Ramesh Balsekar: der Verzicht auf die Früchte der Handlungen


VvG
Es ist tatsächlich für ein menschliches Wesen unmöglich, alle Handlungen aufzugeben, doch wer sich von den Ergebnissen seiner Taten losgelöst hat, kann wahrlich als unverhaftet bezeichnet werden.

Bhagavad Gita, Kap. XVIII/11

In diesem Vers macht Gott Krishna den Unterschied zwischen dem Verzicht zu handeln und dem Verzicht auf die Ergebnisse der Handlungen sehr deutlich.

Das Wort „Verzicht“ bedeutet für den normalen Menschen, jeglichen Handlungen zu entsagen, sie aufzugeben. Doch Handlungen aufzugeben ist unmöglich, denn die Energie im Organismus wird ihm keinen Müßiggang für längere Zeit gestatten. Selbst wenn ein Yogi in Samadhi geht, wird ihn die innere Energie über kurz oder lang wieder auf die Erde zurückbringen.

Wer tatsächlich unverhaftet ist, der kümmert sich nicht um die Ergebnisse der Handlungen. Der normale Mensch, völlig identifiziert mit dem Organismus als einer getrennten Wesenheit mit der Freiheit zu entscheiden und zu handeln, wird niemals fähig sein, die Früchte der Handlungen aufzugeben, und er glaubt sogar, ein Recht auf diese Früchte zu haben.

Ein Verzicht auf die Früchte der Handlungen kann nur geschehen, wenn das tiefste intuitive Verstehen erwächst, dass keine Handlung jemals die Handlung eines Individuums sein kann, dass alle Handlungen lediglich Reaktionen des Körper-Verstand-Organismus auf die Impulse von außerhalb sind, entsprechend den natürlichen Charaktermerkmalen des Organismus.

aus: Ramesh Balsekar, „Die Bhagavad Gita“

Wenn mein Kunstdozent Heinz Butz davon sprach, dass wir hier alle für den Papierkorb arbeiten, dann meinte er damit genau das: „Vergesst die möglichen Früchte eurer Arbeit bzw. so diese Früchte bereits in Erscheinung getreten sind, kümmert euch nicht um sie.“ Er sagte dies natürlich nicht ohne gegebenen Anlass. Unter den Studenten gab es genug Aspiranten etwa auf irgendeinen großen Kunstpreis und jeder Strich aufs Papier sollte sie ihrem ersehnten Ziel näher bringen. Es ging ihnen allem Anschein nach in erster Linie um die Früchte ihrer Arbeit, um Ruhm und Ehre, um Geld, um vielleicht eine Professur mit all den wundervollen „Nebenwirkungen“ und nicht sonderlich um diesen Strich, den sie gerade zu Papier brachten. Die kreative Besessenheit etwa van Goghs war ihnen gänzlich fremd. L’art pour l’art? Wo soll denn da der Nutzeffekt sein? Sie wollten offensichtlich nur eines: Große Künstler sein. Aber so wenig ein guter Vater ein guter Vater ist, ist ein guter Künstler ein guter Künstler. Vincent van Gogh hat einfach gemalt, weil er malen musste.

Manche scheinen sich so etwas wie Absichtslosigkeit gar nicht vorstellen zu können. Warum setzt ein kleines Kind Baustein auf Baustein? Warum singt ein Mensch in der Badewanne fröhlich sein Liedchen? Warum rotten sich da ein paar Typen zusammen und produzieren einen Jazz, der einem die Tränen in die Augen treiben kann? Warum, warum, warum? Darum halt und aus keinem anderen Grund.

Handlungen aufzugeben ist unmöglich, sagt Ramesh, und selbst dieses Aufgeben wäre ja eine Handlung. Aber wenn es unmöglich ist, Handlungen aufzugeben, ist es dann nicht genauso unmöglich, auf die Früchte seiner Handlungen zu verzichten? Ist es nicht einfach so, dass sich die einen nicht für die Früchte ihrer Handlungen interessieren und die anderen schon mit allen Abstufungen dazwischen? Wer die Zeilen der Bhagavad Gita liest, wird sehen, dass da auch gar nicht von Aufgeben oder einem Verzicht die Rede ist: „Wer sich von den Ergebnissen seiner Taten losgelöst hat, kann wahrlich als unverhaftet bezeichnet werden.“ Das ist alles. Nur eine Feststellung. Keine Aufforderung, wie sie Heinz Butz noch formulierte. Auch wenn ich seinen hinter seinen Worten steckenden Zorn durchaus nachvollziehen kann, sie werden wohl kaum etwas bewirkt haben können.

Krishna

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Ramesh Balsekar: der Verzicht auf die Früchte der Handlungen

  1. fredo0 schreibt:

    Mir gefiel ein Beispiel sehr gut, dass Ramesh gerne für dies absichtlose Handeln erzählte.

    er erzählte von Kindern am Strand, die mit viel Begeisterung und Hingabe und großer Ausdauer den ganzen Tag über ihre Sandburg bauen … um dann beim Gang nach Hause mit große Wonne diese Burg zu zerstampfen. Etwas was so fast alle Kinder tun, jedenfalls die meinen taten es auch.

    Gefällt mir

  2. „Es ist tatsächlich… doch wer sich von den Ergebnissen seiner Taten losgelöst hat, kann wahrlich als unverhaftet bezeichnet werden.“

    Wer ist dieser Jemand, der sich von irgendeiner Tat loslösen könnte und dadurch als unverhaftet bezeichnet wird? Solange die Illusion besteht, dass ich (die Person, der Ego-Verstan) so etwas wie festhalten oder loslassen machen kann, solange werde ich mich als verhaftet an der Illusion bezeichnen können und keinen Frieden finden!

    Müßte es nicht eher lauten:

    Es ist tatsächlich für ein menschliches Wesen unmöglich, alle Handlungen aufzugeben, doch wer sich von der Idee einer aus sich selbst heraus existierenden Person mit einem freien Willen in Raum und Zeit losgelöst hat, kann wahrlich als unverhaftet bezeichnet werden.

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Müssen muss gar nix.
      Wo keine Person, da kein Müssen.
      Aber es könnte auch so ausgedrückt werden.

      Gefällt mir

    • fredo0 schreibt:

      Ich würde es eher „verblüfft“ formulieren, und den anweisenden Charakter der Wortwahl vermeiden.
      Eine Losgelöstheit kann als Zustand durch Manipulation erfahren werden.
      Doch wie jede ….heit ist es lediglich vergänglicher Zu-Stand.

      Ein Losgelöstsein kann nicht „erlangt“ werden, sondern nur im Auftauchen von Unbezweifelbarkeit plötzlich unleugbar werden.
      Dessen Unvergänglichkeit und Unveränderbarkeit wird dann selbst durch mögliche wieder folgende (vergängliche) Erscheinungen von Bindung „durchschimmern“ .

      Denn wer könnte sich da je (selbst) lösen ? von was auch immer ?
      Und bedarf es dieser Lösung überhaupt ?
      Für Wen denn ?
      Genau dieser Gelöstseinwoller ist ja gerade erstt der/das, was da Verhaftung überhaupt erst auftauchen lässt.

      So dekoriert sich dies Leben … eben ! manchmal zusätzlich mit Bindung und Verstrickung , und manchmal halt nicht.

      Da ist ein Bemerken von Taten, und wo ist der Täter ?
      Da sind Ergebnisse, doch von und für Wen ?
      Da ist ein Bemerken von Denken, und wo ist der Denker?
      Wie können Taten geschehen ohne Täter ?
      Wie kann Denken geschehen ohne Denker ?
      wie kann Bemerken geschehen, wird da gefragt ?

      Es geschieht genau so ! … auch ohne Antworten !.

      denn nur der Zweifel erschafft den Täter, die Verhaftung und fordert Antworten …

      soll er doch … wenns ihm Spass macht …😀

      Gefällt mir

  3. Blümchen schreibt:

    Hier ein Sandkasten für große Kinder…….große, wunderschöne Kunst und dann…..pffffffffffff…..Loslassen und weg………

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s