Shankara: das Eine ohne ein Zweites

 

ShankarawurmBrahman ist das Höchste. Brahman ist die Wirklichkeit – das Eine ohne ein Zweites, Es ist reines Bewusstsein, frei von jeder Färbung, Es ist die Ruhe selbst. Es hat weder Anfang noch Ende. Es ist keinem Wandel unterworfen. Es ist immerwährende Freude.

Brahman übersteigt die Erscheinung der Vielfalt, die Mayas Werk ist. Es ist ewig, für immer jenseits von Leid, nicht teilbar, nicht zu messen. Es ist ohne Gestalt, ohne Namen, einheitlich, unveränderlich. Es strahlt mit seinem eigenen Licht. Jede Erfahrung, die dieses Weltall zu bieten hat, ist Brahman.

Die erleuchteten Seher erkennen Brahman als höchste, unendliche, absolute, ungeteilte Wirklichkeit, als reines Bewusstsein. In Ihm erfahren sie, dass der Wissende, das Wissen [Erwerben] und das Gewusste eins geworden sind.

Die Erleuchteten kennen Brahman als die Wirklichkeit, die weder beiseitegeschoben (denn es ist immer gegenwärtig in der menschlichen Seele) noch erfasst werden kann (da Es jenseits von Gedanke und Wort ist). Sie wissen, dass Es unmessbar, ohne Anfang, endlos, erhaben in seinem Glanze ist. Sie verwirklichen die Wahrheit des »Ich bin Brahman«.

aus: Shankara, „Das Kleinod der Unterscheidung“

Das Erwerben in den eckigen Klammern im vorletzten Absatz habe ich eingefügt, weil ich einen Übersetzungsfehler vermute.

Ich muss mal ein bisschen lästern. Ich meine, was macht man jetzt mit so einem heiligen Text? Immerhin hat derselbe Shankara ja auch gewusst: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Also, all ihr Unbefreiten, vergesst die weisen Worte Shankaras einfach wieder, da ihr sie eh nicht versteht und weil ihr euch dann wieder ein Zeug zusammenreimt, das nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hat, was gemeint war. Und all ihr Befreiten – na ja, ihr werdet nicht einmal die Miene verziehen und vielleicht denken: Ja, ja, was sabbelt der Kollege Shankara da schon wieder für ein überflüssiges Zeugs daher. Der soll doch einfach mal die Klappe halten.“

Hmm, da gibt es also die Unbefreiten und die Befreiten. Aber da gibt es noch eine Gruppe: Die Alles-Versteher. Die Alles-Versteher können dir den Shankara oder sonst irgendso’nen heiligen Knaben runterbeten von vorn bis hinten und wieder zurück. Was sie dabei übersehen, dass immer nur Erscheinungen verstanden werden können. Also, eine Mutter mit Rechtsgewinde passt nicht auf eine Schraube mit Linksgewinde. Das sind Erscheinungen, und die kann man verstehen. Man kann auch den Text von Shankara verstehen. Ja und? Dann bin ich halt ein Klugscheißer, eben ein Alles-Versteher. Damit kann sich jetzt mein Ego stolz in die Brust werfen und vielleicht sogar ein paar verwirrte Geister beeindrucken. Shankara sagt, dass die Wirklichkeit weder beiseitegeschoben noch erfasst werden kann. Also, Pustekuchen. Die Alles-Versteher können sich ihr ganzes Verstehen getrost an den Hut stecken und sich wat schämen.

Ein Satz verdient vielleicht noch besondere Aufmerksamkeit: „Jede Erfahrung, die dieses Weltall zu bieten hat, ist Brahman.“ Ich denke gerade daran, wie ein für die IS tätiger, radikalisierter Brite dem amerikanischen Journalisten James Foley mit einem Messer den Kopf abschneidet, und wiederhole den Satz: „Jede Erfahrung, die dieses Weltall zu bieten hat, ist Brahman.“

JF

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5 Antworten zu Shankara: das Eine ohne ein Zweites

  1. Marianne schreibt:

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
    Sie sprechen alles so deutlich aus:
    Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
    und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

    Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
    sie wissen alles, was wird und war;
    kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
    ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

    Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
    Die Dinge singen hör ich so gern.
    Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
    Ihr bringt mir alle die Dinge um.

    Rainer Maria Rilke, 21.11.1898, Berlin-Wilmersdorf

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  2. margitta müller schreibt:

    das von dir lieber nityia und mariannes rilke-bleib-fern, hat mich zutiefst berührt. allerdings weiss ich nicht was.

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