Meister Yüan-wu: keiner, der je begriff


rote Klippe
In drei Reichen nicht ein Ding!
Wo suchst du da noch Geist?
Weiße Wolken geben die Decke,
Quellen das Harfenspiel.
Hier eine Weise, dort zwei Weisen –
keiner, der je begriff.
Der Regen verzog. Im nächtlichen Teich
Wasser des Herbstes – tief.

 aus: Meister Yüan-wu, „BI-YÄN.LU – Niederschrift von der Smaragdenen Felswand“

Prof. Dr. Wilhelm Gundert, der das Werk übersetzt und kommentiert hat, fügt noch ein Kurzgedicht eines namentlich nicht genannten japanischen Dichters hinzu:

Ist die Welt ein Traum?
Ist sie wesenhaft? Sage! –
Weder wesenhaft,
noch auch Traum, dass ich wüsste:
Ein Etwas, ein Nichts in einem.

 „Sage!“ – Wer kennt das nicht? Du sagst etwas, was gerade in dir auftaucht und dein Gegenüber beginnt auf der Stelle mit seinem strengen Verhör. Vorgestern schrieb doro: „… man schmunzelt und staunt und wundert sich, was alles noch kommt, welche Verkleidungen als Nächstes auftauchen …“ Wie kommt sie dazu, so etwas zu sagen? Wieso Verkleidungen? Wer oder was steckt hinter den Verkleidungen? Wie kann man über etwas schmunzeln, was nicht näher definiert wurde? „Sage!“ Das ist der dualistische Geist, der alles zerpflücken muss und für alles seine Beweise braucht. Am Ende steht er immer mit leeren Händen da und ist total frustriert.

Warum sich nicht einfach anmuten lassen? „Im nächtlichen Teich Wasser des Herbstes – tief.“ – „Ein Etwas, ein Nichts in einem.“ – „… welche Verkleidungen als nächstes auftauchen …“ – „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ … Warum sich nicht einfach berühren lassen und auf das innere Echo lauschen?

„Ist die Welt ein Traum? Ist sie sie wesenhaft? Sage!“ Ach Gott ja, sag besser nichts. Wenn die Fragerei mal angefangen hat, hört sie so schnell nicht mehr auf. Mal wird die Welt so erlebt und mal ganz anders. „Hier eine Weise, dort zwei Weisen – keiner, der je begriff.“ Warum sich nicht damit begnügen? Warum unbedingt begreifen wollen, was noch niemand je begriffen hat? Warum sich immer wieder in seinem Gedankengestrüpp verlaufen? Warum nicht einfach das Unbegreifliche genießen?

Warum, warum, warum – auch das ist nicht zu begreifen. Darum halt und Punkt.

„Der Regen verzog. Im nächtlichen Teich Wasser des Herbstes – tief.“ Ist das nicht genug?


.
„Warum rollen da eigentlich immer wieder neue Wellen an den Strand? Sag!“
„Halt doch endlich mal dein dummes Maul!“

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11 Antworten zu Meister Yüan-wu: keiner, der je begriff

  1. fredo schreibt:

    oh diese fragen ….
    warum scheinen sie antworten zu brauchen ?
    schon wieder eine frage …
    doch diesmal ohne antwort …
    fein …

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  2. Elwood schreibt:

    Ein Brunnen, den niemand baute,
    gefüllt mit keinem Wasser,
    schlägt Wellen –
    und ein gewichtloser Mann ohne Form
    trinkt daraus.
    (Ikkyû, Sôjun)

    Stilles Erwachen

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  3. Eno schreibt:

    Das ursprüngliche Wesen ist an sich Reinheit und Ruhe. Nur das Sehen
    und Abwägen der Umstände verwirrt den Geist.

    Hui-Neng

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    • Nitya schreibt:

      „Nur das Sehen und Abwägen der Umstände verwirrt den Geist.“
      kann, muss nicht sein

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      • Eno schreibt:

        Ich suche ja noch die ideale Formulierung, habe sie bisher nicht gefunden, auch nicht in der Nicht-Formulierung…

        „Warum sich nicht einfach berühren lassen und auf das innere Echo lauschen?“

        Siehst du? So funktioniert das, oder auch nicht!

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno,

        was soll denn um Gottes willen funktionieren?
        Es funktioniert doch schon die ganze Zeit –
        was auch immer, wie auch immer.

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  4. Eno schreibt:

    keiner, der je begriff:

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  5. doro schreibt:

    Stellt sich die ganze Frage für „jeden“ nicht anders dar? Findet vielleicht „jeder“ „seine eigenen“ Schlüssel, um einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen? Dienen Fragen als Meditation, als Wegweiser? Führen Fragen dazu, unsere Sicherheiten zum Schwanken zu bringen, Welten einzureißen und Verkleidungen zu entlarven? Wenn für „mich“ VERKLEIDUNGEN ein Schlüsselwort ist, ist für „Dich“ vielleicht etwas ganz anderes der Türöffner -vielleicht auch Musik oder ein Bild oder eine Begegnung-, so, wie sich das Eine auch in unendlich vielen Fassetten darzustellen scheint. Vielleicht sind diese wundervollen Gedichte und Sprüche Antworten? Erwartet jemand Antworten? Kann es sein, dass es einfach keine Antworten gibt, weil es keine Sprache gibt, darauf zu antworten? „Für mich“ schwingt in diesen Gedichten ein Gefühl mit, das die Antwort in sich trägt, aber nicht fassbar oder beschreibbar ist.

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Doro,

      wenn du hier ein bisschen herumgestöbert hast, wirst du vielleicht bemerkt haben, dass hier ziemlich alles in Frage gestellt wurde. Es kommt aus meiner Sicht auf die Art der Frage an. Wenn Ramana die Frage in den Raum stellt: „Wer bin ich?“, dann ist klar, dass diese Frage nicht beantwortet werden sollte. Sie hängt gewissermaßen in der Luft und sinkt als Frage immer tiefer in den Fragenden ein. Die Antwort ist – keine Antwort. Die Lösung ist – keine Lösung.

      Von dieser Art der Fragestellung unterscheiden sich solche Fragen, die auf einer Antwort bestehen. Ganz besonders die Warum-Fragen wie .“Warum rollen da eigentlich immer wieder neue Wellen an den Strand? Sag!”

      Während ich die erste Frageart für mögliche Türöffner halte, würde ich die zweite Art eher als Türverschließer bezeichnen. Aber Brief und Siegel gebe ich dir nicht darauf.

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      • doro schreibt:

        Ja, unterschiedliche Fragen, Du hast recht. Für die „Türöffnerfragen“, meine ich manchmal als Antwort ein Gefühl zu haben, für das die Sprache jedoch unzureichend ist, eine Antwort nicht möglich. Du beschreibst es wunderschön, dass es faszinierend ist, trotz aussichtsloser Situation weiterhin Fragen zu stellen und auch Aussagen zu treffen, denn die Fragen sinken in mir und wohl auch Dir und wir versinken in den Fragen und, was passiert dann? Sind das dann doch Antworten, die ich da fühle und nicht weiß, wie ich sie ausdrücken kann?

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      • Nitya schreibt:

        „Sind das dann doch Antworten, die ich da fühle und nicht weiß, wie ich sie ausdrücken kann?“

        Ja, Gott sei Dank, ist da keine Antwort möglich. So bleibt alles in dir und kann sich unbegrenzt ausweiten. Und ja, das könnte man als die eigentliche Antwort betrachten.

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