Karl Renz: Der Lügner wird immer lügen.


Kobra
Du belügst dich selbst. In dem Augenblick, in dem du was sagst, lügst du. In dem Augenblick, in dem du nichts sagst, lügst du. Du wirst aufgrund des Wurzelgedankens „Ich“ immer lügen. Er ist eine Lüge. Der Lügner wird immer lügen. Das Falsche kann nur Falsches hervorbringen. Und es ist sogar falsch, zu existieren. Die Existenz-Vorstellung ist falsch. Die Vorstellung der Anwesenheit ist falsch und die der Abwesenheit ist falsch. Weil es für die Anwesenheit jemanden braucht und für die Abwesenheit jemanden braucht. Sogar dieser eine ist falsch. Das kannst du dir nicht vorstellen … Verrückt!

Der subtilste Bezugspunkt, den du kriegen kannst, ist bereits eine falsche Referenz. Was soll man da machen? Wenn das schon falsch ist und alles davon abhängt, weil es ohne diesen Bezugspunkt nicht einmal eine Vorstellung von Anwesenheit und Abwesenheit gibt? Und das, was ist, ist nicht einmal eine Idee von Anwesenheit oder Abwesenheit. Alles hängt von der Anwesenheit des kleinen „Ich“ ab. Es ist der Wurzelgedanke aller Probleme, aller Unterschiede und von allem, was sein kann. Dieses kleine, erste kreierende „Ich“.

aus: Karl Renz, „Punkt.“

Also nachdem mich gestern der Fredo mit seinem Karl Renz wieder auf Trab gebracht hat, heute also Karl Renz höchstselbst. Oben hab ich sowas wie eine Kobra reingestellt, also so ein Viech mit einer gespaltenen Zunge. Ich erinnere mich dumpf an die Aussage irgendwelcher Indianer bei Karl May (?), die davon sprachen, dass das Bleichgesicht mit gespaltener Zunge redet, auf gut Deutsch lügt, wenn es den Mund aufmacht. Nun könnte man sich fragen, wie diese Bedeutung der gespaltenen Zunge zustande gekommen ist. Ist es der christliche Hintergrund, der die Schlange als das Symbol für Satan benützte, den Diabolos, der alles so durcheinanderwirft, dass man am Schluss nicht mehr weiß, ob man Männchen oder Weibchen ist? Oder geht es hier um die Zweiheit, die immer nur Lügen gebiert?

Auch Karl Renz geht auf diese Zweiheit ein, wenn er vom Bezugspunkt spricht. Da ist immer ein Etwas, das sich auf ein anderes Etwas bezieht. Ein Etwas ist dabei immer dieses „Ich“, das sich geradezu zwanghaft auf irgendein anderes Etwas bezieht. Da hilft es dem Rio Reiser auch nicht, dass er alles eine Lüge nennt, während er gleichzeitig anderes als wahr bezeichnet. Gleichgültig ob wahr oder gelogen, derjenige, der dies beurteilt, ist immer im Spiel. „Alles hängt von der Anwesenheit des kleinen ‚Ich‘ ab.“ sagt Karl Renz, und: „Die Vorstellung der Anwesenheit ist falsch und die der Abwesenheit ist falsch. Weil es für die Anwesenheit jemanden braucht und für die Abwesenheit jemanden braucht. Sogar dieser eine ist falsch. Das kannst du dir nicht vorstellen … Verrückt!“ Ha, das ist Klasse! So richtig zum junge Hunde kriegen. Und das Witzige ist: Du kommst da nicht raus. Jedes Rauswollen ist ein Reinkommen. Ha, das gefällt mir.

Gibt’s noch was zu sagen?

„In dem Augenblick, in dem du was sagst, lügst du. In dem Augenblick, in dem du nichts sagst, lügst du.“ Na also.
l

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8 Antworten zu Karl Renz: Der Lügner wird immer lügen.

  1. Savitri schreibt:

    Sehr interessant, lieber Wilhelm…gerade gestern las ich einen Kommentar zum Thema „Schlange“, den ein guter Freund einmal schrieb (ich erzählte Dir von ihm). Weil sich das so schön „fügt“, möchte ich ihn hier einmal einstellen:

    „Je tiefer man jedoch hinuntersteigt und im Dunst und Lärm der Täler umherirrt und von dort aus den Weg zum Gipfel sucht, desto verwirrter scheinen alle Wege zu sein und umso vorlauter predigen uns die blinden Blindenführer von Sünde und Höllenangst und von der schrecklichen „Verpflichtung der Selbstverbesserung“, dem entmutigenden „Kampf“ gegen sich selbst, WAS JA DIE ESSENZ DER GESCHICHTE VON ADAMS UND EVAS APFEL-ESSEN IST, denn in der Genesis wird ja klar gesagt „sie kosteten die Frucht des Baumes der Erkenntnis“
    Aber der Baum welcher Erkenntnis ?, nämlich nicht der Erkenntnis Gottes, sondern der der Unterscheidung von GUT und BÖSE.
    Das Element „SCHAM“, des in seinen heimlichen Schuldgefühlen isolierten „EGOs“ taucht erstmals auf.
    Eben weil sie jetzt auf diesen neuen, deprimierenden Trip einstiegen, „dauernd sich selbst zu kritisieren und zu verurteilen“, genau deshalb verloren sie die paradiesische Lebensfreude glückliche Spontaneität und souveräne Freiheit, von welcher (z.B.) Theresia v. Avila (…) sprachen als sie sagten: „liebe Gott und tu was Du willst,“
    Und sogar die göttliche Schlange wurde moralistisch hingedreht und zum teuflischen Sexualsymbol gemacht, obwohl sie für die damaligen orientalischen Kulturen wegen Ihrer Fähigkeit, ihre alte Haut einfach abzustreifen, ein heiliges Symbol des kontinuierlichen Neuerwachens des Bewusstseins war, welches sich wie ein Phönix nach jedem Fall wie neugeboren aus der Asche wiedererhebt, das vorherige Ich wie eine alte Haut zurücklassend.

    Man kann sich vorstellen dass die Symbolik, die bewusst den Schlangenphönix als das in den Fall überleitendes Element erwählte, damit auf den möglichen Sturz des ständig sich selbst beobachtenden Bewusstseins ins deprimierend Moralisierende hinein hinweisen wollte: nämlich dass man, bei der selbsterziehenden, – aus Fall und Aufstehen bestehenden, – Charakterbildung unserer eigenen menschlichen Natur, sehr aufpassen muss , nicht aus der Bewusstheit der Nähe Gottes, nicht aus dem inneren Paradies, aus der Einheit mit Ihm, herauszustolpern und nicht in die Rolle des Sisyphus zu fallen, der ewig den unmöglichen, von aussen aufgedrängten Gesetzen und den unerfüllbaren Idealen nachzuhinken verdammt ist.“

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  2. fredo0 schreibt:

    für mich eines Gedanken wert.

    wenn alle Tätigkeit oder Nichttätigkeit des Körpers und des Geistes immer Lüge ist , nichts anderes sein kann, dann ist doch weniger diese Tatsache ein Problem, sondern der all diese Aktivitätten begleitende Anspruch auf Wahrheit im Leben des Menschen, der (fast) alles Denken und Kommunizieren und Fühlen und Erleben und Träumen durchdringt. ( wobei dieser Anspruch im Träumen erfreulich gering und durchlässig ist. Wahrscheinlich eine dringende Erholungszeit für die durch diesen Anspruch permanent überforderte Psyche ) .
    Denn wer oder was will da „wahr“ sein , und ( das ist das eigentliche Problem ) nicht (!) unwahr/falsch/ausgeliefert ?
    Es ist doch diese erwünschte/erwartete/ gar verlangte „Wahrheit“ , die erst jedes Erleben zur Lüge degradiert. Ohne diesen Anspruch / Erwartung ist da weder Wahrheit , noch Lüge !
    sondern einfach > sich ereignendes Leben.

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    • Strandläufer schreibt:

      Wunderbar Fredo… das konnte ich nicht so ausdrücken und hab deshalb einfach nichts dazu geschrieben.

      “In dem Augenblick, in dem du was sagst, lügst du. In dem Augenblick, in dem du nichts sagst, lügst du.”

      Diese Aussage ist logisch gesehen gelogen, also unwahr. Und unlogisch gesehen ist es mir schnuppe!😉

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Der “ Berg Wunderbar “ ist überall .
    Wieso ihn suchen ?
    “ Die höchste Wahrheit ist und bleibt ein Rühr – mich -nicht-an “ .
    In dem Augenblick wo einer daran rührt , fällt er schon von ihrer
    einsamen Felsenhöhe herunter
    Die Spitze des Berges Wunderbar versinkt in der Grassteppe .
    Mit zen-lügerischen Gruß
    PUNITO

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  4. Eno Silla schreibt:

    Soviele wunderbare Lügenworte.
    Ich liebe es, sie zu lesen, diese immer neuen
    fantasievollen Kombinationen…
    Je feiner sie formuliert sind,
    desto lauter das „Ah-ja“!
    Bis etwas anderes kommt,
    meistens ziemlich rasch:
    Teetrinken oder der Zigarettengestank vom
    Nachbarn unter mir…
    Alles weg von einem Moment zum anderen.
    Alles vermeintliche Erkennen aus dem Wortgeschwurbel:
    Es bleibt nur dieses unmittelbare Erleben.
    Was sollen da die Worte?
    Ich merke auf und denke:
    Keine Ahnung, immer wieder keine Ahnung.
    Auch das gelogen?
    Und das Spiel der Worte beginnt von Neuem…
    Liebe Freunde, schön diesen Blödsinn mit euch zu teilen,
    solange wir Spass dran haben!

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  5. Prem Kasina schreibt:

    ich seh schon, Lügen können ganz schön verwirrend sein…
    da freut sich doch mein Lügen-Ich…
    Upps…
    wie kann es sich freuen, es existiert doch nicht…
    Und wer ist es dann, der sich freut?
    Freut sich da jemand?
    So gesehen, ja, genau betrachtet, freuen??? Freuen, was ist denn das für ein Wort?
    Freuen gibt´s nicht, alles Lüge…
    Leid? gibt´s nicht, alles Lüge…
    Wahrheit? was? was hast du gesagt???
    Lüge? Was ist Lüge? Existiert Lüge? Wenn Lüge existiert, dann zu welchem Zweck? Wer hat sie erschaffen und warum?
    Lug und Trug…
    Na und???

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