Alan Watts: der Mensch – eine speziellen Handlung von dieser Welt

PuppeWie ich schon festgestellt habe, liegt der springende Punkt in der sich selbst widersprechenden Definition des Menschen als eines isolierten und unabhängigen Wesens in der Welt, im Unterschied zu einer speziellen Handlung von dieser Welt. Ein Teil unserer Schwierigkeiten rührt daher, dass die zweite dieser beiden Ansichten uns zu Marionetten schrumpfen lässt, doch das kommt wiederum daher, dass wir bei dem Versuch, die zuletzt genannte Ansicht zu akzeptieren oder zu verstehen, immer noch unter dem Einfluss der ersten Ansicht stehen. Wenn man sagt, der Mensch sei eine Handlung der Welt, dann heißt das nicht, dass man ihn als ein „Ding“ definiert, das von all den anderen „Dingen“ hilflos herumgestoßen wird. Wir müssen über die Version Newtons hinausgehen, die Welt sei ein System von Billardbällen, in dem jeder einzelne Ball von allen übrigen passiv herumgeschubst wird.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Das ist spannend, finde ich. Der Verstand hat was kapiert. Glaubt er jedenfalls. „Aaahh, so ist das also: ‚Mich gibt es gar nicht als unabhängiges Wesen in der Welt. Ich bin eine spezielle Handlung von der Welt.‘ Alles klar. Jetzt hab ich’s. Soll ich euch mal sagen, was wir sind?“ Pustekuchen. Ich bin immer noch das arme Schwein, das von den bösen Anderen herumgeschubst wird. Zu glauben, etwas verstanden zu haben, bedeutet noch lange nicht, dass sich die Denkstrukturen verändert haben.

GeishaIn die Einsamkeit
Der Berge und Seen
Fliehen sie,
Die weltlichem Tun entsagen,
Und bleiben gefangen
Im Streben nach Ehre und Macht.

Mein mönchisches Laken
Deckt Nacht für Nacht
Uns Liebende zu –
Flüsternde Zärtlichkeit,
Beglückende Anmut –
Welch süßer Friede.

Ikkyû Sôjun

Bodhidharma sagt: „Wenn ihr direktes Verstehen sucht, haftet an keiner Erscheinung, welcher Art sie auch sein mag. Dann wird euch sicherlich Erfolg beschert. … In den Schriften heißt es auch: Das, was frei von allen Formen ist, ist Buddha. … Die Lehren dienen nur dazu, auf den wahren Geist hinzuweisen. Warum sollte man sich um all die Lehren kümmern, nach dem man den Geist einmal gesehen hat? … Wenn ihr den Pfad wirklich finden wollt, dürft ihr an gar nichts festhalten.“

Wer fühlt sich wie eine Marionette, die an den Fäden irgendwelcher Mächte hängt? Das wäre nichts als ein Hinweis darauf, dass der Idee, ein isoliertes und unabhängiges Wesen in der Welt zu sein, immer noch geglaubt wird. Ob ich mir nun auf irgendeinem einsamen Bergesgipfel heiligheilig den Arsch platt sitze oder Ikkyû zu imitieren versuche und es mal mit einer holden Maid unter mönchischem Laken versuche – es ist alles für die Katz.

„Warum sollte man sich um all die Lehren kümmern, nach dem man den Geist einmal gesehen hat?“ fragt Bodhidharma, aber ich hoffe, dass sich jetzt niemand auf Geistersuche begibt und anfängt, einer Geister-Karotte nachzujagen.

schrecklichDer Geist ist kein Ding – und schon gar kein Geist.

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13 Antworten zu Alan Watts: der Mensch – eine speziellen Handlung von dieser Welt

  1. fredo schreibt:

    …. und doch ist dieser „Geist“ in schweren Zeiten der bester Unterstützer …. doch ist er nicht getrennt von mir , sondern das, was ich das innere Standing nenne , oder etwas pompöser die Nabelschnur zum Eigentlichen … das was ein stützendes Gefühl von Unzerstörbarkeit bereithält , wenn die Stürme des Lebens toben … was aber auch der Intensität von Freude ein wenig Relativierung abverlangt , wenn es zur anderen Seite der Empfindungen geht ….
    fein … so oder so

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  2. keryamastin schreibt:

    “Warum sollte man sich um all die Lehren kümmern, nach dem man den Geist einmal gesehen hat?” fragt Bodhidharma……….lache…….gute Frage………lässt das Rückschlüsse zu auf diejenigen, die sich um all die Lehren kümmern, weil ihnen (noch) nicht offenbart wurde?…….

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    • Nitya schreibt:

      Wenn Rückschlüsse geschehen, dann geschehen sie. Nur, warum sich um Rückschlüsse kümmern, nachdem man den Geist einmal gesehen hat? Lässt das Rückschlüsse zu auf diejenigen, die sich um Rückschlüsse kümmern, „weil ihnen (noch) nicht offenbart wurde? ……“

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      • keryamastin schreibt:

        Lässt das Rückschlüsse zu auf diejenigen, die sich um Rückschlüsse kümmern, “weil ihnen (noch) nicht offenbart wurde? ……” – nein…..Rückschlüsse entstammen nicht dem suchenden Geist sondern dem bewertenden Verstand. Ein wertender Verstand bleibt den meisten erhalten auch nachdem ihnen offenbart wurde was ist. Die Suche und somit das Kümmern um Lehren über die Suche hat allerdings mit der Offenbarung ein Ende.

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      • Nitya schreibt:

        „Rückschlüsse entstammen nicht dem suchenden Geist sondern dem bewertenden Verstand.“

        Der suchende Geist wird aus dem bewertenden Verstand geboren und ist Teil des bewertenden Verstandes. Er bewertet das, was er vorfindet, als weniger gut als das, was er sich erhofft. Also macht er sich auf die Suche. Ohne Bewertung keine Suche.

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      • Nitya schreibt:

        “Warum sollte man sich um all die Lehren kümmern, nach dem man den Geist einmal gesehen hat?”

        Gegenfrage: Warum nicht, wenn*s Spaß macht.

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  3. fredo schreibt:

    weder Anfang …. noch Ende …… auch von Lehren … und Rückschlüssen …. was sich nur verflüchtigt hat , ist die zuvor „ettikettierte“ Bedeutsamkeit des einen oder das anderen … und selbst das … ist unerheblich ……

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  4. keryamastin schreibt:

    „Der suchende Geist wird aus dem bewertenden Verstand geboren und ist Teil des bewertenden Verstandes. Er bewertet das, was er vorfindet, als weniger gut als das, was er sich erhofft. Also macht er sich auf die Suche. Ohne Bewertung keine Suche.“

    ahhh……..daher……verstehe…….hier war das nicht so……..

    “Warum sollte man sich um all die Lehren kümmern, nach dem man den Geist einmal gesehen hat?”

    Gegenfrage: Warum nicht, wenn*s Spaß macht.

    lieber Nitya,
    ich schätze deinen Blog, lese immer mal wieder und gern hinein, was mir unverständlich ist sind deine tiefen Einsichten, die zuweilen gar nicht mehr in Resonanz mit dem sind, was du so in deinen Kommentaren präsentierst.
    Die Frage – „warum sollte man“ – bezieht sich doch nicht auf die entspannte Freiheit sich mit allem zu beschäftigen wonach einem der Sinn steht, also mit Spaß und Freude alle Lehren dieser Welt lesen oder essen😉 – die Frage bezieht sich doch auf das „S o l l t e“ – es geht ums müssen, schade, dass dir das offenbar entgangen ist.

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    • Nitya schreibt:

      „schade, dass dir das offenbar entgangen ist.“

      Anscheinend, liebe keryamastin, anscheinend.

      Das ist eine reine Interpretationssache. Zwischen „Du sollst nicht – von mir aus – stehlen!“ und der Frage „Hmm, warum sollte ich eigentlich nicht stehlen?“ ist mindestens ein klitzekleiner Unterschied. Oder?

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      • keryamastin schreibt:

        lache……ja klar ist das Interpretation, das ist es doch, was du machst in deinem Blog, du interpretierst Texte und der Leser interpretiert sie möglicherweise anders. Allerdings beim Thema DAS ist keine Interpretation mehr nötig also auch kein beschäftigen müssen (!) mit Lehren über DAS.

        Das war der Grund für meine „Einmischung“ ich kann Bodhidharma nur auf diese Weise interpretieren, es hat sich gezeigt und peng ist nichts mehr von Nöten, kein müssen, kein sollen.

        Danke für die Unterhaltung heute – mit Herzlicht in die Runde🙂

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      • doro schreibt:

        Ich kann’s nur platt formulieren: erstens leben auch „Erleuchtete“ nach der Erleuchtung weiter und müssen sich zwangsläufig mit etwas beschäftigen. Sicher gibt es Dutzende, die sich nach der „Offenbarung“ nur noch mit der Aufzucht von Tomaten o.ä. beschäftigen, aber ein paar beschäftigen sich halt mit der Lehre und nur solche nimmt man wahr, zweitens scheint das „sich damit beschäftigen“ einen großen Reiz auszuüben, was ja auch uns dazu verführt, sich damit zu beschäftigen, obwohl eigentlich mit einem Satz schon alles gesagt ist, das Eine, diese ganze Geschichte, die Illusionen auf der einen Seite und das grandiose Ganze auf der anderen Seite, das zum Niederknien wundervoll ist, ist gerade, wenn man es verstanden hat, sicher das Einzige, worüber es Sinn macht, zu sprechen, es zu preisen und zu loben und es zu genießen: jeder lächelnde Buddha zeugt von der großen Freunde, die es bereitet, sich dem ganzen Schauspiel in vollen Zügen zu widmen.

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      • Nitya schreibt:

        Nun, ich würde sagen: DAS kann nicht gelehrt werden. Wohin das Lehren über DAS auch hinführen kann, versuche ich mit meinem heutigen Beitrag anzudeuten. Das Einzige, was überhaupt möglich ist, ist das schweigende Hochhalten eines Blümchens. Mahakashyap wusste sofort, was Buddha damit meinte und grinste vergnügt vor sich hin. Die anderen, allen voran Ananda, klammerten sich an eine sog. Lehre über DAS. (Also das ist jetzt nicht historisch verbürgt. Das ist einfach meine Version.)

        Buddhas schweißtreibende Arbeit bestand in erster Linie darin, denjenigen, die mit dem Blümchen so gar nichts anzufangen wussten, ihre Vorstellungen zu zerdeppern. Daraus wurde dann später der Buddhismus gebastelt. Aber Buddhas Botschaft war das Blümchen, nicht dieser ganze Wortsalat.

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  5. fredo schreibt:

    zu Nityas letztem Beitrag hier …
    dito …..

    im Grunde kann man Buddhas gesamten Texte auf sein berühmtes „neti-neti“ kondensieren ….
    und genau dafür … und für sein „Blümchen“ liebe ich diesen Mann ….
    ( den es als historische Persönlichkeit wahrscheinlich so nie gegeben hat )

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