0.0.0.: Bestätigung für die Abwesenheit der Gegenteile

VogelDie Hindu-Philosophie beschrieb vor langer Zeit, dass am Rand der dem Menschen möglichen Sicht drei Dinge liegen, die drei Aspekte desselben darstellen, das auf dreierlei Weise erfahren werden kann: Sein, Bewusstsein und Seligkeit, auch bekannt in der Sanskrit-Form Sat-Chit-Anand. Weiter könnten wir nicht sehen und kein Weg führe darüber hinaus.

Folgt man dem außergewöhnlich kompetenten Swami Tapasyananda, stellen die Teile von Sat-Chit-Ananda im System der Upanischaden lediglich die Negation ihrer Gegenteile oder die Bestätigung für die Abwesenheit ihrer Gegenteile dar. Das bedeutet, dass sie eine Manifestation des Nicht-Seins sind, des Nicht-Bewusstseins und der Nicht-Glückseligkeit (bzw. des Leidens).

Nun, dies hatten wir bereits verstanden – dass positive Manifestation nur der umgekehrte Aspekt des Negativen ist, das stets Vorrang besitzt. Es zeigt auch, dass sogar Sat-Chit-Ananda als Phänomene zu sehen sind (falls wir das bezweifelt haben). Der noumenale Zustand – falls „Zustand“ als Begriff zulässig ist – ist die Negation oder Abwesenheit von Positiv und Negativ, es ist die Leere der Subjektivität oder das, was wir versuchten, mit dem Ausdruck „reines Bewusstsein“ zu bezeichnen.

Darüber gibt es nichts, was man wissen kann.

In diesem Bild ist kein Platz für „Realität“.

0.0.0.

Jeder, der sich ein kleines bisschen mit der Hindu-Philosophie beschäftigt hat, wird früher oder später über den Sanskrit-Begriff Sat-Chit-Ananda gestolpert sein, Sat-Chit-Ananda als das Höchste, das ein frommer Streber erreichen kann. So funktioniert nun mal unser Verstand: Er kann immer nur objektivieren. Sat-Chit-Ananda wird zu einem Ding gemacht, dessen Besitz ausgesprochen erstrebenswert ist und daher jede Anstrengung zu lohnen scheint. Sat-Chit-Ananda … das ist der Himmel auf Erden!

Nun verweist 0.0.0. auf den außergewöhnlich kompetenten Swami Tapasyananda, der etwas sehr Bedeutsames zu sagen hatte: „Die Teile von Sat-Chit-Ananda im System der Upanischaden stellten lediglich die Negation ihrer Gegenteile oder die Bestätigung für die Abwesenheit ihrer Gegenteile dar.“

In dem Moment, in dem Sat-Chit-Ananda gedacht, vorgestellt, ausgesprochen, … also objektiviert wird, muss sein Gegenteil immer mitgedacht werden. Sein-Bewusstsein-Seligkeit ist nicht ohne Nicht-Sein-Nicht-Bewusstsein-Nicht-Seligkeit möglich.

0.0.0. sagt: „Der noumenale Zustand … ist die Negation oder Abwesenheit von Positiv und Negativ, es ist die Leere der Subjektivität oder das, was wir versuchten, mit dem Ausdruck „reines Bewusstsein“ zu bezeichnen.“ Es geht also um die Abwesenheit von Positiv und Negativ, und der Verstand, der immer auf dem Sprung ist, fragt sofort: Gut, wenn es nicht um Sat-Chit-Ananda als Höchstes Ziel geht, wie kann ich dann einen Zustand der Abwesenheit von Positiv und Negativ erreichen?

Der Verstand kann gar nicht anders, als solche Fragen zu stellen. Dabei müsste selbst ihm klar sein, dass er damit auch die Abwesenheit von Positiv und Negativ schon wieder objektiviert hat. Damit kann er nun immer schön im Kreis herum bis in alle Ewigkeit fortfahren oder – er streckt die Waffen und gibt auf, gibt endlich auf – intuitiv ahnend, dass die Abwesenheit von Positiv und Negativ nicht zu erreichen ist

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9 Antworten zu 0.0.0.: Bestätigung für die Abwesenheit der Gegenteile

    • Eno Silla schreibt:

      „er streckt die Waffen und gibt auf, gibt endlich auf – intuitiv ahnend, dass die Abwesenheit von Positiv und Negativ nicht zu erreichen ist“

      Das hält niemand aus:
      Ohnmacht, Hilflosigkeit, Desolation:

      Wut und Trauer gegenüber einem Vaterland, wie es von Silly besungen wird!!!

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    • Nitya schreibt:

      Wie lieb ich so ’n Land
      mit Herz oder Verstand
      Blind oder mit Blick über den Rand

      Mein Vaterland macht mit Maschinen viel gutes Geld
      Maschinen für das Töten für fast jeden Krieg der Welt

      Wie lieb ich so ’n Land
      mit Herz oder Verstand
      Blind oder mit Blick über den Rand

      Der Tod besteht auf Qualität die verkauft sich gut
      Das Geld verwandelt sich am Horizont in fremdes Blut

      Wie lieb ich so ’n Land
      mit Herz oder Verstand
      Blind oder mit Blick über den Rand

      Wir bringen für Geld
      den Tod über die Welt
      Wie lieb ich so ’n Land
      mit Herz oder Verstand
      Blind oder mit Blick über den Rand

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  1. fredo0 schreibt:

    Es hat zwar immer etwas von „einen Zaubertrick verraten“ , aber genau dieses „““er streckt die Waffen und gibt auf, gibt endlich auf“““ , ist die eigentliche Intension vieler Begriffe die von „wissenden“ Schreibern und Davornesitzern kommuniziert werden.
    Und dies funktioniert, genau deshalb, weil der Schreiber ( hier mein verehrter Terence Gray , mit seinem Pseodonym ) sich mit höchster Akribie und intellektueller Potenz um einen „sauberen“ Ausdruck bemüht , aber letztlich dann auch an seinem Scheitern scheitert .

    Erst das NichtVerstehbare (weil nicht zum Stand = Objekt gekommenen) kann die Pforten öffnen zum „offenbaren Geheimnis“ das als geheimes Geschenk im Scheitern des Verstehens liegt.

    Nahezu alle mir bekannten „Betroffenen“ des Aufgesogenwerdens in DAS ( oder ins TOTE LAND , wie es der ungeheuer authentische Patrick Aigner kürzlich so köstlich nannte ) berichten von einem vorhergehenden Kapitulieren desssen , was da „wissen/verstehen“ will.. Und die im obigen Text erwähnten Unbegreiflichkeiten des Sat-Chit-Ananda sind eine gute Chance für die „Reise“ .

    Es geht also gar nicht darum Worte zu „verstehen“.
    Es geht viel mehr darum sich möglichst vertrauendvoll einfach der aufbohrenden Verführungskraft des Unbegreiflichen hinzugeben.

    Ich will dazu noch aus eigenem berichten. Ich lese zur Zeit wieder Bücher von Terence Gray . Ich bin durch etwas Glück an englische Texte von ihm geraten. Da ich des Englischen nur mäßig mächtig bin, und da Terence Gray in seinem Faible für „saubere“ Begriffe teilweise selbst gebildesten Engländern unbekannte Vokabeln nutzt , ist es ein echtes LeseAbenteuer sich in diese Texte zu begeben. Mir kommt dabei zu Gute, dass ich einst an einem Buch von ihm „gescheitert“ bin, dass mir Alf Lüchow in seinem Verlag ins Deutsche übersetzt hatte .
    Ich habe dann begonnen , es mir Satz für Satz (begreifen wollend) zu „erobern“ , weil ich einfach von Anfang an, dessen besondere Autentizität spürte. Schnell waren meine Aufmerksamkeitspotenzen erschöpft , und ich hätte normalerweise, das Buch zur Seite gelegt. Aber irgendwie , da ich dachte, „das kapierst du eh nie , und wirst du bestenfalls noch ein dutzendmal neu lesen müssen, also lese es einfach weiter, ohne es zu kapieren“ habe ich in die Nächte hinein weitergelesen, ohne ein mir sonst gewohntes „verstehen“ . Aber auch ohne dies zu vermissen.
    Tja , ich empfehle dies , denn , ohne etwas zu versprechen , so eine Art Lesen kann erstaunliches zur Folge haben.

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    • Tom schreibt:

      So ähnlich ging es mir auch mit Terence Gray, alias Wei Wu Wei!😉 Seine Texte sind wie Nussknacker für den Verstand. Was nicht heißen soll, dass sie keinen Sinn ergeben. Im Gegenteil. Und doch ist der Sinn trotz aller Logik eher intuitiv zu erahnen oder zu erfassen. Aus welchem Buch ist der oben zitierte Text von 0.0.0., Nitya?

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  2. Prem Kasina schreibt:

    Als Sat-Chit-Ananda könnte man vielleicht die angestrebte Lebensform in Bhutan bezeichnen. Nicht das Bruttosozialprodukt mit unendlichem Wachstum, sondern die Glückseligkeit wurde als Staatsziel gewählt.

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  3. punitozen schreibt:

    .Heute ist mir mehr nach Rielke , lieber Nitya , weil ich das Ganze nur deuten kann !🙂

    Geheimnisvolles Leben , Du , gewoben
    Aus mir und vielen unbekannten Stoffen ,
    geschieh mir nur : Mein Sinn ist allem offen
    und meine Stimme ist bereit zu loben .

    Wenn Du mir weh tun willst , so komm und schneide
    mein Herz entzwei , das tausendfach empfindet ,
    blende meine Augen mit Brand bis es erblindet ;
    ich glaube , das ich wachse wenn ich leide .
    Und wachsen will ich um jeden Preis .
    Reiß mich hinauf an meinen Haaren ,
    drück mich der Erde in den Schoo !
    Nur laß mich deinen Sinn erfahren ,
    denn ich vermute : Du bist groß .

    Laß mich nicht sterben , eh ich weiß
    wie sich der Tod zu dir verhält ?
    Ist er der Widerspruch der Welt ?
    Ist er ihr Heil ?
    Ist er ein Teil von dir , des Lebens Teil ?
    Weil ich ihn so nur denken kann – im Leben .
    Du mußt mir nicht sagen , wie alles ist .
    Du mußt mir nur einige Zeichen geben
    Und mich mit allen Dingen verweben ,
    darinnen du verwoben bist .

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  4. Elwood schreibt:

    Ich kann nicht mal erfassen, dass ich nichts erfassen kann….

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