Shankara: alles nutzlos


da-da-Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,

da sie nur Vorstellungen erzeugen;
alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
da er sie nicht benötigt.

Shankara

Au weia, was bin ich denn nun, ein Befreiter oder ein Unbefreiter? Eine Leuchte der Menschheit oder ein kläglicher Versager? Ein Topdog oder ein Underdog? Jupiter oder ein Ochse? Am Ende bedeutet das dann: Quod licet Iovi, non licet bovi?
rauf-runteWas für eine Steilvorlage für jedes Ego! Was für eine Karotte! Wer will schon ein Ochse sein, der nicht dasselbe darf wie dieser angebliche Jupiter?! Der Ego-Verstand macht aus allem und jedem ein Besser und Schlechter. Ist ein Reh besser oder schlechter als eine Ziege? Oder ein Ahornbaum besser oder schlechter als eine Eiche? Oder eine Eiche besser oder schlechter als ein Reh? Was für eine Albernheit diese ganze Werterei, aber ein Lieblingsspiel der ganzen menschlichen Gesellschaft.

Ich hatte von klein auf ein absolutes Gehör. Für manche ist das etwas ganz Besonderes, dabei ist es nichts anderes als die Fähigkeit, zu hören, um was für einen Ton es sich handelt, der da gerade erklingt. Für den, der es hat, ist es sowieso nichts Besonderes, sondern das Normalste auf der Welt. Er hat eher Mühe nachzuvollziehen, warum andere das nicht hören können. Für den, der nicht farbenblind ist, ist es ja schließlich auch völlig normal, Farben zu sehen. Alles Lebendige hat irgendwelche Eigenschaften. Aber Eigenschaften bestimmen nicht den Wert des Lebendigen. Ich kann nicht fliegen wie ein Vogel. Bin ich deshalb wenige wert als ein Vogel? Ich kann nicht „tauchen“ wie ein Fisch. Bin ich deshalb weniger wert als ein Fisch?

Shankara beschreibt die Eigenschaften eines „Befreiten“ und eines „Unbefreiten“. Keiner ist mehr wert als der andere, aber natürlich unterscheiden sie sich. Der eine sieht, dass er sieht, sieht, dass er der Sehende ist, der andere sieht nur das Gesehene. Wie könnte Ersterer Worte benötigen? Was könnte Letzterer mit Worten anfangen, wenn es doch ums Sehen geht? Er würde sich auf die Worte stürzen und sie glauben oder ihnen widersprechen, aber sehen würde er dadurch noch weniger als vorher.

Vermutlich wurde das meist als ausgesprochen kränkend empfundene Zitat „Was Jupiter erlaubt ist, ist nicht dem Ochsen erlaubt.“ abgeleitet aus dem Zitat mit sehr viel weniger Kränkungspotenzial: „Aliis si licet, tibi non licet.“ (Auch wenn es anderen erlaubt ist, ist es dir nicht erlaubt“). Als Kind durfte ich als Nichtschwimmer nicht ins Becken für die Schwimmer. Astronauten dürfen ins All fliegen, ich darf es nicht. Ich darf keine 200 kg Gewicht heben, würde mir vielleicht ein Orthopäde sagen. Ich würde sagen: Kann ich doch gar nicht. Und das ist es doch, worum es geht: Nicht ums Erlauben, sondern ums Können. Ein Farbenblinder darf doch Farben sehen, aber er kann es einfach nicht. Und Nicht-Können ist keine Schande, sondern eine simple Feststellung.

Was da gerade wieder in Palästina geschieht ist so entsetzlich und doch kann man nur sagen: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Sie können nicht anders. Niemand kann anders als er eben kann. All die unendlich vielen „Doofen“ – sie können nicht anders. Leider wissen sie das nicht und tun deshalb Dinge, die sie besser bleiben lassen sollten. Aber wie ein Nichtschwimmer, der den Nichtschwimmerbereich verlässt und möglicherweise ertrinkt, müssen halt auch die „Doofen“ ihre Erfahrungen machen und so vielleicht sehen, wie sehr ihre „Doofheit“ sie immer begrenzt hat.

Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos,
da sie nur Vorstellungen erzeugen;
alle Worte sind dem Befreiten nutzlos,
da er sie nicht benötigt.

Was sagt Shanka da eigentlich?
Nun in etwa dasselbe wie Seng-ts’an:

Suche nicht nach dem Wahren, hör’ nur auf, Meinungen zu hegen!

Oder dasselbe wie Osho:

Sieh den, der sieht!

Bluete

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10 Antworten zu Shankara: alles nutzlos

  1. MenschMeyer schreibt:

    ….und doch finde ich nicht nur an deinem Buchstabenssalat, lieber Nitya, immer wieder Genuss,
    Warum denn blos?????

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  2. Marianne schreibt:

    Was könnte Letzterer mit Worten anfangen, wenn es doch ums Sehen geht?

    Voll deiner Meinung – kein Widerspruch! 😀 ♥

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  3. fredo schreibt:

    Worte ( über Wahrheit ) können dreierlei …
    In Worte gefasste Überzeugungen ( von Wahrheit ) unterminieren , quasi eine Art unaufhaltsame Erosion beginnen lassen …
    und die bereits im Zuhörenden vorhanden Ahnung vom Unwörterbaren stimulierend „kitzeln“ …
    und dem die Worte benutzenden ein ( zusätzliches ) warmes , fast nostalgisches Gefühl von „wieder sehr nah bei der wahren Heimat“ vermitteln.
    Der Kontakt zum EIGENTLICHEN ist zwar ( im Erwachten ) unzerstörbar geworden , findet aber im „Reden darüber“ einen besonders intensiven Ausdruck , durchaus auch für ihn selbst .

    was Worte jedoch nicht können , ist der direkte Transport von „Wahrheit“ .
    Das wäre dann doch wohl etwas zu billig , werte Suchende , die Mühe bleibt niemanden erspart .
    Eine Mühe , die vor allem aus Demut besteht .

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    • Michaela schreibt:

      Ich „sehe“ das mit den Worten auch so, auch wenn die Nutzlosigkeit immer wieder behauptet wird. Naja, es führt wohl auch nirgendwo hin, aber ich kann nicht bestreiten, dass entspanntes Lauschen oder Lesen geschieht und für eine Weile einfach alles vergessen oder entleert wird. Dieses plappernde, vorlaute Ich hält mal die Klappe. Manchmal ist es einfach so, dass mitten in den Worten dieser Referenzpunkt völlig verschwindet. Als wäre die Verbindung zur „Außenwelt“ völlig abgeschnitten und Versuche bemerkt werden, wieder irgendwo anzudocken, in Beziehung zu treten. Ein seltsames Geschehen. Aber Worte…Geschichten.

      Ich liebe Geschichten. 😉

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  4. Elwood schreibt:

    Wenn se vun nix nich en Ahnung hett,
    eenfack mol de klapp hollen.
    Un dat een sodennig döösbattelig begrenzt üss, kannst bannig goot mol bichten.
    wieldat jo alltohoop un keeneen null nix een Ahnung hett.
    Dat kommt jüst eh ümmer annerwat all utklamüstert.
    Dat maakt jüst de Vergliek derart wat vun appeldwatsch un basig or asig woll jüst ni.
    Dor blifft nix as: Doon wat to doon üss un de Jedanken könen sodennig dörchruschen.
    Kann jo eh nix nich maaken, heff jüst jo ni Ahnung – energaal
    Ick gahn nu mol in den Krüdergoorn,
    Heff dor sodennig en Ahnung de Krüder könen Woter bruken….

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