Sri Dattatreya: der dritte oder der vierte Zustand

3-4Es macht keinen Unterschied
zwischen Wesentlichem
Und Unwesentlichem,
zwischen Leere oder Fülle.
Wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das alles,
wie soll es da unterscheiden,
was an erster oder
letzter Stelle steht?

Wenn es nicht unterscheidet
zwischen Einheit und Getrenntheit,
zwischen dem Wissenden
und dem Wissen,
wenn die Wirklichkeit eins ist,
von ewiger Dauer, alles erfüllend,
das All und das Alles,
wozu soll ihm dann der dritte
oder der vierte Zustand gut sein?

aus: Sri Dattatreya, “Avadhuta Gita”

„Wenn die Wirklichkeit eins ist, von ewiger Dauer, alles erfüllend, das All und das alles, …“ wie könnte es irgendetwas geben, das außerhalb davon ist? Der Gedanke „ja aber was nützt mir denn das, für mich ist das nur graue Theorie, ich erlebe das nicht, soll ich das denn jetzt einfach glauben oder gibt es nicht doch einen Weg, wie ich dahin kommen kann, …“ geistert immer wieder durch die Köpfe der Sucher und führt in sog. spirituellen Foren zu heftigen Diskussionen.

Die Avadhuta Gita ist absolut radikal in ihrer Aussage. Wenn sie fragt: „Wozu soll der dritte oder vierte Zustand gut sein?“ könnte ich weiterfragen: Wozu soll überhaupt irgendeine „spirituelle“ oder gar psychotherapeutische Arbeit gut sein? Ist es nicht immer eine Arbeit an der Person, für dich ich mich irrigerweise halte? Und ich könnte weiterfragen: Ich habe mir gerade mal wieder eine heftige Zahntaschenentzündung angelacht. Soll ich nun zum Zahnarzt gehen oder nicht? Schließlich arbeitet der ja nur an diesem Körper herum, für den ich mich halte oder auch nicht. Meine Antwort ist: Ich bin gestern zum Zahnarzt gegangen. Und: Für „es“ macht es keinen Unterschied, ob ich zum Zahnarzt gehe oder nicht. Und – um mit Dattatreya zu sprechen: „Was klagst du also, wenn alles eins ist?“ – klagst oder streitest stundenlang über dieses Thema herum? Ob ich nun zum Zahnarzt gehe oder nicht, nichts ist außerhalb von diesem „eins“. Kein richtig, kein falsch, nur das, was gerade auftaucht.

Weil das ja hier in letzter Zeit ein paarmal erschien: Ist Schattenarbeit nun eine notwendige Voraussetzung, um zu erwachen oder erleuchtet zu sein? Für „es“ ist das pottpiependeckelegal. Erleuchteter als „es“ kann ganz sicher nix sein, und außerhalb von „es“ ist, wie gesagt, nix. Es besteht also nicht die geringste Notwendigkeit, irgendetwas zu tun, „um zu“ … es ist bereits alles vollkommen. Jedes scheinbar absichtliche Tun, „um zu“ … geschieht immer aus der Vorstellung heraus, eine Person zu sein, die Vollkommenheit erreichen will. Das ist der grundlegende Irrtum, der Irrtum der Trennung.

Trotzdem geschieht genau das, dass seit undenklichen Zeiten scheinbare Wesen genau das zu wollen scheinen, dass sie vollkommen werden wie Gott. Dass sie also etwas werden wollen, was sie schon längst sind. Und da sie ja nur scheinbare Wesen sind, ist es genau das, was „es“ kreiert. Warum machte es „Klick!“ bei mir, als ich mit 18 Jahren Meister Eckhart las? Ich bin unschuldig an diesem „Klick!“. Warum schlug ich mich mit Meditation herum und wollte unbedingt erleuchtet werden? Ich bin unschuldig daran. Warum sagte alles „Ja!“ in mir, als ich „meinem“ Butz begegnete. Auch daran bin ich völlig unschuldig. Warum begleitete mich „das Thema“ mein ganzes Leben lang? Wieder bin ich unschuldig. Warum machte ich ausgiebig Schattenarbeit? Keine Ahnung. Warum war irgendwann die Suche weg? Keine Ahnung. Ich hab überhaupt von nix eine Ahnung.

War jetzt also irgendetwas notwendig zu tun, um von A nach B zu kommen? So ein Quatsch! Was immer „ich“ getan habe, war einfach das, was geschah. Wenn Vaihinger sagt: „Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, nicht der Handelnde zu sein!“ und ich die „Anweisung“ rausnehme, dann bleibt nur übrig: Ich habe keine Wahl, zu handeln oder nicht zu handeln, unabhängig davon, ob ich glaube, der Handelnde zu sein, oder ob ich das nicht glaube.

lindenbaumUnd friedlich rauscht die Linde.


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Sri Siddharameshwar Mahara aus der Linie der Nath-Gurus, die sich auf Sri Dattatreya beziehen, der Guru Nísargadattas, sagte: „Wenn du dich selbst ein Individuum nennst, wirst du zu einem Individuum, und wenn du sagst, dass du Gott bist, wirst du und bist du tatsächlich Gott.“ Ist das eine Methode oder eine Feststellung? Blöde Frage.

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Eine Antwort zu Sri Dattatreya: der dritte oder der vierte Zustand

  1. fredo0 schreibt:

    ich habs ja gerne mit Worten …

    wenns im Gespräch an den Punkt kommt, den der obige Text anspricht, und der ja tatsächlich während einer „persönlichen“ Suche unbegreiflich ist ( später ja immer noch, dann weiß man halt nur , „anyways no chance“ und dies ohne jeden Zweifel, und man vermag dann lediglich hoffentlich genau dieses Zweifellose als eigentliches „Wissen“ zu sehen ) , also wenn es dazu kommt, dann benutze ich gerne die Vokabel Be-sonderung (bzw. Besonderheit) als Hinweis.
    Egal ob da erster, zweiter, dritter, vierter, fünfter oder 15ooo.ter Zustand . ist dies völlig egal , solange diesem Zustand keine Be-Sonderung vom „Zu-ständigen“ verpasst wird, solange er also nicht vom Fluss des Lebens ab-ge-sondert wird.
    Bei unserer Kanufahrt durch den Grand-Canyon des Lebens auf dem wilden Colorado-River ist es einfach klug mit-zu-schwimmen mit der Strömung … und doch nicht zu vergessen, klug die Ruder des Kanu zu benutzen, um dieses Strömungsgeschehen mit-zu-gestalten. Ohne jedoch dabei wieder eigenes Handeln zu be-sondern ( als „eigener“ Wille ) zu sehen, sondern auch dieses „mit“ agieren als Teil des Strömungsgeschehens zu sehen.
    In diesem Erleben der Strömung gibt es eigentlich gar keine „Zustände“ … ( wo käme da je etwas zu-Stande ? ) sondern nur Fluss …. wo wäre da dann die Relevanz eines dritten oder vierten Zustandes ?

    P.S.. der im Text erwähnte Passus „wofür es >gut sein solle“ betont ja genau diese Be-Sonderung in Erwartung.

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