Ikkyû Sôjun: die Ketten des Karma

kVielfach
Habe ich gefehlt
In achtzig Jahren.
Ich schäme mich.
Ketten des Karma –
Mein Ch’an überwand sie nicht.
Krankheit
Bindet mich
An früheres Sein.
Was kann ich tun,
Die langlastende Bürde
Abzuwerfen?

aus:
Ikkyû Sôjun
„Im Garten der schönen Shin“

 „Na, das ist ja ein schöner Ch’an-Meister!“ wird sich vielleicht der eine oder andere denken. „Der hätte mal lieber intensive Schattenarbeit machen sollen! Seine ganze Erleuchtung dürfte reine Einbildung sein. Was soll denn an dem besonders sein? Fehler mach ich doch selbst zur Genüge. Und dann schämt sich der Kerl auch noch! Hat der denn nicht einmal begriffen, dass er nicht der Handelnde ist? Na ja, dass er mit achtzig krank ist – obwohl, hätte er nicht so viel gesoffen und rumgehurt, hätte er vielleicht auch noch gesund sein können. Und dann fragt er sich doch allen Ernstes: ‚Was kann ich tun, die langlastende Bürde abzuwerfen?‘ Schattenarbeit, mein Lieber, Jungsche Analyse, Primärtherapie oder sonst irgendeine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Aber damit biste jetzt reichlich spät dran. Das hätt’ste dir ja vielleicht mal früher überlegen können. Erleuchtet? – Dass ich nicht lache!“

Tja, das ist halt der Unterschied zwischen Erleuchteten und Möchtegernerleuchteten. Manchen Menschen kommt man lieber nicht zu nahe. Das stinkt dann ungefähr so, als ob man hinter einem Odel- oder Jauche- oder Gülle-Wagen – oder wie immer man dazu sagt – herlaufen würde. Die können nur immer alles mit ihren bescheuerten Projektionen besudeln und bilden sich dann noch ein, wie wahnsinnig intelligent sie doch sind.

Ich liebe diesen verrückten Ikkyû. Ich liebe ihn, weil er so ganz Mensch ist. Vorgestern schrieb Eno: „Im Traum des Seins bin ich absolut Mensch.“

„Ketten des Karma – mein Ch’an überwand sie nicht.“ Warum sollte sein Ch’an auch irgendetwas überwinden? Ch’an ist nicht an Verbesserungen interessiert. Noch einmal diese wundervollen Sätze von Lao-tse: „Meinst du etwa, du könntest das Universum ergreifen und es verbessern? Ich glaube nicht, dass du das kannst. Das Universum ist vollkommen, es kann nicht verbessert werden. Es zu verbessern heißt, es zu zerstören. Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.“ Es genügt, die Person zu sein, wie sie eben erscheint. Es genügt, die Vollkommenheit der angeblichen Unvollkommenheit zu sehen. Demnächst stürzen sich die Psychoklempner noch auf unsere Traumfiguren und wollen aus ihnen bessere Traumfiguren machen. Irgendetwas ist doch an uns immer verkehrt.

Macht sich Ikkyû in diesem Gedicht über sich selbst lustig oder will er seine erleuchteten Leser an der Nase herumführen? Man sollte ihm sicherheitshalber mal eine mit dem Kyôsaku überbraten, damit er mit dem Quatsch aufhört.

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14 Antworten zu Ikkyû Sôjun: die Ketten des Karma

  1. Jens Gantzel schreibt:

    So sein wie ich bin… nix verbessern müssen… keine leichte Aufgabe, aber schöööön😉
    Ging mir neulich auch blogmäßig durch den Kopf:
    http://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/06/13/es-grunt-so-gelb-reifen-wie-die-paprika/#more-169

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  2. Brigitte schreibt:

    >>Ich liebe diesen verrückten Ikkyû. Ich liebe ihn, weil er so ganz Mensch ist. Vorgestern schrieb Eno: “Im Traum des Seins bin ich absolut Mensch.” >>
    Das ist lustig. Als ich gestern das Video mit Subhash anschaute und ihm zuhörte, empfand ich das genauso: wow, ein Mensch, ein richtiger Mensch. Und damit meine ich das, wovon ihr beiden redet, ganz und gar Mensch zu sein. Das ist so eine Freude. Unfassbar.

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  3. Ingeborg schreibt:

    Geist
    In Lebensfluten, im Tatensturm
    Wall ich auf und ab,
    Wehe hin und her!
    Geburt und Grab,
    Ein ewiges Meer,
    Ein wechselndes Wehen,
    Ein glühend Leben,
    So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
    Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

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  4. fredo0 schreibt:

    es gibt kaum etwas in den tradierten worten des zimmermanns aus nazareth, was mich mehr ergriffen hätte, wie sein „mein Gott, warum hast du mich verlassen ?“ , angesichts des nahenden todes am kreuz.
    abgesehen davon das der beginn des 24.psalms ein übliches „gebet“ der mosaiker in extremen notzeiten war und ist, zeigt dieses aufkommen von angst und verzweiflung doch genau das
    zutiefst menschliche in dieser oft zur göttlichkeit erhobenen person.

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  5. Prem Kasina schreibt:

    Osho meinte einmal, nur ein Erleuchteter könne einen Erleuchteten erkennen. Vielleicht war das „nur“ auch nicht da, so genau erinnere ich mich nicht. Jedenfalls steht für mich jetzt fest, rätseln über Ikkyu´s Erleuchtungsgrad steht mir nicht an…

    Ikkyu begegnete mir hier im Blog zum ersten Mal. Dieser lustige Namenszug oben in Nityas Geheimschubladenleiste zog mich sofort an. Natürlich öffnete ich sie und entdeckte ein Boot in Turbulenzen… Mit wenigen Strichen wie ein Papierschiffchen gezeichnet und sehr lebendig… Das Boot ist und ist nicht und wenn es sinkt verschwindet beides… Logisch, dachte ich mir, wenn es ist und gleichzeitig nicht ist, muss mit dem Sinken ganz natürlicherweise auch Sein und Nichtsein verschwinden… Wobei, was sinkt denn da, wenn da nichts ist??? Aber vielleicht kann ja auch ein Nichts sinken… Sei´s wie´s ist, dachte ich mir, ich kenne nicht das Nicht und weiß daher auch nicht, was es kann und was nicht… Dieses Rätsel ist nicht für mich, beschloss ich und grüßte vor dem Weiterwandern noch einmal das kleine Schiffchen…

    Dann diese wunderschöne Lady mit dem einladenden Fächeln… Ah, daher weht der Wind, dachte ich mir… dieser Schelm ist ein Genießer und bekennt sich sogar dazu… Wo andere im Geheimen den Hintereingang benutzen, steht er vorne am Eingang und lädt auch noch ein: Kommt Leute, hier gibt´s was zu entdecken… Mit viel Mut hatte er wohl alle Konventionen über Bord geworfen und war nun frei, er selbst zu sein… Respekt…

    Und jetzt schämt er sich… ich trau dem Schelm nicht… die Leidenschaft ist vielleicht grade von ihm abgefallen und er spült sie jetzt ganz einfach über Bord, mit allem was sonst noch überflüssig ist… Sein Körper ist krank… Vielleicht sammelt er nun Kraft für den Übergang…

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  6. punitozen schreibt:

    …….. Es genügt, die Person zu sein, wie sie eben erscheint.
    Es genügt, die Vollkommenheit der angeblichen Unvollkommenheit zu sehen …….
    …… Vielfach Habe ich gefehlt
    In achtzig Jahren …….

    Wahre Einsicht ohne Mimikry . Er braucht kein Mauseloch zum Verstecken
    der Scham aufsuchen .
    Alles hat seine Zeit –

    Ketten des Karma –
    Mein Ch’an überwand sie nicht.

    Ch`an nimmt keine Scham , da mag er 1000 Äonen hocken –
    abäär –
    EIN – Scheiss-stecken mit Augen
    ER – Betrachtung des Gewissen- Schweinehund
    im Spiegel der Scham .
    Ein einziger Zu-Boden – Spruch .

    Krankheit Bindet mich
    An früheres Sein.
    JA,JA – Frühäär !
    – nix mehr mit Rausch und schönen Mädchen –
    HEUTE -HIER –
    die reinste runzlig- nackt- SEINS-Schau
    der Schamoffenbarung .
    Gut so – Das tut NICHTS zur SACHE .

    Was kann ich tun,
    Die langlastende Bürde
    Abzuwerfen?
    PUTZ DEN SPIEGEL –
    OLLE STROHSANDALE ,
    ES GIBT NICHTS ZU TUN .

    Macht sich Ikkyû in diesem Gedicht über sich selbst lustig oder will er seine erleuchteten
    Leser an der Nase herumführen?

    Dazu sag`ich nix- nur :
    “ MUUUUUU !“

    LG . PUNITO

    , ,

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  7. Ronny schreibt:

    du blöder hund, die tage habe ich dich des öfteren zitiert: „macht dir bitte keine sorgen, wo immer du auch bist, du bist stets du“

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    • Nitya schreibt:

      Ich hab den Ronny angerufen – sicherheitshalber. Also der meint nicht mich. Nicht dass da ein falscher Irrtum entsteht. Der meint den Ikkyû mit dem blöden Hund.

      Eigentlich schade, jetzt kann ich mich gar nicht mit ihm duellieren.

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      • fredo0 schreibt:

        der ist ne ecke jünger nitya … da würd ich mir das duellieren verkneifen …
        außerdem das hessische klima stählt … 😀

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      • Nitya schreibt:

        Als der Beleidigte, hätte ich die Wahl der Waffen. Hmm, ich glaube, ich wähle Kanonen. Da spielt das Alter keine Rolle. In meinen wilden Rachephantasien stelle ich mir das dann so vor:

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  8. fredo0 schreibt:

    hui … du bist ja gefährlich ….raffiniert .
    da werde ich mich sicherheitshalber etwas zurückhalten.

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  9. Ronny schreibt:

    hehehehe… ich ergebe mich

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