Hui-neng: Buddhismus ist die Lehre von der Nicht-Zweiheit


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Hui-neng: Es gibt nichts, was er [Hung-ren] übermittelt hätte. Es kam nur auf die Einsicht in das eigene Wesen an. Versenkung und Erlösung (und sonstige „buddhistische“ Fragen) wurden nicht erörtert.

Yin-tsung fragte: Warum wurden Versenkung und Erlösung nicht erörtert?

Ich antwortete: Weil dies eine Betrachtung von Gegensätzen wäre und nicht Buddhismus. Buddhismus ist die Lehre von der Nicht-Zweiheit.

Yin-tsung fragte weiter: Was ist die Lehre der Nicht-Zweiheit im Buddhismus?

Ich antwortete: Ihr haltet doch Vorträge über das Mahāparinirvāṇa Sūtra, das eine Sūtra über die Offenbarung des Buddha-Wesens, die Lehre der Nicht-Zweiheit im Buddhismus ist. Im Mahāparinirvāṇa Sūtra sagt der Bodhisattva Gunarjan zu Buddha: Ist die gute Wurzel, das Buddha-Wesen, von jemandem, der die Vier-Kapitalverbrechen begeht, oder von jemandem, der die fünf Totsünden begeht, oder von einem Glaubenslosen abgeschnitten oder nicht?“ Der Buddha antwortete: „Es gibt zwei (Ansichten über) gute Wurzeln. Die eine ist Beständigkeit, die andere Unbeständigkeit. Buddhawesen ist aber weder Beständigkeit noch Unbeständigkeit. Darum ist (diese Wurzel) nicht abschneidbar. Deshalb wird es (die Lehre der) Nicht-Zweiheit genannt. Es gibt (in den Vorstellungen der Menschen) Gut und Schlecht. Aber das Buddha-Wesen ist weder gut noch schlecht. Deshalb wird es Nicht-Zweiheit genannt. Bei den Skandhas und den Dhātus sieht der gewöhnliche Mensch die Zweiheit. Der Weise jedoch durschaut völlig, dass deren Wesen Nicht-Zweiheit ist. Das Wesen der Nicht-Zweiheit ist in seiner Soheit Buddha-Wesen.

aus: Hui-neng: „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

Hung-ren erörtete keine „buddhistischen“ Fragen. Es fing an mit der Blume in Buddhas Hand und Mahakashypas Lachen. Unmittelbare nicht-intellektuelle Einsicht. Hui-nengs Meister Hung-ren trug dieses Licht weiter, wobei es nichts gab, was er hätte übermitteln können. „Versenkung und Erlösung (und sonstige ‚buddhistische‘ Fragen) wurden nicht erörtert.“ Buddhistisch in Tüttelchen. Denn Buddhismus ist die Lehre von der Nicht-Zweiheit, wie Hui-neng betont. Versenkung, Erlösung und sonstige Fragen führten alle von der Nicht-Zweiheit weg. Mit dem zweiten indischen Patriarchen begann die Arbeit am Weg der Beständigkeit: Versenkung, Erlösung und sonstige „buddhistische“ Fragen standen auf der Tagesordnung. Ganz im Sinn von Hui-neng sagte Ikkyû Sôjun seinen hoffnungsfrohen Schülern:

Ich würde gerne irgendetwas anbieten,
um Dir zu helfen,
aber im Ch’an haben wir überhaupt nichts.

So’n Pech aber auch! Kein Futter für den Verstand. Eine Blume in Buddhas Hand – es ist wie ein Test: Du erfasst es unmittelbar oder der Moment ist verpasst und du hockst wieder trostlos in deinem Verstand herum und sinnierst über den Ausweg herum.

„Das Buddha-Wesen ist weder gut noch schlecht. Deshalb wird es Nicht-Zweiheit genannt.“ Vegetarische Ernährung ist gut, Fleisch essen ist schlecht. Askese ist gut, Lebenslust ist schlecht. Ehre deinen Vater und deine Mutter, ist gut, behandle sie wie Idioten, ist schlecht. Usw. usw. … das lässt sich beliebig ausweiten. Mit all diesem dualistischen Zeugs hat Buddhismus, wie ihn die ollen Ch’an Patriarchen verstanden, absolut nichts am Hut. Der ganze moralinsaure Brei wurde immer erst dann angerührt, wenn die Botschaft der Ch’an-Meister in Vergessenheit geraten war.

Die Streitgespräche der alten Ch’an-Meister sind legendär. Jedes Wort ein Test. Ein wahres Freudenfest, wenn auf beiden Seiten der Test „bestanden“ wurde und die Kontrahenten ein kleines Freudentänzchen aufführen konnten. Der Test war kein Test im herkömmlichen Sinn, sondern die Hoffnung, dass Buddhas Blume in möglichst vielen Menschen immer noch blühte. Das Leben ist ein einziger Test. Als ich den Einbrecher mit seinem Stemmeisen an der Terrassentür überraschte, war keine Zeit, um nachzudenken über Gut und Böse. Handle unmittelbar jetzt oder geh baden! Genauso ist es mit der Blume Buddhas.

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11 Antworten zu Hui-neng: Buddhismus ist die Lehre von der Nicht-Zweiheit

  1. Prem Kasina schreibt:

    da fällt mir jetzt nur liken ein und da ich mich nicht auch noch registrieren will, like ich mal einfach so:🙂

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  2. Savitri schreibt:

    Diese Einbrechergeschichte würde mich noch interessieren…

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    • Nitya schreibt:

      Nitya ertappt Einbrecher mit Brecheisen an der Terrassentür – stop – Nitya vergisst, dass er (damals) 71 Jahre alt ist und der Einbrecher ein junger Kerl mit einer Brechstange – stop – Nitya verfällt in einen wahren furor teutonicus und rast brüllend auf den Einbrecher zu – stop – Einbrecher vergisst, das er ein kräftiger junger Mann ist und eine Brechstange in der Hand hält und haut ab wie Blitz – stop und Ende

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      • Elwood schreibt:

        Das wird böse enden…
        Der Einbrecher war schwer traumatisiert…
        Er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben…
        Seine Kinder kamen in Heim….
        Und lernten dort schwere Jungs mit Feuerwaffen kennen…
        Ein schwerer Bandenkrieg begann…….
        Und das alles nur weil Nitya vergaß, dass er schon 71 Jahre alt war….
        Man versteht es nicht…….

        “Ich kann ihnen nicht sagen was passiert,
        aber ich kann nichts mehr finden was falsch wäre”
        (Nisargadatta)

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      • Savitri schreibt:

        dankeschön🙂
        ja, da staunt man, was für Kräfte sich „ereignen“…

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  3. fredo0 schreibt:

    selfieaufnahme ?

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    • Elwood schreibt:

      Japp,
      mit der Aufnahme wollte ich vom Ladenbesitzer Schadenersatz für die schwere Kopfverletzung einklagen, aber der Richter meinte die Ursache vom Sturz wäre nicht dieses blaue Betonding, sondern, dass meine Mutti mir nach alter Tradition noch die Löcher in den Strümpfen stopfen würde. So konnte ich natürlich nicht richtig schauen beim weglaufen. Meine Mutti kann ich nich verklagen, sie hat es doch nur gut gemeint.
      Ja, so ist das Leben, hart aber ungerecht…..

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  4. inrayma schreibt:

    Hey Fredo, du musst doch noch was einmischen von wegen „heit“ und so, die Zwei-heit ist doch was Vergängliches, wie ich von dir – wie immer logisch zusammengedacht – lesen durfte😉
    Wenn Buddhismus also die Lehre von einer „heit“ ist, dann lehrt Buddhismus das, was vergänglich ist? – oder was habe ich da falsch geschmeckt?

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  5. fredo0 schreibt:

    Yep … die ethymologische Endung im Deutschen …-heit steht immer für Zustand ( = zum-stand gekommen ) … Zustand ist stets vergänglich und basiert auf Konzept …

    dies betrifft natürlich auch Zwei-heit …

    wobei hier im Titel von Nicht-Zweiheit gesprochen wird … also einem Nicht-Zustand … was genau besehen bereits ein Absurdum ist . ( dürfte wiedermal eine Ungenauigkeit der Übersetzer sein ) … Und die Formulierung “ die Lehre von …. “ ist ein weiteres sprachliches Abstrusum, wenn es um Non-Dual geht. Denn davon kann es keine „Lehre von“ … geben. Denn dann würden ja zwei ( Lehrer und Belehrter) bezüglich Non-dualität treten. ( aber so genau wollen wir die alten Meister mal nicht beim Wort nehmen )
    ( außerdem ist mir mit Non-Dualität der gleiche Lapsus unterlaufen, denn … die Endung …-tät deutet ebenso ein Konzept an. Es muss also der „sprachlichen Hygiene“ willen beim Non-Dual bleiben, das ist zumindest geringerer Lapsus 😀 )

    desderwegen bezeichnet sich ja auch Ad-Vaita als Nicht-Zwei ( ohne -heit ) , denn dabei geht es ja um das, was vor Zustand IST oder es wird von (dem) EINEN ( ohne ein zweites ) gesprochen.
    Der Verzicht auf Artikel und das „zweite“ in Klammern zusetzen, soll auch wieder Hinweis auf das Nicht-Objekthafte des von den Vokabeln nur halbwegs angedeutete sein.

    Ich benutze diesen Hinweis auf -heit als Zustand besonders um den Unterschied zwischen
    BEWUSSTSEIN und Bewusst-heit sprachlich anzudeuten.
    Ebenso auch GEWAHRSEIN und Gewahr-heit.

    Die VERSALIEN drücken stets ABSOLUT aus ( mit sprachlicher Betonung eines Betrachtuingsaspektes , halt Bewusst – oder Gewahr-SEIN )
    Während -heit stets die im Menschlichen liegenden (vergänglichen) Aspekte formulieren.

    Somit formuliert die Vokabel Wahr-heit auch eine vergängliche Form >von WAHR .

    Übrigens lässt sich so auch ABSOLUT und Absolut-heit unterscheiden.

    So als kleines sprachliches Desert dazu …
    Vergangen-heit ist ebenso vergängliche Vorstellung von ….
    Zuküntig-keit ebenso.
    während in Gegenwart der kleinen Hinweis auf ein GEWAHR steckt, als das ABSOLUT des Jetzt sprachlich angedeutet wird.

    Ich finde da speziell die deutsche Sprache sehr „tiefgründig“ .
    Und es lohnt sich durchaus, einfach mal die ethymologischen Bezüge von Vokabeln zu betrachten.

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  6. Chantal schreibt:

    Hallo fredo, hier finde ich ja die Fortsetzung vom Dialog im spektrum-sein. Hier hast du jetzt ganz ausführlich auf meine ähnliche Frage wegen dem Wort „Wahrheit“ geantwortet. Für WAHR. Wie im Wort: GEWAHR. alles klar.:-)

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  7. inrayma schreibt:

    ja, da habe ich es auch gelesen und war begeistert. Nun ist für mich endlich ganz klar auf den Punkt gebracht, weshalb soviel aneinander vorbeigeredet wird. Nach Fredos wunderbarer Erklärung ist mir nun die Unterscheidung der Geister, die schon immer im Gefühl wahrgenommen wurde, nun auch durch Duktus der Schreiber erkennbar. All die Macher machen „heiten“ und „keiten“……schmunzel – Bewusstheit, Wachheit, Gesundheit (mit Vorliebe für psychologische Aspekte) Achtsamkeit etc. und folgern daraus dann Seins- zustände wie z.B. Gewahrsein, Wachsein, Erleuchtetsein……..
    Wahr ohne „heit“ und „sein“, Wach ohne „heit“ und „sein“, Klar ohne „heit“ und „sein“ sind Beschreibungen, die auf das deuten was unvergänglich ist.
    Danke Fredo und Chantal für diesen Dialog.

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