Daniel Odier: eine neue Definition des Spontanen


head
Die funktionale Harmonie ergibt sich aus einer tiefgreifenden Annahme unseres unbewussten Funktionierens. Das Annehmen dieser inneren Alchemie, die bewirkt, dass ein großer Teil unserer Prozesse ohne unser Wissen stattfindet und das Bewusstsein sich unregelmäßig die Vorstellung der freien Wahl zu eigen macht, ist vollkommen dem Geheimnis und den Spielen des Gehirns unterworfen. Was wir als bewusste Wahl bezeichnen, ist nichts als eine späte Aufwertung von Tausenden von unbewussten Vorgängen.

Die Neurologen behaupten, dass das Gehirn 23/100stel einer Sekunde braucht, um die Vorgänge auszuführen, die der Handlung vorausgehen. Der bewusste Teil des Gehirns wählt nur das, was das Unbewusste bereits gewählt hat. Das weist auf einen maßlosen Hochmut hin, der hinter der Vorstellung der freien Wahl steckt. Das Bewusste tut nichts, als eine Schlussfolgerung zu vereinnahmen, und in den besten Momenten von Spontaneität macht es das sieben oder acht Sekunden später. Eine neue Definition des Spontanen könnte sich daraus entwickeln. Das Spontane wäre einfach nur die unmittelbare Annahme der unbewussten Wahlmöglichkeiten ohne theoretischen, moralischen oder gesellschaftlichen Widerspruch: Eine große Vereinigung von Körper, Verstand, Unbewusstem und Bewusstem. Man könnte fast sagen, spontan zu sein, ist gleichbedeutend mit unbewusst zu sein. Das, was wir als das Bewusstsein bezeichnen könnten.

aus: Daniel Odier, „Freude“

„Was wir als bewusste Wahl bezeichnen, ist nichts als eine späte Aufwertung von Tausenden von unbewussten Vorgängen.“ sagt Daniel Odier und sagt damit nichts Neues. Es ist ziemlich erstaunlich, wie hartnäckig sich der Glaube an den eigenen freien Willen hält – selbst bei Menschen, denen die Erkenntnisse der Neurobiologen bekannt geworden sind, selbst bei Menschen, die von sich behaupten, gar nicht zu existieren und daher auch nicht wählen zu können.

Daniel Odier sagt: „Die funktionale Harmonie ergibt sich aus einer tiefgreifenden Annahme unseres unbewussten Funktionierens.“ Aber wie könnte diese tiefgreifende Annahme geschehen, solange an den eigenen freien Willen geglaubt wird? Dem, was wir als das Bewusstsein bezeichnen könnten, gelingt es ganz offensichtlich perfekt, sich selbst zu täuschen. „Unsere Blödheit“ scheint „gewollt“ zu sein. „Obwohl du nicht der Handelnde bist, handle in dem Glauben, dass du der Handelnde bist!“ scheint besser zu funktionieren als „Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist!“ Dies führt dazu, dass wir die Erkenntnisse der Neurobiologen vergessen und nicht versuchen, sie immer wieder neu zu verifizieren oder zu falsifizieren. Dabei ist es doch so leicht, festzustellen, dass ich nicht einmal weiß, was mein nächster Gedanke sein wird.

koenig_0006Warum wäre es vielleicht ratsam, diese Arbeit der Verifikation bzw. Falsifikation zu einem geradezu täglichen Sadhana werden zu lassen? Für ein Gänseblümchen oder ein Eichhörnchen wäre so ein Sadhana völlig überflüssig, warum wäre es dann für ein menschliches Wesen ein zwar nicht notweniges aber vielleicht empfehlenswertes Vorhaben? Die Antwort liegt einfach darin begründet, dass kein anderes Lebewesen diesen maßlosen Hochmut entwickelt hat, der sich hinter dem Glauben verbirgt, eine freie Wahl zu haben. Aber warum vielleicht ratsam oder empfehlenswert, wenn es gar nicht notwendig ist? Weil sich vermutlich nur durch dieses ständige Sadhana eine tiefgreifende Annahme unseres unbewussten Funktionierens und damit eine allumfassende funktionale Harmonie ergibt. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe? – Kann natürlich auch sein.

002

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Daniel Odier: eine neue Definition des Spontanen

    • Nitya schreibt:

      Hmm, vielleicht kann ja jemand meinen Geist erhellen:

      Wieso sollte ich mir, wenn ich mich über den ganzen Scheiß aufrege, den der Dahlke da zusammengetragen hat, mal meinen Widerstand betrachten und die unbearbeiteten Schattenanteile bearbeiten? Ist Widerstand was Schlimmes?
      Ui ui ui, dann bin ich ein ganz Schlimmer.

      Gefällt mir

      • MenschMeyer schreibt:

        meine persoenliche Antwort:
        ein klares aufrichtiges und -rechtes
        Nein!!!
        soweit es in meinen persoenlichen Vermoegen und Erkenntnis steht!

        Gefällt mir

      • fredo schreibt:

        das mit der „notwendigen“ Schattenarbeit hab ich auch nie kapiert .
        wie könnte etwas notwendig sein , und für wen denn überhaupt , für den Schatten ?
        Letztlich ist dieses postulierte „Bearbeiten“ nix anderes wie der Ausdruck eines merkwürdigen ( eigenen ? ) Misstrauens gegenüber (eigenen ? ) Spontanreaktionen .

        „Bearbeiten“ findet ja ebenso automatisch wie Spontanreaktion statt .
        Und zwar durch die ( ebenso automatisch ) entstehenden Konsequenzen der Reaktionen .

        Gefällt mir

      • Elwood schreibt:

        Eine verwirrende Pr-Nummer?
        sollst Du sein Buch kaufen?
        Oder liegt es an unserer Missionskultur?
        Wenn wir von der Missionsarbeit unserer Eltern erstmal in Verwirrung beracht werden, freuen wir uns über jede neue Erkenntnis als ob uns der heilige Geist „persöhnlich“ die Lampe angeknipst hat. Wir können einfach nicht mehr glauben, dass die Natur unseren Motor auch ohne unsere Meinungen am laufen hält. Dat kann sich vieleicht erst beruhigen wenn der Gollaps einen zum still sein bringt. Aber wohl nicht immer wie man ja an uns Spinnern sieht.
        Naja – Satori hat kein Anfang und Praxis kein Ende….

        Gefällt mir

    • Elwood schreibt:

      Ne,Ne, mit sowas kann mann doch kein Widerssstand aubauen.
      Vieleicht aber mit Zorrrn bei der GLS-Bank:

      Gefällt mir

  1. fredo schreibt:

    ergänzend :
    Mir erscheinen die Postulierer der „notwendigen Schattenarbeit“ zumeist nix anderes wie stolz auf und merkwürdig eingebildet von „eigener“ Therapieleistung zu sein .
    Da hat jemand ordentlich und langanhaltend „auf den Deckel“ bekommen in seiner bisherigen Lebensgeschichte , und sich dann von „seiner“ Schattenarbeit konfrontiert gesehen .
    Da müssen dann deren Mühen unbedingt auch auf alle anderen postuliert werden .

    dabei ist es einfach nur eine Möglichkeit , wie sie halt Leben in seiner Vielfalt „dekorieren“ kann . Manchmal halt mit „schattiger Arbeit“ .
    Doch nichts unterscheidet das von z.B. einfachen , sanften und schlichten Dahingleiten im Strom der Lebensereignisse . ( ohne jede „eigene“ Arbeit ) .

    denkt sich so fredo ….

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Na ja, Schatten. Ein Beispiel:

      Nach dem Krieg sah man bisweilen wasserstoffsuperoxidblondierte, grell geschminkte Damen Arm in Arm mit baumlangen Negern in Uniform auf den Straßen lustwandeln. Diese Mischung hatte es den mit Naziweisheit vollgestopften Deutschen natürlich angetan. „Rassenschande!“ zischelten sie sie und „diese Hure!“ und „Verkauft sich für ein Päckchen Lucky Strike!“.

      Irgendwas davon ist bei mir hängengeblieben. Wenn ich heute eine wasserstoffsuperoxidblondierte, grell geschminkte Dame oder einen baumlangen Neger mit oder ohne Uniform sehe, reißt’s mich erst einmal. Da steigt erst mal Ablehnung in mir hoch. Hätte ich die ganze Geschichte aus meinem Bewusstsein verdrängt, würde ich dieses Gefühl der Ablehnung auf irgendeine Weise „ausagieren“. Dann würde wohl das in mir herumgeistern, was man einen Schatten nennt. Manche würden es vielleicht lieber Dämon nennen. Nun, ich hab die Geschichte nie verdrängt, meine komische Reaktion war mir immer bewusst und ich konnte sie immer grinsend über die Blödheit dieses Musters einfach zur Seite schieben.

      Meine Frage bezog sich also weniger auf Schattenarbeit an sich. Da würde ich sagen: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Nein, mich hätte interessiert, warum Widerstand an sich aus dem Reich der Schatten stammen sollte. Daniel Odier spricht beispielsweise von einer tiefgreifenden Annahme. Aber das heißt für mich nicht, dass da kein Widerstand sein darf. Tiefgreifende Annahme schließt für mich den Widerstand mit ein. Im übrigen fordert der Dahlke ja geradezu zu Widerstand auf. Also irgendwie steh ich da auf der Leitung. Ich kapier’s nicht.

      Gefällt mir

      • froeschin schreibt:

        Hmmm. Bei Dahlke war mir die Erklärung: „Wenn Du Dir ein Bein brichst, dann hat das mit Deinem Schatten zu tun.“ auch spätestens beim Thema „Wenn Du Krebs bekommst, nur weil Du vielleicht gerade 1945 in Hiroshima warst, dann ist das auch Dein Schatten.“

        Aber vielleicht tue ich ihm da auch unrecht und verkürze zu plakativ. Aber mir geht es mit dem Video ähnlich – nur nicht die eigene Lehre in Frage stellen … und zur Not so verschwurbeln, dass ein Buch dabei herauskommt. „Empört Euch“ reicht nicht:
        „Dieses Buch eignet sich hervorragend zur Auflösung von Hindernissen, blinden Flecken und Ärgernissen im Alltagsleben. Es dient dazu, heikle, nervige oder belastende Situationen und Ereignisse in ihren archetypischen Bezügen sehen zu lernen. Dadurch werden unbewusste Resonanzen, Polarisierungen und Schuldzuweisungen erkennbar. So wird es möglich, den eigenen Anteil zu erkennen – und zu verändern.“

        Na dann schaue ich mir mal meinen eigenen Anteil an der Ukrainekrise, Nahostkonflikt, dem Freihandelsabkommen… an, werde meinen Schatten bearbeiten und inzwischen ist der 3. Weltkrieg, Fracking u.ä. auch vor meiner Tür – aber das werde ich dann ganz gelassen nehmen, da sich eine Schutzkugel um mich gebildet hat, da ich ja meine Schattenarbeit gemacht habe… oder zumindest weiß ich, dass ich was noch nicht bearbeitet habe, wenn ich genervt über Raketenabwürfe oder vergiftete Böden bin.

        Gefällt mir

      • Nitya schreibt:

        Ich erinner mich noch an die Zeit, als Dethlefsen+Dahlke allgemein bekannt wurden. Wo du hin kamst, jeder hatte sie gelesen und wusste nun Bescheid. Wenn du Schnupfen hattest, hattest du z.B. die Nase voll und musstest nun in dich gehen und gestehen, wovon, du die Nase voll hattest. All die vielen Wissenden – es war kaum zu ertragen.

        Gefällt mir

  2. Blümchen schreibt:

    „Ich erinner mich noch an die Zeit, als Dethlefsen+Dahlke allgemein bekannt wurden. Wo du hin kamst, jeder hatte sie gelesen und wusste nun Bescheid. Wenn du Schnupfen hattest, hattest du z.B. die Nase voll und musstest nun in dich gehen und gestehen, wovon, du die Nase voll hattest. All die vielen Wissenden – es war kaum zu ertragen.“ sagte Nitya. Ja, spätestens wenn man die Diagnose einer schweren Krankheit bekommt, ist zu spüren, wie wenig wert all das sogenannte „Wissen“ ist. Man wird sozusagen in die Innenwelt hineinkatapultiert, da wo Stille und eine „Innere Stimme“ herrschen. Wissen ist nicht länger wichtig, nur Sein.

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Liebes Blümchen, (da muss ich natürlich sofort an das Blümchen in Buddhas Hand denken )
      das hast du schön auf den Punkt gebracht.
      Ja, Wissen ist nicht länger wichtig, nur Sein.
      Und dieses Sein wird nicht nur wichtiger als jedes Wissen, sondern auch wichtiger als die Krankheit selbst.

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s