Alan Watts: das ärgerliche Paradox


ParadoxDas Scheitern, das dem Denken entspringt, ist natürlich das Scheitern am Überleben. Die kontemplativen Taoisten lehnten zwar das Streben nach Unsterblichkeit ab, befürworteten jedoch sehr „das Ausleben der natürlichen Lebensspanne“, und deshalb lobt Chuang-tzu den Buckligen und den nutzlosen Baum. Sie sagen außerdem, dass die Chancen zu überleben am besten stünden, wenn man nicht ängstlich darum besorgt ist, und dass die größte Macht denen zufließt, die sie nicht erstreben und keine Gewalt anwenden. Man macht sich kaputt, wenn man um sein Leben zittert, und man überanstrengt den Organismus, wenn man Macht erstrebt und Gewalt braucht. Man erhält sich am besten, wenn man sich reibungslos gleiten lässt, und das ist nichts anderes als die Lehre Christi, sich um den nächsten Tag nicht zu sorgen, oder gemäß dem Prinzip der Bhagavad-Gita, zu handeln, ohne Sorge um das Ergebnis. Dieses Thema durchzieht die gesamte spirituelle Literatur der Welt: Wer nicht begehrt (ermangelt), der erhält; wer hat, dem wird gegeben.

Für die, welche meinen, dass sie nicht haben, ist das ein ärgerliches Paradox. Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahren lassen. Freilich ist der Versuch, die Sorgen loszuwerden, ebenfalls ein Bemühen um die Kontrolle der Dinge. Im Sinne von wu-wei muss man sich daher die Freiheit der Sorge gestatten, „den Geist denken lassen, was er will“ (Lieh-tzu). Aber man muss sich gestatten“, ist bloß eine Redensart, eine grammatische Fiktion, da man – um es klar auszusprechen – wenigstens alles das ist, was man erlebt, und der Geist oder das Bewusstsein ist identisch mit dem sogenannten Raum, und zwar uneingeschränkt.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

Das größte Geschenk, was du machen kannst, ist dich und, so anwesend, den anderen einfach zu lassen. „Im Sinne von wu-wei muss man sich daher die Freiheit der Sorge gestatten, den Geist denken lassen, was er will.“ Ja, klar, müssen muss man gar nichts und selbst ein Geschenk kann man sich nicht machen. Vielleicht geschieht es ja, dass es geschieht …

Alan Watts verweist auf das Problem, dass diejenigen haben, die glauben, nicht zu haben, und die haben wollen: „Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahren lassen.“ Solange das so ist, werden sie auch mit den besten Ratschlägen nichts anfangen können. Ganz im Gegenteil, entweder wird jeder Ratschlag zornig abgeschmettert oder der arme Mensch rutscht dadurch noch tiefer in Verzweiflung, hat man ihm doch zusätzlich zu seinem Elend auch noch eine unlösbare Aufgabe aufgehalst. Und wenn er dann bei der Lösung der Aufgabe versagt, und er kann ja nur versagen, dann drückt ihn auch noch das Bewusstsein seiner Unfähigkeit nieder.

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25,29) Na klar, werden viele sagen. Sieht man doch: Die Reichen brauchen keinen Finger rühren. Sie kassieren einfach die Zinsen und Zinseszinsen ihrer Vermögen und können leben wie die Made im Speck. Ja, ja, mag ja stimmen, aber darum geht es nicht im Geringsten bei dem, was Jesus hier darzustellen versucht.

Alan Watts macht darauf aufmerksam, dass es um die Haltung geht. Wenn du alles in der Hand haben willst, dann ist das ein geschlossenes System und du kannst die Sorgen nicht fahren lassen; das würde nämlich ein offenes System voraussetzen, sonst wird da nichts draus. Letztlich kommt man immer wieder auf Buddhas wundervollen Ratschlag zurück: Liebe dich selbst (lass dich einfach sein) und beobachte, sei achtsam, sei Zeuge dessen, was geschieht – heute, morgen, immer. Vielleicht kann dies ja nach und nach zu deiner Grundhaltung werden. Also was Besseres fällt mir gerade auch nicht ein.

offen

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20 Antworten zu Alan Watts: das ärgerliche Paradox

  1. fredo0 schreibt:

    ich halte viel vom Scheitern …
    auch und gerade vom Scheitern an einem Paradox …

    und … ich sehe das Scheitern als das berühmte Nadelör …

    demzufolge habe ich immer den süßen Duft vom „Widerstandsverlust“ beim eigenen Scheitern gehabt , da ich immer ahnte, was hinter dem Nadelör wartete, und mir das seltsam vertraut erschien.

    Scheitern scheint mir geheimes Voran . Eine Art Tarnung vor dem stets okkupierenden „Ich kanns“ . Denn beim Scheitern scheint das „Ich kanns“ nicht so interresiert.
    Eine feine Gelegenheit.

    Demzufolge sehe ich in den zitierten Worten eher die Formulierung eines generellen Prinzips aus Beobachtung , als ( wieder mal ) eine Anweisung, die ins Dilemma führen muss . Oder …. hey … könnte sein …. eine besonders raffinierte „Anweisung“ , genau weil sie ins Dilemma führen muss😀 !

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  2. Jens Gantzel schreibt:

    Schaut! Leere Hände,
    Sich spiegelnd im Mond,
    Nur das ALL, all DAS haltend.
    (Irgendwann 2008 fiel mir das zu diesem Thema ein)

    Ja, dein abschließender Absatz hat es in sich, hat einen echt guten Weg in sich. Da muss dir gar nix Besseres einfallen😉
    Mir hat das Folgende (auch ziemlich grundlegend) sehr geholfen:
    Kann ich die Umstände ändern… kann ich die Umstände ändern.
    Kann ich die Umstände nicht ändern… kann ich meine Einstellung dazu ändern.
    Und wenn ich mich gerade schwer tue, sowohl das eine als auch das andere zu tun… dann ist es super, wenn ich mich mit genau dieser Unschlüssigkeit, scheinbaren Unfähigkeit, möglicherweise dieser Unwilligkeit genau so zu akzeptieren (und zu lieben), wie ich gerade bin.
    War auch mühsam… aber hat geholfen, kurzfristig als auch nachhaltig.

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  3. Prem Kasina schreibt:

    „so weit, so gut…“, meint der Weise auf halber Strecke beim Sturz in die Tiefe…

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  4. fredo0 schreibt:

    Die schlechte Nachricht : “ du fällst ! “
    Die gute Nachrichtt : “ es gibt keinen Boden ! „

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  5. Eno schreibt:

    „Take it easy!“

    Tehk it ih-sie, sagen sie dir,

    Noch dazu auf english.
    „Nimm´s auf die leichte Schulter!“

    Doch, du hast zwei.
    Nimm´s auf die leichte.

    Ich folgte diesem populären
    Humanitären Imperativ.
    Und wurde schief.
    Weil es die andere Schulter
    Auch noch gibt.

    Man muß sich also leider doch bequemen,
    Es manchmal auf die schwerere zu nehmen.

    Mascha Kaléko

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  6. Strandläufer schreibt:

    Liebe dich selbst (lass dich einfach sein) und beobachte, sei achtsam, sei Zeuge dessen, was geschieht – heute, morgen, immer.

    Mir fällt auch nichts besseres ein und muss auch gar nicht, denn es „funktioniert“, gerade weil es nicht funktionieren will und muss. Es „funktioniert“ also auch, wenns nicht funktioniert – gut für so unausgeglichene Temperamente wie mich, die sich über jeden Mist aufregen, weil sie so hypersensibel sind.

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  7. punitozen schreibt:

    Leb’ kein halbarschiges Leben, so wie einer, der ständig an seinen eigenen Fürzen riecht….
    Ich atme aus .. atme ein…atme aus .🙂

    PUNITO

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  8. schildkroetin schreibt:

    “Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.” (Mt 25,29) Na klar, werden viele sagen. Sieht man doch: Die Reichen brauchen keinen Finger rühren. Sie kassieren einfach die Zinsen und Zinseszinsen ihrer Vermögen und können leben wie die Made im Speck. Ja, ja, mag ja stimmen, aber darum geht es nicht im Geringsten bei dem, was Jesus hier darzustellen versucht.“

    danke für dieses Zitat.
    Könnte mir bitte einer von euch erklären worum es denn nun geht „bei dem was Jesus hier dazustellen versucht“?

    p.s. dazustellen finde ich eine sehr spannende Formulierung. Es muss also was Schweres sein, was Jesus sagen wollte, dass selbst er, der große Prophet, der soviel Weisheit hatte nicht klar und einfach sagen kann, worum es geht.

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