Du bist du, und ich bin ich.


Fritz
Manchmal fällt in einem Gespräch irgendein Begriff, der in der Folgezeit immer wieder mal ins Bewusstsein hochblubbert. Kürzlich war es der Begriff „archaisches Denken“, der im Zusammenhang mit der Gewaltbereitschaft in den islamischen Ländern aufgetaucht ist. Bei dem Stichwort „archaisches Denken“ fällt mir zunächst das alte Gesetz von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ein, das ja bereits das noch archaischere Gesetz der Blutrache ersetzen sollte. Ägypter wie Israelis kannten das Gebot, das Töten verbietet, das also über das Gesetz von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hinausging. All diese Gesetze, waren ein Versuch, die offensichtliche Gewaltbereitschaft des sog. homo sapiens unter Kontrolle zu bringen. Diese Gewaltbereitschaft bzw. dieses archaische Denken würde ich nicht nur bei den islamischen Ländern ansiedeln wollen. Die christlichen Europäer und ihre Kolonisiatoren haben sich weiß Gott nicht durch das Fehlen von Gewaltbereitschaft ausgezeichnet.

InteressenIch stimme diesen bemerkenswerten Worten Egon Bahrs absolut zu und gehe noch darüber hinaus, indem ich sage, dass es nicht nur in der internationalen Politik um die Verteidigung der eigenen Interessen geht, sondern auch bei jedem einzelnen Menschen. Fritz Perls wurde wegen seines Gestaltgebets häufig als kaltherziger Egoist gebrandmarkt. Dabei zeigte er mit seinen Worten nur dieselbe Klarheit wie Egon Bahr. Für die, die es nicht (mehr) parat haben, hier noch einmal der Text seines „Gestaltgebets“:

Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,
Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.
Du bist du, und ich bin ich.
Und wenn wir uns zufällig finden – wunderbar.
Wenn nicht, kann man auch nichts machen.

Wenn wir uns zufällig finden – wenn wir feststellen, dieselben Interessen zu haben – wunderbar. Wenn nicht, kann man auch nichts machen. Wenn A Urlaub am Meer machen will und B in den Bergen, dann haben wir es mit unterschiedlichen Interessen zu tun. Wenn A B nun dazu bewegen will, ebenfalls ans Meer fahren zu „wollen“, dann haben wir es bereits mit einem Akt der Gewalttätigkeit zu tun. Das Gestaltgebet ist zutiefst anarchistisch. Es basiert auf Freiwilligkeit bei allen Beteiligten. Der hier gezeigte Weg der Gewaltfreiheit geht weit über das sog. archaische Denken hinaus, das eigentlich nur eine Option kennt: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein!“

Kann es denn überhaupt noch Gemeinsamkeit zwischen A und B geben, wenn die Interessen so weit auseinander liegen? Nun, es gäbe die Möglichkeit, dass beide getrennt Urlaub machen, und sich anschließend bärenmäßig darauf freuen, den anderen wiederzusehen. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit, dass sie einen Kompromiss finden, der beiden gerecht wird.

Meer und GebirgeWie wär’s denn beispielsweise mit Makarska in Dalmatien? Man könnte sich natürlich auch auf einen möglicherweise faulen Kompromiss einigen: Ein Jahr fahren wir ans Meer und im nächsten Jahr ans Gebirge. Oder noch fauler: Wir einigen uns auf die Mitte zwischen Meer und Gebirge. Auf was immer sich die beiden einigen, wichtig ist nur eines: Freiwilligkeit auf beiden Seiten. Dann kann auch auf beiden Seiten ein Lernprozess stattfinden, der einer synergetischen Kreativität nicht im Wege steht, wie dies bei durch Gewalt bestimmten „Lösungen“ der Fall ist. Da brauche ich nur an das Thema Schule denken.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist natürlich: Wie sind die Menschen dazu zu bewegen, dass sie die anarchistische Lösung als die für alle Beteiligten Sinnvollste erkennen. Jetzt könnte ich sagen: Sie werden es sehen, wenn sie erkennen, dass das Ego nur eine Vorstellung ist. So eine Antwort bringt natürlich absolut rein gar nichts, weil dann natürlich sofort die Frage käme: Und wie bringt man die Menschen dazu, das zu erkennen? Antwort: Keine Ahnung. Es ist nun mal nicht machbar.

Dante„Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

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15 Antworten zu Du bist du, und ich bin ich.

  1. Prem Kasina schreibt:

    ganz kurz, was grade lang verloren ging:
    die Hoffnung ist abgegeben… meine Schuhe daneben gestellt… ich betrete das Portal (hier gibt es doch immer etwas Neues, Interessantes)…

    Mutig finde ich die Äußerung von Egon Bahr. Eine viel geringere Wahrheit kostete Köhler den Hut (Handelswege freihalten in Afghanistan). Ich glaube aber, dass es keine Staatsinteressen, sondern die Interessen der wenigen Mächtigsten eines Staates sind, die Demokratie und Menschenrechte nur als Vorwand bemühen und denen diese im eigenen Land auch oft schon eher hinderlich sind… Demokratie und Menschenrechte betrachte ich als Luxusartikel, die ich längst über Bord gehen sehe…

    Sehr, sehr schön, finde ich das Gestaltgebet. Aber auch hier frage ich mich, ob nicht, wer die Macht hat, auch durchsetzen kann, dass seine Erwartungen Erfüllung finden… Sobald Abhängigkeiten bestehen, kann ein: ich tu, was ich tu und bin nicht auf der Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, recht unliebsame Folgen haben… ich finde, es gilt hier abzuwägen und sich gegebenenfalls für das kleinere Übel zu entscheiden…

    jetzt ist der Text doch wieder lang geworden…

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  2. doro schreibt:

    Wenn jemand jemand anderen dazu bewegen will, etwas gegen dessen Willen zu tun, dann ist das bereits gewalttätig, so schreibst Du sinngemäß. Dem stimme ich zu, aber ist es nicht gleichfalls gewalttätig, meine eigenen Wünsche zu unterdrücken? Und weiß ich denn über alle meine Wünsche Bescheid? Habe ich wirklich einen freien Willen? Bin ich nicht durch viele bewusste und unbewusste Wünsche, Ängste und Erlebnisse gehemmt und beeinflusst.

    Bei dem Gestaltgebet stört mich so einiges. Erstens fehlt mir die Liebe darin: wenn es Dein großer Wunsch ist, dann werde ich es so lange ich es kann, erfüllen. Zweitens fehlt mir dann der eigentliche Grund dafür, warum man auf der Welt ist, wird das später noch gesagt? Drittens fehlt mir die Neugierde: was ist es, was Dich daran reizt, ans Meer zu wollen? Kannst Du mir zeigen, was ich nicht sehe, was kann ich entdecken, was kann ich erleben?

    Es scheint zielstrebig ein Weg verfolgt zu werden, aber verschließe ich mich nicht dem, was das Leben mir präsentieren will?

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    • Nitya schreibt:

      Das Leben präsentiert dir z.B. eine musikalische Begabung. Deinem Partner präsentiert das Leben die Abwesenheit einer derartigen Begabung, Du liebst es, in die Oper zu gehen, dein Partber langweilt sich in der Oper zu Tode. Er würde lieber Fußball gucken. Soll er sich „aus Liebe zu dir“ in die Oper quälen? Sollst du auf den Besuch der geliebten Oper „aus Liebe“ verzichten. Soll dein Partner „aus Liebe“ heucheln, dass er sich für die Oper interessiert? Sollst du „aus Liebe“ heucheln, dass du dich nicht für die Oper, sondern z.B. für Fußball interessierst?

      Vielleicht erinnerst du dich an Buddhas Empfehlung: Liebe dich selbst und sei achtsam – heute, morgen, immer! Liebe ohne Selbstliebe dürfte reine Manipulation sein.

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      • doro schreibt:

        Es geht so ein wenig um die Häufigkeit, ab und zu könnte man schon einmal mitgehen, ohne dass man sich gleich verbiegt. Aber ich habe schon verstanden…

        Ist es denn wünschenswert, dass mit einem Partner nur noch durch „gut“und nicht mehr durch „böse“ gewandert wird, denn wer wandert schon völlig freiwillig durch schlechte Zeiten? Ist es wirklich wünschenswert, dass wir lauter Individualisten werden, die keine festen langjährigen Beziehungen haben? Ich empfinde es als Weglaufen, wenn ich mir anscheinend nur die Rosinen rauspicke… Gehört das überhaupt noch zum Thema?

        Mir fehlt bei dem Gestaltgebet Nähe, Fürsorge und Emotion, aber das ist wohl mein persönliches Empfinden. Ich erinnere mich an das Dokument von Peter Orban, das Du neulich beigefügt hast, verallgemeinert man seine Aussage, so begegnet man den Problemen, die man gerade zu bewältigen hat. Da sollte man wohl an dem Punkt versuchen herauszufinden, ob es gerade darum geht, sich auf Dinge einzulassen oder, „Nein“ sagen zu lernen, um sich nicht verbiegen zu lassen.

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      • Nitya schreibt:

        Schau dir mal den Rosenkrieg an, wenn „ein Paar“ auseinander geht. Es ist die Stunde der Wahrheit. Was für ein Hass auf den anderen wird da sichtbar, weil der einem die eigenen Erwartungen nicht erfüllt hat; was für ein Hass auf den anderen wird da sichtbar, weil man sich selbst aus angeblicher Liebe so lange verbogen hat. Das Geschäft ist nicht aufgegangen. Liebe in der Dualität ist immer Hass-Liebe und das ist überhaupt keine Liebe, sondern ein Geschäft.

        Ob es wirklich wünschenswert ist, dass wir lauter Individualisten werden, fragst du. Ich spreche nicht von wünschenswert, sondern von dem, was aus meiner Sicht ist. Die ollen Ch’an-Meister waren allesamt Individualisten, Anarchisten – was einige nicht gehindert hat, langjährige Beziehungen zu haben.

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    • Prem Kasina schreibt:

      Interessant finde ich die Frage: weiß ich denn über alle meine Wünsche Bescheid. Es ist ja nicht nur so, dass Wünsche im Außen kollidieren, sie liegen im Gegenteil auch im Innen im Clinch. Mein Unternehmungsgeist will mit dem Segelboot ausfahren, mein innerer Schweinehund sitzt lieber am PC usw… Alle Bedürfnisse wollen befriedet werden, alle fordern Raum und ich denke, es ist gut , ihnen auch allen Raum zu geben. Die Frage, wie viel jeweils, ist ein Balanceakt, der Fingerspitzengefühl erfordert…

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      • Prem Kasina schreibt:

        ach, zum Rosenkrieg: da finde ich es wirklich besser, Individualist zu sein. Die Vorstellung, meine Ohren einer Oper auszusetzen, lasse ich lieber ganz schnell wieder fallen… Ich finde es für ein Zusammenleben wichtig, dass es echte Gemeinsamkeiten gibt und Verschiedenheiten getrennt ausgelebt werden können. Wieso soll es da denn gleich zu einer Trennung kommen?

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  3. Elwood schreibt:

    (und alle haben das Gefühl von “ich bin richtig”)

    Ist das so?
    Oder habe ich eher das Gefühl NICHT richtig zu sein?
    Vielleicht ist nur das Gefühl „meine MEINUNG ist richtig“?
    MEINE Meinung über MEINE Sicht der Welt und wie sie sein SOLLTE, damit ICH mich richtig fühlen kann – darf?
    MUSS ich diese vieleicht einfordern, ansonsten bin ich ein Waschlappen und kann MEINE Welt nicht genießen?
    KANN ich meine begrenzte Sichtweise(Perspektive)auf MEINE Welt überhaupt einfordern?

    Das ICH(EGO) erschafft eine Trennung und ist ein Standpunkt, von dem aus ich vergleichen – messen kann, um mich zu orientieren als Subjekt. So erschaffe ich Objekte zur Bindung(Messung) und vergesse aus Verliebtheit in diese Objekterschaffung, dass der ursprüngliche Standpunkt(ich) beliebig(konstruiert) ist.
    Die Kontruktion kann „für sich“ richtig(logisch) sein.
    Für ein Rezept zum Kuchenbacken reicht es.
    Aber muss mein Kuchen den Rest der Welt schmecken?

    ich bin richtig
    ich bin nicht richtig
    ich bin richtig und nicht richtig
    weder bin ich richtig, noch bin ich nicht richtig

    ich kann jederzeit töten(oder auch nicht), aber es besteht keine notwendigkeit mehr….
    aber schwatz mir bloß keine Hamburger Aalsuppe auf….

    Bla,bla –bla,bla aus einem beliebigen Standpunkt(Perspektive) aus gesehen.
    Taugt überhaupt nichts – um eine Meinung zu hegen…..

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