Simone de Beauvoir: keine gegenseitiger Bindung


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In der Welt, in der wir leben, sind Tugenden selten, und daher zeigen Individuen, die zwar unter den gleichen Bedingungen leben, aber keine Bindung zu einander haben, eine Verhaltensweise, durch die jeder zum Feind des anderen wird und sich selbst schadet – Sartre bezeichnet solche Menschenmengen als „Serien“. Bei einer Panik beispielsweise erdrücken, zertrampeln, töten Menschen einander und erzeugen damit oder vergrößern die Katastrophe, die durch besonnenes Verhalten verhütet oder doch in Grenzen gehalten worden wäre. Dasselbe zeigt sich an der Börse und bei Verkehrsstauungen. Und solange zwischen den einzelnen Arbeitern innerhalb ihrer Klasse keine gegenseitige Bindung bestand, fiel es den Unternehmern nicht schwer, sie auszubeuten. Jeder Arbeiter sah im anderen einen Konkurrenten, der bereit war, sich um einen Hungerlohn anstellen zu lassen; daher versuchte jeder, die eigene Arbeitskraft noch billiger zu verkaufen. Forderungen konnten erst erhoben werden, als sich Gruppen gebildet hatten, in denen jeder einzelne den anderen als seinesgleichen erkannte. Die Geschicklichkeit der Deutschen bestand darin, die Juden in „Serien“ aufzuspalten und eine Umwandlung der „Serien“ zu verhindern. Im Wilnaer Getto – und überall war es dieselbe Taktik – teilte die SS die Bevölkerung in Parias und Priviligierte. Nur die Parias wurden von den Razzien betroffen; aber auch die zweite Kategorie wurde immer wieder unterteilt, bis hin zur endgültigen Liquidierung. Trotzdem kam es im Wilnaer Getto zu einem Ansatz von Widerstand, der jedoch mit Leichtigkeit unterdrückt worden ist.

aus: Simone de Beauvoir im Vorwort zu Jean- François Steiners „Treblinka“

+Das Buch „Treblinka“ wurde nach seinem Erscheinen ziemlich kontrovers bewertet. Dabei ging es nicht darum, dass die Schuld des nationalsozialistischen Regimes in Frage gestellt wurde, sondern darum, ob und inwieweit die Opfer ihr Opferdasein mit zu verantworten hätten. Für den Autor war es einfach eine eminent wichtige Frage, wie es geschehen konnte, dass eine Handvoll Krimineller Hunderten von Menschen den sicheren Tod bringen konnte. Hier ein Artikel von Jean Améry im Spiegel aus dem Jahr 1966.

Simone de Beauvoir geht in ihrem Vorwort weit über die Machenschaften der SS hinaus. Die SS habe nur ein Verfahren bis zur äußersten Perfektion getrieben, das beispielsweise bei großen Unternehmen praktiziert wurde (und wird – und nicht nur bei großen Unternehmen, sondern natürlich auch vonseiten der Politik). Aber auch ohne bewusste Manipulation von außen sind dieselben Opfer-Verhaltensweisen zu beobachten. Als Beispiele dienen die Verhaltensweisen der Menschen in einem Verkehrsstau oder bei einer Panik. Simone de Beauvoir sieht die Ursache im Fehlen gegenseitiger Bindung mit der Folge, dass jeder den anderen als Konkurrenten und damit zumindest als potenziellen Feind betrachtet.

Vorgestern hatte ich hier Nisargadatta mit dem Satz stehen: „Da ich zu jeder Zeit und an jedem Ort das Subjekt so wie das Objekt der Erfahrung sein kann, drücke ich es dadurch aus, dass ich sage: Ich bin beides und keines von beiden und jenseits von beiden.“ Wer dies sagen kann, ist über das hinausgelangt, was gegenseitige Bindung bedeutet. Es ist das Ende jeglichen Getrenntseins. Nisargadatta sagte: „Ich nenne diese Fähigkeit, andere Hüllen des Bewusstseins zu betreten, Liebe.“ Mystiker waren seit jeher eine verschwindend kleine Minderheit. Es wird Zeit, dass begriffen wird, dass wir uns wohl in absehbarer Zukunft alle umbringen werden, wenn die Bedeutung mystischer Einsicht für das Überleben der menschlichen Art nicht endlich gesehen wird.

Die SS könnte auch als Beispiel gegenseitiger Bindung gesehen werden. Dass gegenseitige Bindung nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss ist, mag das folgende Video über das Vernichtungslager Treblinka und seinen Lagekommandanten Franz Stangl zeigen. Ist ein Zurück zu einer indianischen Kultur („nur Stämme werden überleben“) die Antwort im Zeitalter der Globalisierung? Ich erinnere dabei an die soziodynamische Grundformel von Raoul Schindler: Jede Gruppe braucht für ihren Zusammenhalt einen Gegner! Oder führt kein Weg daran vorbei, dass die Menschheit in ihrer Gesamtheit den Weg der Mystiker beschreiten müsste, um ihr physische Überleben erleben zu können?

Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein,
oder er wird nicht mehr sein!

Willigis Jäger
Nitya

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11 Antworten zu Simone de Beauvoir: keine gegenseitiger Bindung

  1. Marianne schreibt:

    Der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein,
    oder er wird nicht mehr sein!

    Lieber Nitya,

    das Zitat stammt von dem bekannten Jesuiten Karl Rahner und es wird auch immer verkürzt weiter gegeben …

    Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein. Einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein

    So, jetzt gehöre ich wohl auch zu den Bissgurk’n …😉

    Herzlich
    Marianne

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    • Nitya schreibt:

      Liieeebe Marianne,

      ich bedanke mich ganz herzlich für deine Richtigstellung!

      Du und eine Bissgurk’n? Wie kommst du nur auf so’ne komische Idee? Nee, nee, nee, Bissgurkn und Zwiderwurzn, die hatte ich ja kürzlich im Visier:

      geiernWer nur in seinem kleinen Käfig auf der Stange hockt und auf den armseligen geistigen Gartenzwergen da unten herumgeiert, verpasst halt einfach das Wesentliche: „Unser wahrer Körper ist wie der Himmel – grenzenlos.“

      Geierst du denn etwa auf dem armen Nitya herum? Nö, du machst ihn dankenswerterweise auf einen falschen Irrtum aufmerksam. Das ist doch eine höchst respektable Tat. Findste nich?

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    • Nitya schreibt:

      Ich hab’s korrigiert.
      Isses so besser?🙂

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  2. doro schreibt:

    Der Gedanke der Trennung führt zur Angst und Angst führt zu Gewalt. Aber bisher war es meine Überzeugung, dass in den allermeisten Gruppen ebenso Angst herrscht und keine wahre Verbundenheit, der Hintergrund zum Zusammenschluss zur Gruppe erfolgt in vielen Fällen doch aus Angst, alleine gegen alle zu sein, aus der Angst, die der Gedanke der Getrenntheit erzeugt. Diese Gruppen sind doch nicht wirklich erstrebenswert. Meiner Meinung besteht die Lösung des Problems tatsächlich in der Erfassung, dass alles miteinander verbunden ist – aber seit mindestens 2000 Jahren gibt es hier erfolglose Versuche, die Welt zu verbessern.

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    • punitozen schreibt:

      Dem Menschen ist sein Sinn sein Dämon.

      Heraklit von Ephesus

      …..seit mindestens 2000 Jahren gibt es hier erfolglose Versuche, die Welt zu verbessern…..
      Wäre es Nicht-Sinn-stiftender „den Weltverbesserungswesen “ die Zunge rauszustecken und bei jhren Weltverbesserungsverheißungen die Frage zu stellen :
      “ Was hast Du davon , würde ich deine Worte iin Taten umsetzen ?“
      Liebe Doro ,
      Da war mal so ein oller Zenmeister der mit seinen Schülern in den Wald ging ,
      um einen toten Fuchs zu begraben .
      Meine Frage : „Stinken begrabene Füchse weiter ? “🙂
      L.G.

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      • doro schreibt:

        Wahnsinnig interessante Frage: was habe ich davon, wenn die Welt besser ist, wenn es keine Gewalt und kein Elend mehr gebe und alle Menschen mit 90 Jahren friedlich in ihren Betten einschlafen würden.
        Ich finde gar nicht die richtigen Worte…

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  3. Elwood schreibt:

    Ist es vielleicht die Tugend selbst, die uns Menschen zum Verhängnis wird?
    Die Verbesserungsversuche wie Doro schreibt?
    Das Streben zur Vervollkommnung – zum Licht – zur Ego-losigkeit?
    Schafft sie nicht eine Kultur der Selbstverleugnung und somit gleichzeitig der Selbstaufblähung?
    Wenn unser tierisches Ego schuld sein soll am Bösen, macht es sich klein und erschafft die Götzen über sich und die Fußabtreter unter sich. Gibt man diesem ohnmächtigen Ego auch nur ein klein wenig Macht, so ergreift es diese wie ein Heroinsüchtiger seinen Stoff und es saugt beißwütig immer mehr davon auf.
    Wie kommen wir darauf, wir hätten die Möglichkeit uns zu verbessern?
    Wir wollen immer irgendwo hin.
    Sag mir bitte wo das Ist?

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  4. punitozen schreibt:

    Lieber Elwood ,
    zum Thema Tugend noch eine olle Einsicht-da-legung .

    Hohe Tugend (tut) keine Tugend,
    daher ist sie Tugend.
    Niedere Tugend (tut) unfehlbar Tugend,
    daher ist sie nicht Tugend.
    Hohe Tugend (tut) Nicht-Tun,
    und es ist ihr nicht ums Tun.

    Niedere Tugend tut,
    und es ist ihr ums Tun.

    Hohe Menschenliebe tut,
    und es ist ihr nicht ums Tun.
    Hohe Gerechtigkeit tut,
    und es ist ihr ums Tun.
    Hohe Sittlichkeit tut,
    und entspricht ihr keiner,
    dann streckt sie den Arm aus und erzwingt es.

    Darum:
    Verliert man Tao, (hat man)
    danach Tugend.
    Verliert man die Tugend, (hat man)
    danach Menschenliebe.
    Verliert man die Menschenliebe, (hat man)
    danach Gerechtigkeit.
    Verliert man die Gerechtigkeit, (hat man)
    danach Sittlichkeit.

    Diese Sittlichkeit ist der Treue und Aufrichtigkeit Außenseite
    und der Verwirrung Beginn.

    Äußerliches Wissen ist Taos Blüte
    und der Unwissenheit Anfang.

    Daher: Ein großer Mann bleibt bei seinem Inhalt
    und weilt nicht bei seiner Außenseite,
    bleibt bei seiner Frucht
    und weilt nicht bei seiner Blüte.

    Darum läßt er jenes und ergreift dieses.
    LAOTSE

    P.S. Deine “ Tapfere Schneiderlein Bildsequenz hat mch amüsiert .
    L.G. PUNITO

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  5. fredo0 schreibt:

    es ist … letztlich … zwangsläufig ….

    dominiert die hypnose eines tatsächlichen „ichs“ , ist verbesserung unvermeidlich , da dieses „ich“ genau dafür biologisch induziert wurde.
    „verbessert“ wurde anfangs die vorsicht vor dem löwen davorne hinter der hecke .
    und diese „verbesserte“ wahrnehmung erwies sich als so erfolgreich, dass sie schlicht zur gewohnheit wurde.

    erlischt , warum auch immer , oder „schwächelt“ diese hypnose , erlischt bzw. schwächelt völlig automatisch auch das „verbesserungs“programm.
    es bedarf also weder bemühung noch gar verzweiflung, diese „verbesserungsbemühungen“ loszuwerden.
    im gegenteil , gerade derartige loswerdungs-bemühungen sind eine besonders vertraxte form der verbesserung.

    verbesserung ist ja bereits (auch)im permanent verändernden der yin-yang-dynamik enthalten. (allerdings auch die verschlechterung) .

    das „vertraxte“ beim verbessern wollen ist ja das wollen ! und die vorstellung des selber machen könnens , und die selektive bevorzugung des verbesserns entgegen dem verschlechtern.

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  6. punitozen schreibt:

    Hallo Nitya ,
    Punito hat sich nach dem Lesen des von Dir ins Netz gestellten Spiegelbeitrag
    eine meditative Selbstschau gegönnt . Daraus aufgetaucht sage ich „Hier !“

    „Die Vergangenheit ist leer – die Zukunft ist leer ! “
    Wie sollte darüber HEUTE befunden werden ob den Gequälten und Geschundenen
    in den Vernichtungslagern des Nazisregimes eine Mitschuld zuzuweisen sei ? .
    Neben dem Artikel ist “ dankenswerterweise “ dem geneigten Politmagazinleser
    zur “ Verdauung des unappetitlichen Lesestoff “ ein deutsches Erzeugnis der persönlichen Vergangenheitsbewältigung angepriesen : SECHSÄMTERTROPFEN nebst dem Slogan –
    PROST , SECHSÄMTERTROPFEN !
    Der tut gut . Den kann man immer trinken !
    Zum Vorwärmen ( Aperitiv ) .
    Als Nachwärmer ( Likör ) .Zum Aufwärmen ( Seelentröster ) .
    Und – als Magenbitter . Ein Tropfen der hilft und nach mehr schmeckt !

    In den historischen Dokumenten der NS-Zeit empfehle ich die Rede des NS-Protagonisten
    Gregor Strasser , der in einer Radioansprache im Jahre 1933 seine 1932 geschriebenen Aufsatz “ Die Staatsidee des Nationalsozialimus “ der Öffentlichkeit vorstellte .

    “ Zum Glück hat ja keiner nix gewußt – wenn ja , war`s auf neu-deutsch ALTERNATIV-los .
    PUNITO
    P.S. : Das Tondokument ist auf auf You Tube im Original zu hören .
    Meiner Betrachtung nach hat ein Neo-Nazi aufgrund der Bildaufmachung diese
    Rede ins Netz gestellt .

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