Lin-chi: ihr traut euren eigenen zwei Augen nicht


eselJünger des WEGES, ihr bemächtigt euch der Worte von den Mündern jener alten Meister und haltet sie für den richtigen WEG [und sagt]: „Diese guten Lehrer sind wunderbar, und ich, einfältiger Bursche, der ich bin, wage nicht, solche alten verdienstvollen Männer zu beurteilen.“ Blinde Idioten! Ihr geht durch euer ganzes Leben mit solchen Ansichten und traut euren eigenen zwei Augen nicht. Zitternd vor Furcht, wie Esel auf einem vereisten Weg, [sagt ihr euch selbst]: „Ich wage es nicht, diese guten Lehrer gering zu schätzen aus Angst, mit meinem Mund Karma zu verursachen!“

Jünger des WEGES, es ist nur der große Lehrer, der es wagt, die Buddhas zu verunglimpfen, es wagt, die Patriarchen zu verunglimpfen, das Richtige und das Falsche in der Welt zu bestimmen, die Lehren des Tripitaka zu verwerfen, all die kindischen Kerle zu verleumden und nach einem Menschen inmitten von glücklichen und unglücklichen Umständen zu suchen.

Der Ch’an-Meister, der wie eine junge Braut ist, fürchtet sich, dass er aus seinem Tempel geworfen wird und kein Essen bekommt und nicht zufrieden und sorglos leben kann. Unsere Vorgänger von früher hatten nirgends Leute, die an sie glaubten. Erst nachdem sie vertrieben worden waren, hat man ihre Bedeutung erkannt. Wären sie überall von den Leuten völlig akzeptiert worden, wozu wären sie dann gut gewesen? Deshalb sagt man: „Des Löwen einmaliges Gebrüll spaltet der Schakale Schädel.“

aus: Lin-chi, „Lin-chi lu“

Das kennt ihr ja vermutlich alle, dieses Getue um die Linien. Erst war da Buddha, dann Mahakashyapa, dann die indischen Patriarchen, Bodhidharma und die chinesischen Patriarchen usw. usw., so als ob das irgendwas Besonderes wäre. Wir alle haben irgendwelche Vorfahren, sind also alle irgendwo sowas wie Linienhalter und angefangen haben soll der ganze Quatsch mit Adam und Eva. Kürzlich hat mich mein Zahnarzt gefragt, ob ich beim Dalai Lama gewesen bin, der mal wieder Hamburg besucht hatte. Ich verneinte und fragte, warum ich da hätte hingehen sollen. Er meinte, na ja, das sei halt ein Vorbild in unserer an Vorbildern so armen Zeit. Nun fragte ich, warum der Mensch denn unbedingt ein Vorbild bräuchte. Auf diese Weise konnte ich ihn dann noch eine Weile bei der Arbeit behindern. Ja, wozu braucht der Mensch ein Vorbild? Hatte ich je ein Vorbild? Ich erinnere mich, wie ich als 15-Jähriger aus einem Western kam, breitbeinig wie ein alter Reiter, die Hände dicht über meinen imaginären Colts mit grimmigem Gesicht. Für eine kurze Zeit war ich ein richtiger Westernheld, aber lange habe ich das nicht durchgehalten. Nach ein paar Minuten war alles schon wieder vorbei und ich grinste über das schöne Schauspiel, das ich da inszeniert hatte. Ich kannte eine ganze Reihe von Menschen, die ich richtig gut fand, aber auf die Idee sie zu imitieren wäre ich nie gekommen. Und trotzdem haben sie mich ganz sicher beeinflusst. Aber was beeinflusst einen nicht? Das hat doch nichts mit einer Linie zu tun. Siddharta Gautama ist ziemlich lange den Vorstellungen anderer Leute gefolgt und hat sich redlich abgequält, bis er die Absurdität dieser Bemühungen sehen musste und schlagartig mit dem Unsinn aufhörte.

„Jünger des WEGES, es ist nur der große Lehrer, der es wagt, die Buddhas zu verunglimpfen, es wagt, die Patriarchen zu verunglimpfen, das Richtige und das Falsche in der Welt zu bestimmen, die Lehren des Tripitaka zu verwerfen, all die kindischen Kerle zu verleumden und nach einem Menschen inmitten von glücklichen und unglücklichen Umständen zu suchen.“ Das konnte der „große Lehrer“ nur, weil er anfangen hatte, nur noch den eigenen Augen zu trauen und sich nicht mehr darum kümmerte, was andere richtig oder falsch fanden, sondern sich ausschließlich auf seine eigene Erfahrung verließ. Buddha: „Glaubt mir kein einziges Wort von dem was ich sage, nur weil ich Buddha, eine Autorität für Euch bin. Zweifelt es ruhig an, aber haltet es einfach für möglich, probiert es dann aus und seht, erfahrt alles selbst!“ Das ist genau dasselbe, was Lin-chi hier anspricht. „Triffst du Buddha unterwegs, töte Buddha!“ Tust du es nicht, glaubst du einfach seinen Worten, wirst du ziemlich sicher ein Abziehbildchen, aber niemals ein Buddha sein. Finde dein eigenes Lied und dann sing es auf deine Weise. Von mir aus auch so, wenn das dein Ding ist: „Des Löwen einmaliges Gebrüll spaltet der Schakale Schädel.“ oder so oder ganz anders.
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6 Antworten zu Lin-chi: ihr traut euren eigenen zwei Augen nicht

  1. Prem Kasina schreibt:

    und was tun, wenn das Gefährliche unsichtbar ist?
    wenn man es nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken kann?
    wenn es sich hinter verschlossenen Türen abspielt?

    aber was rede ich da? Was hat das Gefährliche mit meinem Lied zu tun? Mein Lied kann ich singen, solange ich singen kann… Mein Lied ist mein Lied ist mein Lied… MEIN ? Lied?

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  2. Ingeborg schreibt:

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    • Prem Kasina schreibt:

      mitmachen macht da glaube ich mehr Spaß als zuhören…
      köstlich schräg…

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    • Blümchen schreibt:

      Köstlich Ingeborg, dieses Miau Gesang! Meine Katzen haben vor Freude mitgesungen und ich lache von Ohr bis Ohr. Einfach herrlich ♥ By the Way……meine Namen war hier erst „Blümchen“ und jetzt bin ich aus unergründlichen Gründen „Botervlootje“ geworden. Ich lasse es jetzt mal so. Du brauchst es nicht mehr zurückzuändern, Nitya. After all …. Whats is in a Name ……. Miau

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Ich Esel wage es nicht , diesen guten Lehrer gering zu schätzen !
    PUNITO

    »Nichts
    kann Licht verbreiten
    in deinem Arschloch!«
    ( Hakuin )

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