sieht, ohne dass der Geist davon festgehalten wird, ist das Nicht-Gedanke. Sein Wirken durchdringt jeden Ort, ohne irgendwo anzuhaften. Einfach den ursprünglichen Geist reinigen (in seiner Soheit wirken lassen) und die sechs Arten von Bewusstsein durch die Sechs Tore entweichen lassen (wirken lassen) – dann gibt es inmitten der Sechs Arten des Staubs weder Befleckung noch Unordnung, und Kommen und Gehen sind frei, ungehindert und ohne Stockung. Das ist der Samâdhi der Prajñâ. Die natürliche, freimütige, von nichts befangene Handlung wird das Wirken des Nicht-Gedankens genannt. Gar nichts zu denken und die Gedanken zu vernichten, ist ein Gefesseltsein von der Lehre (von begrifflichen Vorstellungen) und wird vorgefasste Meinung genannt.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

„Gar nichts zu denken und die Gedanken zu vernichten, ist ein Gefesseltsein von der Lehre (von begrifflichen Vorstellungen) und wird vorgefasste Meinung genannt.“ Wenn Seng-ts’an sagt „Suche nicht nach dem Wahren, hör’ nur auf, Meinungen zu hegen.“, dann meint er damit auch beispielsweise das Glauben an die Anatta-Lehre Buddhas. Diese Lehre kann wie Hypnose wirken, wenn sie geglaubt wird, anstatt als Hinweis und als Aufforderung verstanden zu werden, die Aussage zu verifizieren. „Ist es wahr, dass da kein beständiges Selbst existiert?“ … „Wer bist du wirklich?“ …

Spielt es überhaupt eine Rolle, ob an die unbefleckte Empfängnis, wie sie die christlichen Kirchen lehren, geglaubt wird oder an die Anatta-Lehre Buddhas? Lehren sind erst einmal nichts als begriffliche Vorstellungen, die zu vorgefassten Meinungen werden, wenn ihnen geglaubt wird. Deshalb wird gesagt: „Seit Buddha seinen Mund aufmachte, ist die Erde mit Dickicht überwachsen.“ Und: „Triffst du Buddha unterwegs, töte Buddha!“ Glauben bedeutet, angeblich die Wahrheit zu wissen, bedeutet, in tiefer Hypnose zu sein, ohne darum zu wissen. Mir ging es schon immer auf den Keks, wenn jemand mit erhobener Stimme zelebrierte: „Aber Jesus hat gesagt, …“Jesus oder Osho oder Ponjaji oder weiß der Geier wer. Was nützen mir die Offenbarungen irgendwelcher Typen, wenn sie nicht meine Erfahrungen sind? Meine Erfahrungen nützen mir zwar auch nichts, aber es sind wenigstens meine Erfahrungen.

Meine Erfahrungen, z.B.: dass alles in gleißendes Licht explodiert und nur noch reine Liebe ist. Na und? Da kann ich mir nicht einmal ein Ei drauf braten. Das was für Buddha gilt, gilt auch für „mich und meine Erfahrungen“. Triffst du darauf, töte es auf der Stelle. Und bastele um Gottes willen keine neue Lehre daraus! Töte alles! Ab in den Papierkorb!

DattatreyaBrahma, Vishnu, Shiva – Alles erscheint, verweilt für einen Augenblick und verlischt, dargestellt etwa als der dreiköpfige Dattatreya. Es ist eine einzige Bewegung; wenn an einem Teil dieser Bewegung festgehalten wird, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Kreieren, bewahren, zerstören. Die Gläubigen aller Länder haben sich zwar, Gott sei’s geklagt, vereinigt, aber sie kreieren nichts und sie zerstören nichts. Das Einzige, was sie fertig bringen, ist, ihre angeblichen Besitztümer zu pflegen und zu verteidigen. Sie sind richtige Lordsiegelbewahrer geworden, Verteidiger der „wahren“ Lehre. Zum Kotzen langweilig. Was sie nicht sehen, ist, dass sie gegen die ewigen Gesetze immer verlieren. Shiva lacht nur über ihre absurden Bemühungen und lässt von Zeit zu Zeit ihr ganzes Traum-Kartenhaus mit Krawumm zusammenkrachen.

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Eine Antwort zu Hui-neng: Gefesseltsein von der Lehre

  1. Brigitte schreibt:

    Die Liebe möchte uns ergreifen
    und mit uns raufen,…
    … all unser Teegeplauder
    über Gott zerschlagen.

    Besässest du den Herzensmut
    und könntest dich der Wahl
    des Geliebten überlassen,…
    … ER würde dich, in manchen Nächten,
    an deinen Haaren packen und
    um die Kammer schleifen,…
    … ER würde deinem Klammergriff
    all dieses Spielzeug entreißen,
    das dir keine Freude bringt.

    Die Liebe ist es manchmal leid,
    in süßen Worten nur zu reden
    und möchte deine irrigen Ideen
    der Wirklichkeit in kleine Stücke reißen,…
    weil sie dich immer nur dazu verleiten,
    gegen dich selber anzukämpfen,
    liebes Kind, und gegen andere.
    Die Welt vergießt deshalb zu viele Tränen
    an manchem wundervollen Tag.

    Gott will uns niederringen, uns in
    ein winzig kleines Zimmer schließen,
    nur wir und ER,
    und seinen Wurf an uns probieren.

    Manchmal möchte der Geliebte
    uns einen großen Gefallen erweisen:
    uns nehmen und kopfüber baumeln lassen
    und allen Unsinn aus uns schütteln.
    Sobald wir aber hören, dass ER in einer
    solch verspielten Stimmung ist,…
    … macht sich ein jeder, den ich kenne,
    schleunigst aus dem Staub.

    (Gedicht von Daniel Ladinsky)

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