Daniel Odier: der Fliegenwedel.


Fliegenwedel
Wenn wir nicht glauben wollen, dass es im Abendland eine Erneuerung des Ch’an und Zen geben kann, dann leugnen wir damit den vitalen Geist des Buddhismus. Wenn ich zur Befreiung auch nur eines einzigen Lebewesens beitragen kann, dann riskiere ich gern jeglichen Status und alle Anerkennung. Dann verbrenne ich gern meinen Fliegenwedel. Ich habe keine Ambitionen, die darüber hinausgehen, ein Übender zu sein, ein Mensch wie alle anderen, der die Lehren lebt und der den Dharma der Identität aller Wesen in der räumlichen Dimension der täglichen Praxis mitten in der Gesellschaft offenbart. Kein Ort in dieser Welt macht mir Angst. Da gibt es nichts, das nicht eine Manifestation des Absoluten wäre. Ein Bahnhof ist so gut wie eine Meditationshalle. Eine Rave-Party ist so gut wie ein Kloster.

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“

Mein erster Gedanke, als ich auf diesen Abschnitt stieß: „Gut gebrüllt, Löwe!“ Mein zweiter und eine Präzisierung des ersten Gedankens:“ Du alter Angeber!“ Gott, bin ich froh, dass ich kein Buddhist bin und auch keinen Fliegenwedel besitze! (Der Fliegenwedel gehört zu den Insignien der Autorität eines Sifu, der die Übertragung einer Linie erhalten hat.) Der Typ da oben auf dem Bild ist übrigens nicht Daniel Odier, sondern der koreanische Zen-Meister Kusan Sunim. Er möge mir verzeihen, dass ich ihn hier als Anschauungsobjekt missbrauche. Ich dachte zuerst, das sei die Reklame eines Kostümverleihs. Also, wer keinen Fliegenwedel besitzt, kann auch nicht mit der Heldentat „drohen“, ihn zu verbrennen. Ich habe auch nicht „jeden Status und alle Anerkennung“ zu verlieren, dazu müsste ich ja diese ebenfalls erst mal stolz mein Eigen nennen können. Meene Fresse, watt für’n Jedöns!

Also ich beneide sie ja nicht, all die Satsanglehrer und Gurus. Der Erwartungsdruck ihrer Fans, dass ihre Idole etwas ganz Besonderes sind, kann einem glatt den ganzen Charakter versauen. Zuerst strebt man ganz nach oben und dann demonstriert man seine Größe, indem man darauf hinweist, dass man auch jederzeit auf all das Erreichte wieder verzichten kann. Zweimal groß – wow! Da lob ich mir „meinen ersten Guru“ Heinz Butz, der nie groß sein wollte und es auch nie war, der immer nur ein ganz gewöhnlicher Mensch war und nie etwas anderes sein wollte. Und ich lob mir meinen Osho, der mit seinem Gurutum so übertrieb, dass es vielleicht sogar dem letzten Bekloppten hätte dämmern können, dass er sich über den ganzen Schafscheiß einfach nur lustig machte. Dass ihn da zum Teil nicht einmal seine eigenen Anhänger verstanden haben – wie könnten einen auch je die An-Hänger verstehen? Kann Buddha was für die sog. Buddhisten, Jesus was für die sog. Christen, …? Eben. Gott, was hat sich Jiddu Krishnamurti abgestrampelt in dem Bemühen, seinen Zuhörern klar zu machen, dass er kein Guru ist! Eigentlich kann man nur allen Buddhas raten, die Klappe zu halten. Sie halsen sich bloß Scherereien auf, wenn sie den Mund aufmachen.

Daniel Odier sagt: „Kein Ort in dieser Welt macht mir Angst. Da gibt es nichts, das nicht eine Manifestation des Absoluten wäre. Ein Bahnhof ist so gut wie eine Meditationshalle. Eine Rave-Party ist so gut wie ein Kloster.“ Boaahhh, wie gewaltig das klingt. Und ich armes Hascherl hab schon Angst in den Keller zu gehen und da wieder in ein neues Zitterspinnennetz zu laufen. „Da gibt es nichts, das nicht eine Manifestation des Absoluten wäre.“ Schon klar. Auch meine Angst aus Kindertagen, in ein Spinnennetz zu laufen, ist eine Manifestation des Absoluten und kein bisschen mehr oder weniger wert, als die angebliche oder tatsächliche Angstfreiheit des Daniel Odier. Solche Posaunentöne reizen mich ja immer gemeinerweise dazu, am liebsten mit dem Herrn das Märchen „Ach, wenn mir nur gruselte!“ aufführen zu wollen. Ich würde mir schon was einfallen lassen, was ihm einen Schauer nach dem anderen den Rücken rauf und wieder runter jagen würde. Immer diese Übermenschen, also nein.

„ein Mensch wie alle anderen“ … na eben, reicht doch. Wozu braucht ein Mensch einen Fliegenwedel – außer vielleicht zum Fliegen Wegwedeln? Aber damit jetzt kein Zweifel aufkommt: Heut hab ich mich nur auf einen Aspekt des Buches von Daniel Odier gestürzt. Ansonsten gefällt mir das Buch ziemlich gut.
                                     FliegenwedelFliege

 

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7 Antworten zu Daniel Odier: der Fliegenwedel.

  1. Prem Kasina schreibt:

    ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Allerdings kommt mir der Name des Textautors recht abendländisch vor und wenn er einer von uns ist, wundere ich mich über Status und Fliegenwedel… Auch muss er ein Zeitgenosse sein, wenn er Rave-Partys kennt…
    Er muss das Gefühl haben, befreit zu sein, wie sonst könnte er Befreiung weitergeben… Darf er aber von mir aus… Ich lege ihm keine Steine in den Weg, solange er nicht an meine Türe klopft…

    Habe gestern gelesen, was hier unter Butz so alles steht und war fasziniert. Dazu hat dieser Typ mit einem Satz eins meiner Jugendprobleme gelöst: Ich malte und zeichnete sehr gerne, was aber mit den fertigen Produkten anfangen? Aufhören, fiel mir als Lösung ein. Ab in den Papierkorb ist viel, viel besser. Ich werde mir einen Block und neue Stifte besorgen…

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    • Nitya schreibt:

      „Ich werde mir einen Block und neue Stifte besorgen…“

      Das ist eine wirklich schöne Morgen-Botschaft!🙂

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      • Prem Kasina schreibt:

        Nitya, eben habe ich entdeckt, dass meine Beiträge nicht nur auf deiner Seite, sondern zusätzlich noch unter meinem Namen im Netz stehen. Das gefällt mir nicht. Durchs Netz zu schwirren, tut mir ohnehin nicht gut. Das spüre ich genau. So ab und an mal eintauchen ist schon o.k., aber dann erst wieder verdauen…
        Deine Seite hat mir die tanzenden Esel und den Papierkorb geschenkt. Das ist Gold wert und wird mich lange beschäftigen. Ich danke dir sehr dafür…
        Bis dann…

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Anisak,

      Da dies ein offener Blog ist, kann jeder hier reingucken, auch das www.

      Wenn du deinen Namen nicht im www sehen und weiterhin hier schreiben möchtest, kann ich dir nur empfehlen, dir einen Nicknamen zuzulegen.

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  2. fredo0 schreibt:

    Ich schreibe ja seit Jahren bereits in diversen Foren . Dabei traf ich auf einen Zen“meister“ , der sich in den Foren oft „ikkyu“ nannte … seine Namenswahl hat erst durch die Infos hier bei Nitya ihren guten Witz erhalten, da ich den historischen Ikkyu geradezu in mein Rabauken-Herz geschlossen habe … was mir , mitlerweile aber auch mit seinem Nick-Namens-Vetter so ergangen ist. Unsere Verbalfights zwischen „Advaita-es ist nix zu tun“ und „strenge Zen-Praxis ist nötig“ hatten zwischenzeitlich geradezu epische Ausmaße in den Foren angenommen , da wir beide wohl von ähnlicher intellektueller Zähigkeit und geradezu kriegerischer Beharrlichkeit geplagt sind .

    Einen meiner besten „Treffer“ landete ich , als ich erwähnte , dass Buddha einst seine Mönche nicht als Erwählte sondern als besonders Bedürftige bezeichnet hatte.
    Das also der Fliegenwedel , als Sinnbild für Unterweisung und Führung, in Buddhas Verständnis nix anderes wie ein Krückstock für Lahme ist.
    Den anderen , nicht ganz so lahmen, reichte da ein Hinweis-Blümchen …..

    Wenn Nick-Ikkyu dies liest , und er war hier schon mal zu Besuch … grins …. wird er mir bestimmt wieder argumentativ an die Gurgel gehen … hach wie schön waren unsere „Fights“ werter Freund ….

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  3. Elwood schreibt:

    Wie mans macht, isses verkehrt.
    Ohne Untermensch kein Übermensch…
    Ohne Übermensch kein – was auch…
    Liegt es an unser Sprache?
    Das sie dem unterscheidenen Geist entspringt?
    Ist es vielleicht schon Übermenschlich kein Übermensch zu sein?
    Kann man nur noch schweigen?
    Oder wirkt es so arrogant, dass man auch auf dem Scheiterhaufen landet?
    Selbst die Schimpansen schauen sich viel lieber die Bilder von ihren Oberaffen an, als die von ihren Unteraffen…
    Und was soll das jetzt?
    Keine Ahnung….
    Es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht
    Hat Daniel jetzt diesen seinen Wedel verbrannt oder nicht?

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  4. Sunny T Oakwood schreibt:

    Daniel Odier als moderner Tantriker… aber wie auch immer, wie kann ich wissen, was die Wahrheit für einen andern ist, solange ich meine eigene nicht kenne?

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