Mazu: die Erscheinungen und das Absolute


Buddha-Hand
Mazu Daoyi (Jap. Baso Dôitsu, 709-788) sollte dann zugleich den Herz-Geist als Zentrum von allem und die Realität der Welt betonen, womit er die Verfechter einer bloß illusionären Welt übertrumpfte.

„Außerhalb des Herz-Geistes gibt es keinen Buddha, außerhalb des Buddha gibt es keinen Herz-Geist. Alle Formen, die man sieht, sind Projektionen des Herz-Geistes. Der Herz-Geist existiert nicht an sich, er existiert vermittels der Formen. Wenn ihr also vom Herz-Geist sprecht, solltet ihr wissen, dass die Erscheinungen und das Absolute einander ohne jede Behinderung entsprechen. Genauso ist es mit der Frucht des Erwachens.“

Das Chan des Meisters Mazu basiert allein auf der nichtdualen Essenz. Es ist areligiös, frei und spontan wie das aller Chan-Meister der Tang-Zeit. Von sämtlichen Formalitäten, Regeln und jeglicher Disziplin sagten diese immer nur, sie hätten nichts mit der Essenz des Chan zu tun. Erst später, als das Chan sich in riesigen Gemeinschaften von Übenden organisierte, tauchten religiöse Formen und eine martialische Disziplin auf, und es setzte eine Verwechslung der Formen mit der Essenz ein, was allmählich den authentischen Geist des Chan abtöten sollte.

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“

„Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“ Kann man es besser in Worten auf den Punkt bringen als Shankara? Na ja, von Shankara ist uns eine Menge Text überliefert. Auch er hatte sich offensichtlich redlich und ausgiebig bemüht, seinen Mitmenschen ein Lichtlein aufzustecken. Der zitierte Satz könnte also auch für das Eingeständnis des kläglichen Versagens seiner Bemühungen stehen. Die Lehre ist einfach nicht zu vermitteln – ganz einfach deshalb, weil es keine Lehre gibt.

Ich muss gerade an die Geschichte mit der Nonne Chiyono denken. Alle Meister hatten sie wegen ihrer Schönheit abgewiesen. Sie verunstaltete schließlich ihr Gesicht, so wurde sie schließlich angenommen. Dann ackerte sie viele Jahrzehnte hart an ihrer Erleuchtung, aber nichts geschah. Eines Nachts holte sie Wasser und sah, wie sich der Mond im Wasser spiegelte. Plötzlich riss der Strick, der den Holzeimer zusammen gehalten hatte, und mit dem Wasser verschwand auch das Spiegelbild des Mondes. In diesem Moment wachte sie auf. Sie schrieb dazu diese Zeilen:

Auf diese und auf jene Art
wollte ich den Eimer zusammenhalten,
hoffend, der schwache Bambus
werde niemals reißen.
Plötzlich fiel der Boden heraus.
Kein Wasser mehr –
Kein Mond mehr im Wasser.
Leere in meiner Hand.

Es muss kein Blümchen in Buddhas Hand sein. Es kann auch ein Strick sein, der abreißt. Oder ein Stein, über den man stolpert. Oder sonst irgendetwas und nicht einmal das. Es kann auch einfach so sein. Muss man sich dazu sein Gesicht verunstalten oder jahrelang eine Tonscherbe polieren oder was weiß ich veranstalten? Man muss nicht, natürlich nicht. Es kommt einfach darauf an, ob da die Bereitschaft ist. Und nicht einmal das kann als notwendige Voraussetzung behauptet werden. Die Bereitschaft kann natürlich durch allerlei frustrierende Verrenkungen wachsen, insofern kann der Sinn irgendwelcher Übungen nicht grundsätzlich von der Hand gewiesen werden. Letztlich bleibt es bei dem, was oft „Gnade“ genannt wurde. Aber Gnade ist nur ein anderes Wort für „keine Ahnung“. Der Begriff „Gnade“ impliziert irgendwie die Idee von einem Gnädigen und der Begriff „Geschenk“ die Idee von einem Schenkenden. Das schließt jedoch nicht aus, dass sich da ein Gefühl von grenzenloser Dankbarkeit ausbreitet, Dankbarkeit der ganzen Existenz gegenüber.

Die Erscheinungen und das Absolute entsprechen einander. Shakti und Shiva entsprechen einander. Kann eines ohne das andere sein?

Buddha

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7 Antworten zu Mazu: die Erscheinungen und das Absolute

  1. fredo schreibt:

    der Sucher vermutet Voraussetzung und Bedingung … erwartet Notwendigkeit und Erfolg …
    erhofft Rersultat und Verbesserung seiner Befindlichkeit …

    und darauf zielen ( unterminierend ! ) die Kommentare derer … davorne …..

    da wird keine Wahrheit oder ein richtiger Weg verkündet ….
    da wird der verankerten Meinung und Erwartung im Sucher ein kleines Zeitbömbchen implantiert …
    denn das gemeine ( grins ) ist ja, dass es für den Sucher unmöglich ist , diese „Bömbchen“ abzuwehren . Setzt er sich dem …. davorne …. aus , gelangen die „Bömbchen“ an ihr Ziel , egal ob er da zustimmt oder ablehnt ….

    und wenn die Erosion der „Bömbchen“ ihr Ziel erreichen , kollabieren diese Meinungen und Erwartungen , während ein Blümchen hochgehalten wird , oder ein Holzeimer seinen Boden verliert …
    Dies geschieht aber nicht weil ( ! ) ein Blümchen oder Eimer zum Ereigniss wird , sondern weil die „Erosion“ aus sich heraus geschieht , und sich in der Welt der Ereignisse mit einem Blümchen oder bodenlosen Eimer dekoriert ….

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  2. Giri schreibt:

    Da ist der Fluss der Erscheinungen. Thats all. Woher die alle ein Absolutes, ein Subjekt etc nehmen, bleibt mir schleierhaft. Ich hoffe für Mazu, das ihm irgendwann der Herz-Geist entglitten ist.

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    • Nitya schreibt:

      Sankt Augustinus sagt: Was die Seele liebt, dem wird sie gleich; liebt sie irdische Dinge, so wird sie irdisch, liebt sie Gott – so könnte man fragen: „Wird sie dann Gott?“ Spräche ich das, das klänge unglaublich für die, deren Sinn dazu zu schwach und die es darum nicht verstehen. (Meister Eckhart)

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  3. fredo schreibt:

    ich fand in der Geschichte meines Lebens nichts jemals fruchtbarer , unterstützender und nährender , wie mein immer alles dominierendes Interesse an dem was ABSOLUT genannt wird .

    Jede Problematik , jeder noch so private Konflikt erhielt dadurch in meiner Eigenwahrnehmung bereits eine Art „Transparenz“ . Nichts hat mir jemals mehr „wohl getan“ .

    Und wenn ich meinen Kindern einen Rat zu geben hätte , würde ich den in etwa so formulieren … „mach dir das ABSOLUT zum ständigen Ratgeber , in dem du die Gelegenheit nutzt selbst das gewöhnlichste Denken in diese Richtung auszurichten …

    Es geht nicht darum in Denken ABSOLUT zu erreichen ( ist bereits rein logisch unmöglich ) .
    Aber es gibt wohl keinen besseren „Leuchtturm“ der inneren Ausrichtung .

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  4. Giri schreibt:

    Mir reicht eben die Ausrichtung am natürlichen hier vollkommen aus. Je älter ich werde, desto abstruser finde ich diese ganzen theistischen und advaitinischen absolutistischen Hinterwelten. Aber als Daot und Einfaltspinsel sind mir dieses ganzen Geistmärchen eh zu fremd.

    Vergangenes ist längst vorüber,
    Zukünftiges noch fern der Vorstellung.
    Tao liegt im Moment, in diesen Worten:
    Pflaumenblüten gefallen, Gardenien öffnen sich.

    Qing Gong

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    • Nitya schreibt:

      Aha, das Tao.

      Könnten wir weisen den Weg, es wäre kein ewiger Weg. Könnten wir nennen den Namen, es wäre kein ewiger Name. Was ohne Namen, ist Anfang von Himmel und Erde; was Namen hat, ist Mutter den zehntausend Wesen. Wahrlich: Wer ewig ohne Begehren, wird das Geheimste schaun; wer ewig hat Begehren, erblickt nur seinen Saum. Diese beiden sind eins und gleich. Hervorgetreten, sind ihre Namen verschieden. Ihre Vereinung nennen wir mystisch. Mystisch und abermals mystisch: Die Pforte zu jedwedem Geheimnis.

      Lao-tse

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