Jeff Foster: Leiden definiert als Besitz am Schmerz, ist eine Illusion.


Schmerz
Der ganze Mechanismus des Suchens hängt sich an der Illusion von Trennung und Besitz auf – der Vorstellung, dass das Leiden dir widerfährt. Im Kern unseres Leidens steht das Gefühl, dass uns etwas Schlechtes widerfährt. Und wirklich ist es das, was das Wort Leiden im Kern wirklich bedeutet etwas zu er-leiden, etwas aushalten zu müssen. Darin liegt ein Gefühl der Passivität (aus dem Lateinischen passio, was „ich leide“ bedeutet), ein Gefühl, keine Kontrolle zu haben, ein Opfer des Lebens zu sein. Aber diese Passivität – das Gefühl, dass das Leben dir zustößt, dass der Schmerz dir zustößt – ist die Illusion, die verdrehte Erscheinung. In Wirklichkeit stößt der Schmerz dir nicht zu, er stößt keiner getrennten Wesenheit zu. Er taucht nur in dem auf, was du bist. Der Schmerz greift dich nicht an, er tanzt in einem offenen Raum. Die Vorstellung, dass er dir zustößt, ist nur eine weitere Vorstellung, die in dem auftaucht, was du bist. In diesem Sinn kann man sagen, dass Schmerz real ist, aber Leiden die Illusion, denn Leiden ist die Geschichte, dass der Schmerz dir zustößt, während dies in Wirklichkeit nicht so ist. Leiden definiert als Besitz am Schmerz, ist eine Illusion.

aus: Jeff Foster, „Radikales Erwachen“

Das Bild da oben zeigt einen palästinensischen kleinen Jungen auf einem mehr als provisorischen OP-Tisch nach einem israelischen Raketenbeschuss. „In Wirklichkeit stößt der Schmerz dir nicht zu, er stößt keiner getrennten Wesenheit zu. Er taucht nur in dem auf, was du bist.“, sagt Jeff Foster. Und wenig später: „Die Vorstellung, dass er dir zustößt, ist nur eine weitere Vorstellung, die in dem auftaucht, was du bist.“ Beides taucht also auf in dem, was du bist, der Schmerz und die Vorstellung, die ja längst zur absoluten Gewissheit geworden ist. Aber auch diese Gewissheit taucht in dem auf, was du bist. Jeff Foster fährt fort: „In diesem Sinn kann man sagen, dass Schmerz real ist, aber Leiden die Illusion.“ Wen interessiert diese Feststellung wohl, frage ich mich gerade. Das mag ja alles richtig sein, aber zählt letztlich nicht nur das Erleben, das ja auch in dem auftaucht, was ich bin? Und wie ist dieses Erleben? Wenn mir gerade ein Bein abgerissen wird, werde ich vermutlich reiner Schmerz sein. Da ist kein Raum für Überlegungen wie: „Warum muss das gerade mir passieren?“ Die geschehen dann vielleicht irgendwann viel später, wenn das Schmerzempfinden mit entsprechenden Betäubungsmitteln unterdrückt worden ist. Dann sehe ich vielleicht das erste Mal, dass mir ein Bein fehlt, dann tauchen vielleicht Vorstellungen auf, wie mein weiteres Leben als Einbeiniger aussehen wird, dann verfluche ich vielleicht diejenigen, die mir das angetan haben, … dann beginnt meine Leidensgeschichte.

Wenn ich den Text oben lese, ist mir, als ob Jeff Foster aus einer erst einmal ziemlich akademisch klingenden Feststellung eine spirituelle Tugend machen will: „Eine Illusion ist einfach eine Täuschung. Wenn du das erkennst, dann hör auf damit, diesen Unsinn zu glauben. Dir stößt gar nichts zu. Also ist Leiden absolut überflüssig.“ – Aber das ist natürlich Quatsch. Was immer in dem auftaucht, was ich bin, ist genau das, was eben gerade auftaucht – Punkt. Daran ändert auch eine „verdrehte Erscheinung“, die Jeff Foster hier bemüht, absolut gar nichts. Auch eine verdrehte Erscheinung taucht in dem auf, was ich bin. Jeder Versuch, das zu ändern, unterstützt ja genau die Illusion, aus der ich herauszukommen versuche.

„Der ganze Mechanismus des Suchens hängt sich an der Illusion von Trennung und Besitz auf – der Vorstellung, dass das Leiden dir widerfährt.“ Mechanismus erkannt – Gefahr gebannt? Pustekuchen.

Buddha: „Form ist Leere – Leere ist Form“. Was ist Schmerz? – Form. Was ist eine Illusion? – Form. Form zeigt sich als Schmerz, Form zeigt sich als Illusion. Keine Form ist besser oder schlechter als eine andere Form. Sinnlos also, diese akademischen Unterscheidungen zu machen. Schmerz ist genau wie Leiden Leere. Und natürlich sind sie auch ganz einfach Schmerz und Leiden.

Buddha hielt sein Blümchen hoch. Eine Form – grenzenlose Leere. Nāgārjuna’s Catuṣkoṭi (Tetralemma) macht freundlich Winkewinke.

Bluete

 

 
Aaahhhh…
Mahakashyapa lachte
und er lacht immer noch

 

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14 Antworten zu Jeff Foster: Leiden definiert als Besitz am Schmerz, ist eine Illusion.

  1. Marianne schreibt:

    In diesem Sinn kann man sagen, dass Schmerz real ist, aber Leiden die Illusion, denn Leiden ist die Geschichte, dass der Schmerz dir zustößt

    Während die raum-zeitlichen Abläufe stattfinden, leiden wir natürlich am Schmerz der uns widerfährt. Das ermöglicht auch, adäquat darauf zu reagieren, z.B. Behandlung aufzusuchen, falls erforderlich …
    Im Umgang mit den „Wellen des Ozeans“ geht es für mich immer darum, sie kommen und wieder gehen zu lassen und wach zu bleiben, ob sie sich zu einer Monster-Welle entwickeln bzw. als Eisberg erstarren.
    Der Mechanismus der Entstehung von Illusion (Monsterwellen, Eisberge …) ist dabei das Interessante. Wenn man den kapiert hat, lässt sich jede Welle – über die Zeit – in ihren Urzustand (Wasser) zurück verwandeln.
    🙂
    Marianne

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    • Elwood schreibt:

      Liebe Marianne,
      Die Monsterwelle bricht,
      Der Eisberg schmilzt.
      Du kannst natürlich mit Deinen Föhn den Eisberg verwandeln wenn’s hilft.
      Aber reicht es nicht zu sehen, dass es nur verschiedene Aggregatzustände sind?
      Seit vor 7 Jahren mein Bildstabilisator im Kopf kaputt ging, ist in mir Dauersturmflut auf allen Ebenen mit den Folgen der Komplettüberforderung und sozialer Vereinsamung angesagt.
      Eine einzelne Monsterwelle oder Eisberg sind im völligen Wirrwarr nicht mehr auszumachen.
      Hier aber pflanzt jeden Morgen ein alter Mann einen Samen für einen neuen Baum des Vertrauens in diese Internetwüste.
      Jeder der in diesen Wald kommt und an seinen Früchten riecht kann sehen welch wunderbares Mitgefühl hinter diesen Vertrauensbäumen zum Vorschein kommt.
      Manchmal gelingt es mir dem knorrigen Fingerzeig des alten Mannes zu folgen.
      Meine Sturmflut im Kopf kann ich nicht mehr verwandeln, aber so langsam fühle ich mich auch in ihr zu hause.
      Mögen die Vertrauensbäume tiefe Wurzel schlagen.

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      • Marianne schreibt:

        Meine Sturmflut im Kopf kann ich nicht mehr verwandeln, aber so langsam fühle ich mich auch in ihr zu hause.

        Genau das erscheint mir als „Wandlung“ – mit oder ohne Föhn in der Hand …😉

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      • Elwood schreibt:

        Aber ist den die Wandlung manipulierbar?
        Wenn ja, durch Wen?
        in welche Richtung wär denn richtig?
        Die Hochsee ist tief – Die Tiefsee ist hoch

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      • Marianne schreibt:

        Aber ist denn die Wandlung manipulierbar?

        Lieber Elwood,

        ist mir klar, das das aus der Advaita-Konzeptwelt nicht so gesehen wird …
        Meine buddhistisch-psychologischen Konzepte halten Wandlungsprozesse für beeinflussbar.
        In der praktischen Anwendung ist das für mich vergleichbar mit jeder Art von natürlichen Entwicklungs-Prozessen (z.B. dem Geburts-Vorgang): Es ist möglich, für sie günstige Bedingungen zu schaffen. Und … es ist manchmal auch möglich und not-wendig, Blockaden und Störungen zu beseitigen.

        Es grüßt dich herzlich
        Marianne🙂

        P.S. Der Link geht nicht auf …

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      • Elwood schreibt:

        Liebe Marianne,

        Von Advaita hab ich so gut wie nüschts gelesen, bin mehr von der Zen – Richtung konditioniert. Ich sehe bloß keine Richtung mehr, an die ich festhalten könnte.

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  2. Michaela schreibt:

    Geht es hier nicht nur darum, den Unterschied herauszustellen? Schmerz wird immer da sein. Leiden ist das, was mit einer Person zusammenhängt. Im Moment des Schmerzes ist da nur Schmerz. Leid taucht möglicherweise im Zusammenhang mit einem dauerhaften Schmerz und der vermeintlichen Person auf. Während der Schmerz doch sehr deutlich gefühlt wird, macht das Leid das Plus an Gedanken um die Person aus. Und ich sage nicht, dass ich nicht leide. Oh, ich leide, wenn meine Knöpfe gedrückt werden. Die Ohnmacht bei manchen Themen lässt mich unter’m Teppich her spazieren.

    Natürlich wird auch hier maximal verstanden, dass es eine „Glaubensfrage“ ist, unterstelle ich mal. Und dabei geht es, denke ich, wieder und wieder darum, das niederzureden, was sich als scheinbare Realität erfährt, und das erlebe ich immer wieder als sehr effektiv. Aber immer wieder eben. Bestenfalls führt es zu einem Ausdünnen „meiner Wahrheit“ , möglicherweise zu angenehmen Nebeneffekten, so meine Erfahrung.

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  3. fredo schreibt:

    Für mich gilt :
    die einzige Möglichkeit „sich von Leiden zu befreien“ ist es ,
    dass Leiden seine „Besonderheit“ verliert.

    und eine sehr wesentliche Voraussetzung dafür ist es ,
    „sich“ ( als Akteur ) in der Leidensgeschichte „vergehen“ zu sehen .

    es ist wohl nicht möglich , dass Leid als Ereigniss verschwindet ,
    aber „der persönlich Leidende“ kann sehr wohl „vergehen“ .
    damit bleibt Leid zwar dasselbe Leid wie zuvor ,
    nur der vom Leid zusätzlich persönlich ( ! ) Betroffene ist nicht mehr da.
    was dem Leid zwar keine Jota Schmerzhaftigkeit nimmt ,
    aber das „Nachschwingen“ in einer Persona-Geschichte doch erheblich mindert.

    Als Nisargadatta sich mit dem Krebs konfrontiert sah , hat er die gleichen Schmerzmedikamente in der gleichen Dosis wie jeder andere genommen , was jedoch entfiel , war das Hadern mit dem Schmerz . Der Schmerz / das Leid war da , und forderte sein Recht , aber er hatte keinerlei Besonderheit . ( er gehörte dann halt , wie alles andere , völlig gleichwertig , zu dem , was halt als Leben erschien , und Leben dekoriert sich halt manchmal glückvoll , manchmal leidvoll ).
    Diese gelassene Gleich-GÜLTIGKEIT macht den einzigen Unterschied .

    ich glaube es war Krishnamurti , der auch Krebs im Arm hatte , und der , aufgefordert als Erleuchteter ihn doch verschwinden lassen zu können, sagte , : „ich habe keinen Krebs , da ( auf den Arm deutend ) ist Krebs !“

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  4. fredo schreibt:

    noch was zu elwood ::

    all die Formulierungen des Advaita , mitlerweile ja hier und anderswo hundertfach in Texten , Videos und Büchern formuliert , wie z.B. „da ist niemand“ und „man kann nix machen“ sind als Anweisungen in einer Denke des Persönlichen VÖLLIGER BULLSHIT !

    Diese Formulierungen haben nur einen einzigen „Sinn“ . Sie können die gegenteiligen als „Wahrheit“ gesehenen Behauptungen , wie z.B. „ich bin jemand“ oder “ ich bin der Meister meines Lebens“ lediglich subtil unterminieren , Allerdings ohne das Gegenteilige zum ursprünglich Geglaubten jemals belegen zu können . Dies gelingt NIEMALS !

    Der Sucher , als möglicher „AdvaitaBehauptungsBetroffene“ hat also den Preis der völligen Verwirrung zu bezahlen , wenn er sich auf diese Konzepte einlässt .
    Es „hat“ keine neue Wahrheit erhalten , ihm ist lediglich die alte Wahrheit vergählt worden .

    Man kann also mit Fug und Recht sagen , Advaita ist (eigentlich) reine Aufmischung .
    Und genau damit hat es für manche ( ! ) auch seine Wirkung und für andere manche wird es auf immer BULLSHIT bleiben.
    Ich persönlich bedauere diesen merkwürdigen modischen spirituellen MainstreamHyp des „Advaita“ .
    Ich halte Advaita definitiv nicht für jeden ( in einer „Suche“-Situation ) geeignet . Es wird immer nur eine konzeptionelle Möglichkeit der Betrachtung ( im Vorhinein ) für wenige bleiben .
    Und zwar nicht für die besonders Begabten sondern im Gegenteil für die , die so verbohrt sind , dass nur eine „Holzhammermethode“ der völligen Irritation überhaupt noch was bewegen kann. Es ist also nicht der „Königsweg“ für alle , sondern der „Holzhammerweg“ als letzte Chance für besonders problematische.

    Jede „advaitische“ Aussage ist , im Kontext eines persönlichen Denkens, genau so „daneben“, wie die Aussagen anderer Glaubenssysteme . Erst im Nachhinein , nach dem Auftauchen des „Unwörterbaren“ , bekommen die „advaitischen“ Formulierungen ihre „Sinnhaftigkeit“ . Da werden sie jedoch ( welch Witz ) eigentlich gar nicht mehr gebraucht … um nochmal an den gestrigen Text des Nitya zu erinnern .

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  5. fredo schreibt:

    hihi elwood …
    dein gif , snoopy im regen auf dem dach der hundehütte, ist eine wunderbare illustration des „advaitischen denkens“ ….😀

    hierbei steht snoppy für das was sich „snoopy-ich“ nennt , und sich für tatsächlich hält .
    die hütte steht für die „wahre heimat“ .
    die snoopy-erscheinung wohnt jedoch nicht in dieser „heimat“ sondern sie hat sich irgendwann entschieden ( es hat sich ergeben, dass… ) , auf ihr zu liegen , um wahrnehmbarer und wahrnehmender teil des erscheinenden bildes zu sein .
    Snoopy liegt also nicht in der hütte , sondern auf ihrem dach . wird aber letztlich trotzdem durch diese ( wahre heimat ) getragen.
    die ereignisse der erscheinungswelt ( der regen ) nässen somit snoopy , da er nicht IN der heimat ist ( in der trockenen hütte ) sondern lediglich oben auf liegt , sich also IN der erscheinungswelt „statfindend“ erleben möchte.
    auch wenn dies passiv akzeptierend wirkt , so ist es doch „machend“ , da so „gewollt“ .

    hähä … so ne „philophiererei“ macht fötz

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