Lin-chi: ein augenblickliches Jetzt, keine Frage der Zeit


Sanduhr
In der Ch’an-Lehre gilt ein anderes Verständnis – es ist ein augenblickliches Jetzt, es ist keine Frage der Zeit! Alles, was ich lehre, ist nur Behelfs-Arznei, um eine entsprechende Krankheit zu heilen. Es gibt in der Tat keinen wirklichen Dharma. Wer das versteht, ist ein wahrer dem Heim Entsagender; er mag eine Millionen Goldmünzen täglich ausgeben.

Jünger des WEGES, lasst euer Gesicht nicht von irgendeinem alten Meister von irgendwo blindlings mit dem Siegel des Gutheißens versehen, um dann herumzulaufen und zu sagen: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den WEG.“ Obwohl eure Beredsamkeit wie ein reißender Strom ist, ist sie nichts weiter wie Hölle schaffendes Karma.

Der wahre Schüler des WEGES schaut nicht auf die Mängel der Welt, es ist sein dringender Wunsch, wahre Einsicht zu erlangen. Wenn er wahre Einsicht in ihrer vollendeten Klarheit erlangt, dann ist das in der Tat alles.

aus: Lin-chi im „Lin-chi lu“

Der erste Absatz genügt eigentlich schon. Damit ist alles gesagt: Die Ch’an-Lehre besteht nur darin, darauf hinzuweisen, dass sich dieser Augenblick völlig genügt. Alles, was irgendwie „Zeit kostet“, hat nichts mit dem ursprünglichen Ch’an zu tun. Lin-chi sagt: „Alles, was ich [darüber hinaus] lehre, ist nur Behelfs-Arznei, um eine entsprechende Krankheit zu heilen.“ So’ne Art mentale oder Psycho-Therapie. Ein bisschen Schutt wegräumen, sonst nichts. Wer das für das Wesentliche hält, ist auf dem absoluten Holzweg. Und so ganz nebenbei klärt Lin-chi hier auch noch die Sache mit dem sog. Hauslosen. Nein, der Hauslose oder der dem Heim Entsagende, wie er hier genannt wird, muss kein Bettelmönch sein. Er darf 93 Rolls Royces spazieren fahren oder eine Millionen Goldmünzen täglich ausgeben und kann dennoch ein Hausloser sein, wenn er nur verstanden hat, dass dieser Augenblick sich vollkommen selbst genügt.

Der zweite Absatz sagt für mich: Schiel nicht nach links, schiel nicht nach rechts, ob dir jemand sagt, dass es so richtig ist; niemand kann dir den gegenwärtigen Augenblick richtiger machen, als er schon ist. Da gibt es überhaupt nichts zu verstehen. Sieh – das ist es auch schon!

Wenn ich den dritten Absatz richtig verstehe, dann will Lin-chi hier sagen, dass „der wahre Schüler des WEGES“ Prioritäten gesetzt hat – nein, nicht gesetzt, sondern vorgefunden hat. Absolute Priorität hat für den Schüler des WEGES dieser Augenblick, d.h. nicht, dass er nicht „die Mängel der Welt“ sieht und handelt, indem er etwa wie Ramesh ein Aspirin bei Kopfschmerzen nimmt, d.h. vielmehr, dass er auch dabei dem jeweiligen Augenblick absolute Priorität einräumt.

0sho

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6 Antworten zu Lin-chi: ein augenblickliches Jetzt, keine Frage der Zeit

  1. keryamastin schreibt:

    guten Morgen lieber Nitya;
    ich bin soeben mit den gleichen Gedanken aufgewacht, die du hier niedergeschrieben hast. Das war jetzt grad eine freudige Überraschung. Wenn nämlich irgendwer irgendwo behauptet, dass das „Erkennen“ der wahren Natur ein vergangenes Erlebnis wäre, welches es wieder zu vergessen gelte, um es sich mit „Schutt wegräumen“ in der Welt der Formen „gemütlich“ zu machen, dann schwingt mein Pendel zwischen Traurigkeit und Mitgefühl sowie aufwallendem Gelächter hin und her.
    Ich denke mir dann: Wenn „man“ das doch nur könnte, seine wahre Natur wieder vergessen um mit „Dörthe und Jannick“ einen Sharingabend in der Woche und ein Advancewochenende pro Monat zu genießen.
    Auf einen Gruppenteilnehmer, der sich „Alles ist Bewusstsein“ nennt zu hören, der tatsächlich behauptet jemand könne einen anderen von seinem Solipsismus Dilemma befreien, das grenzt dann aber doch an eine Vorstellung, die mir die Tränen in die Augen treibt. Ob das Heulen oder Lachen ist, wer weiß?!

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    • Nitya schreibt:

      Liebe keryamastin, einen wunderschönen Morgen auch dir!

      Ja mei, des san halt so G’schichten, die der sich “Alles ist Bewusstsein” Nennende da verzapft. Isses zum Weinen, isses zum Lachen oder hat da nur die Linde gerauscht?

      Ich würde natürlich ein fröhliches Morgengelächter bevorzugen. Das ist der beste Frühsport.

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  2. fredo0 schreibt:

    Es ist ja das eigentliche Phänomen , das (völlig entgegen aller Yin-Yang-Wandel-Gesetze) dies „Aufgesogen- und wieder ausgespucktwerden ins EIGENTLICHE“ unbezweifelbar ( ! ) und damit auch unvergessbar ist .
    Man kann sogar sagen , dass genau dies ( ! ) ES eigentlich ( in ein persönliches Leben hinein ) ausmacht . Da ist kein Erleben in diesem OFFENEN MOMENT , da „ist“ nur dessen Folge , die Unvergessbarkeit und Unbezweifelbarkeit dessen.

    Dies hatte für mich in mein persönliches Leben hinein , anfangs sogar etwas massiv irritierendes , erweckte genau diese Unvergessbarkeit doch die Angst des sichtlich geschockten Fredo-Ichs in eine Art Zombiezustand gefallen zu sein …

    Es bedurfte durchaus eine gewisse Zeit , bis ich begann diese „Unvergessbarkeit“ als ein Geschenk , als eine Art „Nabelschnur“ zu sehen und zu erleben .
    Als eine Befruchtung (aus ABSOLUT) ins Leben hinein .
    Als ein Empfinden , dass letztlich das gesamte Welt/Lebensgeschehen in einem Punkt zu bündeln vermag . Diesen Punkt „Ewigkeit“ zu nennen , scheut sich meine UnderstatementSozialisation dann aber immer noch … obwohl kaum ein anderer Begriff diese unlösbare Verbindung sprachlich treffender zu umschreiben vermag.

    Der im Alter von Demenz betroffene Terence Gray wurde zu Beginn der Erkrankung gefragt , ob er da Ängste hätte . Er antwortete ( in meinen Begriffen, da nur aus Erinnerung formuliert ) : „Unvergessbarkeit kann nicht vergessen werden. Was vergessen wird ( in Demenz ), ist der Vergessende“

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  3. Pingback: Gasthaus Zur Direkten Einsicht | Inspiration, Stille, Freiheit

  4. Eno Silla schreibt:

    soviele worte
    intellekt salat
    scharf gewürzt
    und abgeschossen
    fast ins schwarze treffend
    und doch wieder daneben
    so bescheuert belemmat ist es
    wenn
    ich bin
    und doch auch schön
    so beinahe
    so nah dran
    so absolut
    unfertig

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