Huang-Po: Leidenschaften sind das Erwachen

 

LDDie Idee, wir müssten uns vom Körper, von der Sinnlichkeit und den Leidenschaften loslösen, beruht auf unserer Furcht vor dem Leben und unserer Unfähigkeit, mit dem Fluss der Welt mitzufließen. Der Buddhismus ist keine Flucht aus der Welt, er ist vielmehr das Leben selbst in all seiner Vielfalt und seiner Pracht. Die Übung kulminiert in der Freude. Wo keine Freude ist, da gibt es auch keine Übung. Wo keine Freude ist, sind wir gelähmt, sind wir Konformisten, die von den Lehren vergiftet wurden. Huang-po sagt uns, dass die Leidenschaften das Erwachen sind. Er spricht von den „Hörern“, die die Verkündigung der Vier Edlen Wahrheiten gehört haben und die sich deshalb von der Welt der Leidenschaften und des Leidens abwenden, denen es aber nicht gelingt, „sich in der Erleuchtung zu verstecken, da sie das Erwachen nicht finden, weil sie die Leidenschaften ausgeräumt haben“.

Die Lehren von Meister Huang-po sind uns in einem großartigen Text erhalten, den zu meditieren ich Ihnen raten möchte. Er wischt alle Interpretationen eines weichlichen, puritanischen und frommen Buddhismus beiseite. Die Ch’an-Meister sind Drachen und Löwen. Sie errichten keine Schutzwälle gegen das Leben, sondern tauchen ganz und gar in das Leben ein. Mein erster Meister, Kalu Rinpoche, pflegte zu sagen, dass dort, wo die Leidenschaften am größten sind, die Erleuchtung am tiefsten ist. Der Buddhismus ist allzu lange von Puritanern geprägt worden – man hat ihn seiner lodernden Qualität beraubt. Man hat eine Art puritanisches Christentum daraus gemacht, eine langweilige, zögerliche, äußerlichen Formen huldigende und moralisierende Lehre. Doch wie sagte schon Meister Foyan Quinyuan: „Ich lasse nicht zu, dass man unterdrückt, was frei ist.“

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“
DLSo haben wir den Buddhismus am liebsten. Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, der milde lächelnd friedlich-weise Worte spricht. Die Christen sind begeistert und wünschen sich wohl insgeheim so ein Kirchenoberhaupt für sich. Im Thomas-Evangelium tritt uns ein ganz anderer Jesus gegenüber, einer der u.a. sagt: „Die Menschen denken wohl, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Welt zu bringen. Und sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, um Zerwürfnisse auf die Erde zu bringen, Feuer, Schwert, Krieg.“ Kein herzliebes Jesulein, sondern ein Drache, ein Löwe, ganz wie die alten Ch’an-Meister.

Alle Kirchen, alle Parteien, alle Organisationen kastrieren früher oder später ihre „Hörer“, ihre Anhänger, ihre Schäfchen. Keiner traut sich mehr, allein da zu stehen, Fehler zu machen und sündig in den Augen der Bonzen zu werden. Diese Haltung hat absolut nichts mit dem zu tun, worum es den alten indischen und chinesischen Patriarchen ging. Sie hätten sich nie einer Doktrin gebeugt. Sie waren allesamt aufmüpfige Anarchisten, für die nichts galt, was nicht selbst erkannt war. Sie waren Originale und keine Abziehbildchen. Was ist denn etwa der Buddhismus oder das Christentum heute im Allgemeinen anderes als eine „puritanische, langweilige, zögerliche, äußerlichen Formen huldigende und moralisierende Lehre.“

„Kalu Rinpoche, pflegte zu sagen, dass dort, wo die Leidenschaften am größten sind, die Erleuchtung am tiefsten ist.“ Was ist von dem Ch’an dieses leidenschaftlichen Ikkyû Sôjun übrig geblieben? Heute begrüßt man sich freundlich mit „Namaste“ und zündet ein Räucherstäbchen an und lauscht friedlicher Mediationsmusik. Das soll dann so was wie Buddhismus sein. Namaste – kann sich das Formlose wirklich in der Form des Gegenübers erkennen? Vollzieht sich bei dieser Grußformel wirklich das, was im Christentum ursprünglich mit dem Wunder der Wandlung im Abendmahl gemeint war? Oder ist es einfach nur bigottes Blabla, verlogene Heuchelei ohne jede Tiefe und Kraft? Egon Bahr sagte zu seinen jugendlichen Zuhörern: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Die Pfaffen unterscheiden sich in nichts von den Politikern. Es geht lediglich um ihre Interessen. Welches Motiv hatten die alten Rishis oder Patriarchen? Nun, ich hoffe keines außer, dass es ihnen einfach Spaß machte, ihr Lied zu singen.
Z

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8 Antworten zu Huang-Po: Leidenschaften sind das Erwachen

  1. Marianne schreibt:

    WOW, welch eine „Ansprache“ – so voller Leidenschaft …😉

    Im Englischen Wort „passion“ kommt das für mich noch besser zum Ausdruck, welch kreative Energie in unseren Leidenschaften steckt: Ohne „passionierte“ Schachspieler, Sportler, Gärtner, Unternehmer, Gründer … und vielleicht auch „spirituelle Sucher“ würde die Welt doch im Mittelmaß dahin dümpeln! Klar, dass bei einer solchen Energie auch mal Porzellan zerbricht …😦

    Diese Sichtweise auf die An-Triebe des Leidens gefällt mir auch sehr gut🙂

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  2. Eno Silla schreibt:

    vollkommen ahnungslos
    überwältigt mich
    diese schrecklichschöne welt

    es gibt nichts
    woran ich mich festhalten könnte
    dies zu wollen ist leid

    nichts das alles ist
    ist schrecklichschöne
    realität

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