Daniel Herbst: „nur“ eine endlose, ewige Abwesenheit


Treffen
Erkenne, dass du träumst. Erkenne, dass du das Geschehen auf eine Weise betrachtest, die dich daran hindert, das Göttliche in allem zu entdecken. In allem! Das Göttliche ist nicht, was ich zu sehen wünsche. Es ist nicht, was ich mir in meinem Fieberwahn zusammenbete. Das Göttliche ist nicht die Antwort auf meine Hirngespinste – es hebt sie auf!

Ist das Leben ein Prozess, der uns an die Schuld ausliefert? Gibt es einen unschuldigen Gott, der schuldig macht (und spricht)? Wohl kaum. Aber es gibt einen Gott, der sich selbst so wenig kennt, dass es ihn gehörig durchrüttelt, wenn er auf sich selbst trifft. Das Auf-sich-Treffen Gottes macht Gott erst zu Gott. Davor ist das einfach „nur“ eine endlose, ewige Abwesenheit.

Gott ist abwesend, nur nicht da, wo er sich selbst als anwesend erkennt. Da, wo Gott sich als anwesend erkennt, bin ich, so wie ich mich kenne, nicht mehr auffindbar. Gott und ich zur selben Zeit am selben Ort – das ist unmöglich. Es sei denn, ich erkenne mich. Dann sind meine Gottesvorstellungen verschwunden und mit ihnen meine Idee darüber, wie ich „eigentlich“ sein sollte. Zusammen mit dem Verschwinden meiner Gottesvorstellung und mir, verschwindet die Widersprüchlichkeit aus dem Leben.

Das macht mich nicht etwa unberührbar oder allwissend – nein, es lässt mich immer wieder sprach- und hilflos „zurück“. Immer wieder ist einfach vollkommen offensichtlich, dass ich nicht(s) weiß, und das lässt mich das Wunder der eigenen Anwesenheit auf völlig neue Weise erleben. Ich weiß nicht! Ich muss nicht wissen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich anzuvertrauen. Die einzige Frage ist, wem?

aus: Daniel Herbst, „Aus dem Einen“

Also ich finde, das hat der Daniel Herbst hübsch auf den Punkt gebracht. Da haben wir also noch einmal „die tote Welt“ bzw. „nur“ eine endlose, ewige Abwesenheit und wir haben das Wunder der eigenen Anwesenheit: Nicht die endlose, ewige Abwesenheit ist das Wunder, sondern Gott, der sich selbst so wenig kennt, dass es ihn gehörig durchrüttelt, wenn er auf sich selbst trifft. Gestern schrieb Brigitte offensichtlich leicht angepiekst von all den Versuchen, dieses tote Land begrifflich zu erfassen und als etwas ganz Besonderes erscheinen zu lassen: „Das simple Gefühl zu sein, wie wär’s damit?“ Ja, wie wär’s denn damit? Aber da geht’s ja wieder nur um dieses doofe Sein! Nur um Erscheinungen, nur um diesen ganzen geträumten Quatsch! Da gibt’s doch was viel Besseres!

„Das Auf-sich-Treffen Gottes macht Gott erst zu Gott.“ sagt Daniel Herbst und weiter: „Erkenne, dass du das Geschehen auf eine Weise betrachtest, die dich daran hindert, das Göttliche in allem zu entdecken.“ Wenn du das Göttliche in allem entdeckst, dann trifft Gott auf sich. Das Göttliche ist Fleisch geworden und kann sich „im Fleisch“ selbst begegnen und so seiner Göttlichkeit gewahr sein.

Bewusstsein ist die erste Erscheinung, wird gesagt. Was ist VOR DEM BEWUSSTSEIN? Endlich hat der Verstand wieder etwas, hinter dem er herjagen kann. Na, hast du schon das erfahren, was vor dem Bewusstsein ist? Nein? Na, dann kannst du eigentlich noch gar nicht mitreden. Nettes Spielchen.

Buddha hielt seine Blume hoch, und keiner der Sutrenrezitierer kapierte, was das sollte. Es erinnert mich ein wenig daran, wenn der Priester die Hostie hochhält: Dies ist mein Leib. Das Göttliche begegnet sich in allen Erscheinungen. Wie könnte Abwesenheit das Wunder der Anwesenheit übertreffen? Wie könnte Shiva mit Shakti oder Shakti mit Shiva konkurrieren wollen?

Hostie

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Daniel Herbst: „nur“ eine endlose, ewige Abwesenheit

  1. Prem Kasina schreibt:

    Also lasst uns das Fleisch schützen und erhalten…

    Gefällt mir

  2. LOB schreibt:

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt.

    Gefällt mir

  3. inerlime schreibt:

    Als ich heute morgen im Auto saß, kam mir auf einmal der Gedanke – jeder Mensch lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Wenn man ihm eine Frage stellt, kann er seine Antwort stets nur aus der Sicht geben, die er von dort aus hat. Es ist also nie die Wahrheit. Es ist nur ein Sicht. Von einem kleinen anderen Planteten aus. Es ist so wichtig, das im Sinn zu haben. Bevor man fragt. Wie oft ist man ärgerlich über eine Antwort des Gegenüber. Wenn man sich klar macht, dass man selbst damit gar nicht gemeint ist, sondern der andere einfach nur aus seiner Welt antwortet, erzählt seine Antwort mehr über seinen Lebensweg, seine Erfahrungen, seine Prägungen als dass es eine sinnvolle Antwort auf meine Frage wäre. Es ist so wichtig, sich das klar zu machen. Und je nach Wichtigkeit der Frage vorher genau zu schauen, in welcher Welt der Andere lebt. KANN er überhaupt etwas zu dem wissen, was ich meine? Wo ich hin will? Wenn nicht, sollte man ihn nicht fragen. Sonst führt einen die Antwort in eine Richtung, die für den anderen Sinn machen mag, nicht aber für einen selber …

    Gefällt mir

    • Prem Kasina schreibt:

      macht es nicht auch Sinn, die Sicht des Anderen kennenzulernen, weil es die eigene Sicht erweitert? Könnte der Ärger über die unpassende Antwort des Anderen auch daraus entstehen, dass von vorne herein nur ein bestimmtes Spektrum von Antworten erwartet oder zugelassen wird?

      Gefällt mir

      • inerlime schreibt:

        Es kann interessant sein, die Antwort des anderen kennen zu lernen – denn damit lernt man ja die Welt des anderen (und somit einen Teil der gesamten Welt) kennen. Ungünstig wird es, wenn man meint, dieser Andere wüsste, wie man dahin kommt, wo man hinkommen möchte … das wird nicht geschehen … vielleicht vergleichbar mit dem Segeln… wenn jemand auf der Insel Okawanda lebt und man fragt ihn, „Sag – wie komme ich auf die Insel“… dann wird er einem beschreiben, wie man auf die Insel Okawanda kommt … und er erwähnt auch das Ungeheuer auf dem Weg dahin, denn ihm ist es damals vielleicht begegnet … was er nicht wusste (weil auch nicht kannte) – man selber war vielleicht auf der Suche nach der Insel Mykonos ..😉 … glaubt man nun dem Inselman, dann landet man auf Okawana … niemals jedoch auf Mykonos …

        Gefällt mir

      • Prem Kasina schreibt:

        🙂
        „wenn man ihm eine Frage stellt…“
        ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass du die Frage stellst, wie du zu DEINER Insel kommst…
        sonst hätte ich anders geantwortet…

        Gefällt mir

  4. Elwood schreibt:

    Wo „Ich“ hin will, kann mir keiner sagen, vieleicht einen schönen Strand mit Aussicht beschreiben, aber hinfahren und mich überzeugen, ob seine Beschreibungen sich mit meinen Vorstellungen decken, kann ich nur selbst….
    Oder ich frag erst gar nicht und fahr gleich hin….
    Hatte mal ein Citrön 2cv, da brauchte ich nicht mal den Strand fürs Vergnügen…
    Musste natürlich obacht geben auf die anderen Planeten in ihren dicken Kutschen..
    Die hatten viel schlechtere Sicht auf die Straße und wenns rummst wäre ich ja schon wieder in Abwesenheit gelangt… ohne 2cv….
    Ich weiß nicht was Du meinst, liebe inerlime,
    aber ich vermute Dein Strand hat ne schöne Aussicht..
    Liebe Grüße Elwood

    Gefällt mir

  5. Ronny schreibt:

    …schöner text – kam jetzt nur bis zum daniel – lesen is heut nicht meins. Kann nur sagen, Ja: „Ich muss nicht wissen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich anzuvertrauen. Die einzige Frage ist, wem?“

    Gefällt mir

  6. punitozen schreibt:

    Das Göttliche begegnet sich in allen Erscheinungen

    L.G. PUNITO

    Gefällt mir

  7. Brigitteb schreibt:

    Es gibt nichts zu ergreifen und dingfest zu machen.
    Die Magie des Augenblicks bleibt unfassbar.
    Das Mysterium ist lebendig.

    http://vaikhari.tumblr.com/image/51891415152

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s